Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 9. (25.2.1880)
- Date
- 1880-02-25
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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\o. 9. Das Jahrg. IX• Jüdische Literaturblatt. Znr Beleuchtung aller Juden• thum und Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. •«1 ׳$׳• Magdeburg, £5£5. Februar 1880. Bücher der einschlägigen Li• teratur, welche der Redaction zugesandt werden, finden in diesem Blatte eingeh. Besprechung. BeiEinsendung von zwei Becensionsexeroplaren erfolgt auch. Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״Jüiliselie Iiiteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen־, Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro J ahrg ang: 8Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten and Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitischen Wochenschrift.“ Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ludwig Bamberger über Deutschthum und Judenthum. — Samaritanische Aphorismen. Von Jos. Loewy in Or.-Kanischa. Literaturbericht: Recensionen: Hamhurger, Realencyclopädie für Bibel und Talmud. — Natonek, ־כתר שם םוב Ehrenkranz des guten Rufes. Festgabe zum 25jährigen Amtsjubiläum des Dr. M. Landsberg. Notizen. Ein Wort in eigener Sache. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Ludwig Bamberger über Deutsehtlium und Judentlium. Durch die socialen Kämpfe der letzten Monate mit der Hochtluth von Flugschriften, welche die wieder einmal auf der Bildfläche des öffentlichen Lebens in Deutschland erschienenen ״Judenfrage“ erzeugt hat, dürfte in Manchem sich von Neuem die Frage aufgedrängt haben, was Deutschthum und Judentlium für einander sind, was sie für einander sein könnten — oder, mit anderen Worten: die Frage über Sland und Zukunft des socialen und geistigen Verschmelzungsprocesses, in Avelchem diese beiden Culturmächte lange schon sich befinden. Um so erfreulicher ist es wohl für jeden ernster denkenden Deutschen, der, sei es in dem einen oder dem anderen Lager, in all diesen Kämpfen in Wort und Schrift nach dem gesucht haben mag, was ihnen einen bleibenden Werth verlieh, ich sage, um so erfreulicher ist es, hier, in dem Aufsatze des bewährten Publicisten und Staatsmannes L. Bamberger nach den schätzbaren Beiträgendie die Flugschriften zur Orientirung in dieser Frage bereits früher gebracht, auf neue und höchst bemerkenswerthe Gesichtspunkte in Beurtheilung desselben Gegenstandes zu stossen. Wenn in der Jndenfrage des Oefteren schon auf die allerdings nicht zu unterschätzende Thatsache liinaewiesen worden, dass die modernen Grossstaaten sich aus verschiedenen Nationalitäten aufbauen, so geht L. B. noch einen Schritt weiter, in solcher Assimilation gerade ihre Stärke zu suchen, woraus sich auch der Schluss ergiebt, dass es eine Absurdität wäre, die heute bestehenden nationalen Grossstaaten nach dem Grundsatz absoluter Rasseneinheit purificiren zu wollen. Das Nebeneinanderstehen, ja die gegenseitige Durchdringung von Deutschthum und Judenthum ist ihm nur eine Seite dieses in der Neuzeit sich allgemein zwischen den Nationalitäten vollziehenden Verschmelzungsprocesses. Und war es denn auch — so könnte man hinzufügen — in den letzten Jahrhunderten vor der christlichen Aera anders? Haben nicht die hellenistischen Reiche unter den Nachfolgern Alexander des Grossen die verschiedensten Volkstämme des Morgen- und Abendlandes vereinigt? Und ist nicht die so reiche, in mehr als einer Beziehung so interessante hellenistische Literatur eine Frucht dieses Verschmelzungsprocesses? Dabei vereinigt das Judenthum, wie unser Beobachter ausdrücklich anerkennt, scheinbar einander aufhebende Gegensätze in sich, es besitzt neben einer starken Lebenskraft, die eine starke Individualität voraussetzt, auch wieder die wundersame Fähigkeit der Assimilation, die es ihm möglich macht, Eigenes aufzugeben und Fremdes in sich aufzunehmen. Mit keinem Volke aber haben sich die Juden auch nur entfernt so eng zusammengelebt wie mit den Deutschen, sie sind germanisirt weit über Deutschlands Grenzen hinaus, sie bleiben mit der deutschen Sprache verwachsen, auch wenn ihre Heimath längst nicht mehr din deutsche Erde ist. Da gelangt denn L. Bamberger zu dem ganz richtigen Schlüsse, dass es Berührungspunkte im Grundcharakter der beiden Volksstämme sein müssen, welche Deutschland und deutsche Sprache von jeher anziehend für Juden, und umgekehrt diese geeignet, das deutsche Volkswesen zu ergänzen, gemacht haben. In beiden, Deutschen 11nd Juden, findet sich der spirituaie Grundzug menschlichen Denkens, der sie zu denspivitualistischsten Nationen aller Zeiten und Länder gemacht. Vermöge dieses spiritualistischen Grundzugns seien gerade die Germanen so geeignet zur Aufnahme und Verarbeitung des dem Judenthum so nahe verwandten Christenthums gewesen. Die Neigung zu abstractem Denken sei bei beiden gleich stark vertreten, die speculative Philosophie des Juden Spinoza ist nirgends so tief erfasst worden, wie in Deutschland. Beide auch seien die vorzüglichsten Kau heute der Welt, wofür unser Beobachter auf das Beispiel der deutschen Kaufleute im Auslande verweist. Das Ingenium der Juden weicht aber auch erheblich vom germanischen ab, was soll geschehen, wenn diese oder jene Seite des jüdischen Ingeniums nicht völlig im germanischen aufgehen will? Auch darauf hat unser Führer die zutreffende, aus tiefer Beobachtung geschöpfte Antwort. Nicht die Entäusserung derjenigen Eigenschäften, die den Juden vom Germanen unterscheiden, nicht in der Verleugnung aller Stammeseigenthümlichkeiten, also in der Selbstaufgabe, wie uns jüngst ziemlieh deutlich von anderer, sonst wohlwollender Seite zugemuthet worden, erblickt L. Bamberger den nothwendigen Fortschritt in dem zwischen Deutschthum und Judentlium sich vollziehenden Versehmelzungsprocess, nein! er findet, dass die besseren Eigenschaften des jüdischen Stammcharakters, und unbestreitbar seien solche vorhanden, sich sehr wohl in d i e s e r Mischung verwerthen Hessen. (S. 190.) Oder verdient nicht das zum Theil noch in patriarchal!»