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Das jüdische Literaturblatt · 1880-02-25 · No. 9. (25.2.1880) · p. Seite 34

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 9. (25.2.1880)
Date
1880-02-25
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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— 34 - scher Einfachheit und Gefühlsinnigkeit dastehende jüd. Familienleben aus der Zeiten Strom gerettet und als wichtiges Bindeglied in den Deutschthurn und Judenthum zu überbrücken bestimmten Lebensbau eingefügt zu werden? Wenn es wahr sein sollte — so ruft B. in weiterblickendem Patriotismus aus — dass die Juden zu gewissen Thätigkeiten mehr Anlagen hätten, als die Germanen, so sollten die letzteren, statt darüber Eifersucht zu empfinden, des Rathes, den Göthe giebt, eingedenk sein: Seh’ ich an Andern grosse Eigenschaften, Und wollen die an mir auch haften, So werde ich sie in Liebe pflegen. Geht’s nicht, so thue ich was Andres dagegen. Leben nicht seit den Stürmen der deutschen Reformation Deutsche in Russland, und gediehen nicht auch sie durch Geschicklichkeit, Fleiss und Massigkeit? So gewiss nun der Erwerb und die Thätigkeit der in Russland angesiedelten Deutschen der russischen Cultur im Ganzen zugute kommt, so gewiss gereicht die geistige und wirthschaftliche Arbeit der deutschen Juden dem deutschen Staate zum Vortheil. S. 196. Vollzieht sich neben dem socialen auch ein geistiger Verschmelzungsprocess zwisehen Deutschthum mit dem Judenthum, oder giebt es eine rein germanische, von dem Eindringen fremder Elemente durchaus freigebliebene Cultur? Es dient gewiss zur Klärung der jetzt wieder einmal verworrenen Begriffe von Cultur, wenn L.Bamberger, wie zur Antwort auf vorstehende Frage, daran erinnert, dass die germanische Gesammtbildung sich darstellt als eine Cultur, in welche neben biblischer Religion und Moral die classische Weltanschauung, die römisch-rechtlichen und römisch-staatlichen Begriffe und Institutionen, hellenische, romanische und englische Poesie und Literatur, italienische Kunst und Musik, französischer Gesehmack und Gesellschaftston sich in breiten Strömen ergossen haben. Er hätte in Bezug auf die geistigen Wechselbeziehungen zwischen den beiden uns hier näher interessirenden Factoren, Deutschthum und Judenthum, getrost noch hinzufügen können, dass die deutsche Rationalliteratur von den Bildern und Redewendungen biblischer Autoren, die doch auch biblischen Geist hegen, wie durchtränkt erscheint. ״Reine Cultur“ — so fährt L. Bamberger fort — ״hat kein Volk, und die cultivirtesten haben sie am wenigsten. Cultur sei genau das Gegentheil gradliniger Fortzeugung eines einzigen Volksgeistes, und deutsche Cultur stehe darum so hoch, weil sie so viel in sich aufzunehmen und zu verarbeiten vermochte.“ So weit L. Bamberger’s Betrachtung. Darnach darf man wohl die Hoffnung aussprechen, dass gerade die fortschreitende germanische Bildung und Gesittung, wozu ja nach Vorstehendem auch ein stetiges Weitergreifen in der geistigen gegenseitigen Durchdringung von Deutschthum und Judenthum gehört, die erbliche Antipathie gegen Juden selbst auch in Kreisen, wo sie heute noch herrschend ist, überwinden werde. T ..... 1. Samaritanisclie Aphorismen. Von Jos. Loewy in Gr.-Kanischa. Hauptmomente, welche das Samaritanerthum charakterisiren, sind: a) die Heilighaltung des Berges Gerisim. als des Ortes, welchen Moses (V. 12,5) als Opferstätte andeutete (ibid. 27, 4—5 fälschlich Ebal) und bestimmte, wo Josua thatsächlich einen Altar errichtete (Jos. 8, 30), und auf welchem die Bekenner noch heute die Passahlämmer schlachten; b) die apokryphische Behandlung aller prophetischen Bücher; c) ihre angebliche Abstammung von Josef Sohn Jacobs (s. Br. Rabba 94); d) ihr abweichendes Kalenderwesen; e) der ihnen (zwar irrthümlich) zur Last gelegte Taubencultus u. a. m. — Wir haben nicht die Absicht, die breitgetretene Geschichte der Samaritaner hier aufzuwärmen, sondern beschränken uns auf einige Bemerkungen zu den berührten Momenten: a) Gerisim. Alle Nachrichten, die aus samaritanischen Quellen und aus dem Munde der Orientreisenden geflossen, besprechen das antike Pentateuch, weiches der Urenkel des Hohenpriester Ahron geschrieben haben soll. Nun berichtet Dr. Orelli, Prof, in Basel, dass diese autographische Anmerkung: ״Ich Abischa, Sohn des Pinhas, Sohn Eliasers, Sohn Ahrons, schrieb dieses Buch im Thor der Stiftshütte auf dem Berge Gerisim im 13. Jahre nach dem Einzuge in Kanaan“ nach dem 6. Vers des 5. Capitels im V. Buch Moses, also nach אנכי eingefügt wäre (Jüd. Literbl. 1879 Nr. 52). Soll dieser Bericht keinem Zweifel unterzogen werden, so muss die Einschmuggelung an solch unpassenden Platz auf einer schwerwiegenden Bedeutung beruhen. Irren wir nicht, so dürfte diese Abnormität in der Heilighaltung des Gerisim zu suchen sein, welcher sie vermittelst eines Zusatzes zu dem Dekalog Ausdruck geben. Dieses elfte Gebot lautet: ״So ihr nach Kanaan kommt, richtet einen Altar auf Gerisim u. s. w.“ wörtlich wie in Mos. V. 27,4—8, nur dass sie Gerrisim mit Ebal vertauschen. Dieser Anhang findet sich sowohl in ihrem ersten, als in ihrem zweiten Dekaloge, und bildet ein elftes Gebot. Um aber nicht gegen die עשרת הדברים zu verstossen, muss das אנכי zurücktreten und blos Einleitung werden, was die unterbrechende Autorgraphie und die Autorität des Schreibers bekräftigen soll. b) Mit gleicher Consequenz erkennen sie Jerusalem und die davidische Dynastie, dessen Gründerin nicht an, und verwerfen als nothwendige Folge die prophetischen Bücher, welche sowohl Jerusalem als David Theils einsetzen, Theils bestätigen,*) und überdies, da solche ihre fremde Abstammung — also nicht von Joseph—historisch nach weisen (Kön. II. 17, 24) Die letzten Propheten, und besonders die 12 kleinen, eifern zumeist gegen den Stamm Ephraim, dessen Metropole eben Sichern war, was ohne allen Zweifel auf die Samaritaner und die durch sie verleiteten jüd. Reste abgezielt war. c) Die Abstammung von Joseph. Dieser Wahn scheint nicht sowohl auf der Lage Sichems im Mittelpunkte Ephraims, wo auch die Gebeine Josephs bestattet wurden (Josua 24.34) zu beruhen, als darauf, dass Jacob seinem Sohn Joseph die Stadt Sichern geschenkt habe. Während wir nämlich Mos. I. 48, 22: ״Ich;gebe dir einen T h e i 1“ etc. etc (Onkelos: חילק) übersetzen^ commentirtder samaritanischeTargum: ואנא יהבת לך שכם wie sich Jonathan deutlicher קרהא דשכם ausdrückt. Ebenso scheint ihre Umbildung des Wortes הורי (Ahnen) Mos. I. 49, 25 in הרי (Berge) nicht wie Dr. Ad. Brüll**) (II. Theil seines Sam. Targum S. 33) meint, nicht blos um Gerisim zu verherrlichen, sondern vielmehr, weil dieser Segen den Ahnherrn Joseph angeht, welchen sie mit dem Gerisim gern in Verbindung sehen. Nach Jer. A. Sara 3, 2 galten die Fiisse Jacobs und Josephs den Samaritanern als Idole. d) Der Kalender. Bekanntlich ist der samar. Kalender, und somit auch die darauf basirenden Feiertage von unseren verschieden. Dieser Trotz genügte ihnen nicht, sondern sie ersannen tückische Kunstgriffe, *) Auf diese saraarit. Opposition führen Einige bekanntlich den Ursprung der H a p h t a r a im Cultus zurück, durchweiche die Gleichwerthigkeit der prophet. Bücher mit dem Pentateuch documentirt und (besonders auch in den Eulogien) die bevorzugte Stellung Jerusalem- Zijons und der davidischen Dynastie hervorgehoben wurde. (Red.) **) Derselbe (S. 38) finden unter anderen ״Eigenthümlithkeiten“, dass der A Codex די mit בניאס übersetzt. Wir finden es ganz richtig, nur ist das Wort corrumpirt und soll heissen: ״Paneas“, wo der Jordan entspringt; seitHerodes: Caesarea Philippi. (Vgl. Bechoroth 55a.)

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