Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 8. (18.2.1880)
- Date
- 1880-02-18
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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liches Mitleid im Herzen hatten und den Unglücklichen möglichst beistanden, gerecht zu werden und ihre Namen der Nachwelt zum ehrenden Andenken zu überliefern. So gedenkt er des Königs Heinrich IV., der Anstalten traf, die Juden zu retten, dessen Macht aber damals in Deutschland gebrochen war; ferner des Bischofs Johannsen von Speyer, dass durch ihn, der keine Bestechung annahm, der vielmehr ein sehr frommer Mann war, dessen Herz Gott erfühllte, Gott uns Rettung gebracht habe. Ja selbst den Erzbischof Ruthard von Mainz, dessen Verhalten von den Historikern (Schlosser, Weltgeschichte B. 5, S. 185; Gesch. der deutschen Kai• serzeit B. III, p 670) gänzlich verurtheilt wird, sucht er einigermassen zu entschuldigen, indem er von ihm aussagt: ״Anfänglich war es sein Wille, uns zu retten, aber zuletzt wurde er sauer, d. i. verdorben/ Auch von den Bürgern mancher Stadt erzählt er uns, dass sie mit den mord- und beutelustigen Barbaren keine gemeinschaftliche Sache hätten machen wollen etc. Darmstadt. M. Mannheimer. Literaturbericht. Recensionen. Bibliotheca Rabbinica. Eine Sammlung alter Midraschim. Zum ersten Male ins Deutsche übersetzt von Dr. August Wünsche. Erste Lieferung: Der Midrasch Koheleth. Leipzig. Otto Schulze. 1880. Eine Uebersetzung des Midrasch und zwar von einem christlichen Theologen! Zwei Umstände, die das Eingangs genannte Buch zu einem besonderen und aussergewöhnlichen stempeln. Wie lange harrt nicht schon der Midrasch eines deutschen Bearbeiters? Bruchstücke sind allerdings hie und da geliefert worden, Blumenlesen aus dem Midrasch wurden bald in periodischen Zeitschriften, bald in selbständigen Büchern veröffenllilicht; wir erinnern beispielsweise an die Anthologie von Fürstenthal, Parabeln von Giuseppe Levi,*) Stimmen vom Jordan und Euphrat von Michael Sachs u. dgl. m., aber nur trug man eine gewisse Scheu, an eine fortlaufende Uebersetzung des Ganzen zu gehen. Weshalb — ist wohl leicht erklärlich. Man fürchtete in ein Wespennest zu stechen, wenn man den gesammten Midrasch dem grösseren Publikum zugänglich machen wollte. Vieles, so dachte man, sei besser in das he* bräische Sprachgewand gehüllt, wodurch es weniger auffalle und kein Anlass zu einer falschen Beurtheilung unserer Literatur biete. Herr Wünsche hat aber den kühnen Versuch gemacht, und wir müssen sagen, er hat einen glücklichen Wurf gethan. Seine Arbeit fällt in eine Zeit, wo von allen Seiten gegen das .Judenthum losgezogen wird, wo sowohl gegen den jüd. Glauben selbst, als auch gegen die Bekenner desselben Angriffe und Beschuldigungen gerichtet werden. Hier zeigt ein Mann von nichtjüdischem Stamme, wie unser Schriftthum, dessen Anfänge bis in die altersgraue Vorzeit hinaufreichen, einen Ehrenplatz in der modernen Wissenschaft einnimmt, er beweist durch die Uebersetzung des Midrasch, dass jüdischer Geist und jüdische Forschung, wie sehr sie auch zum Aschenbrödel geworden, dennoch ein nothwendiges Vehikel zur Erkenntniss der Weltliteratur cind. Wahrlich die beste Widerlegung auf all die Absurditäten, welche die Herren Rohling und Conserten über Talmud und Midrasch zum Besten gaben. Doch wir wollen auf das Werk selbst eingehen. Der Verf. hat sich mit Liebe in seinen Gegenstand ver¬ *) Jüngst auch von Daniel Ehrmann und Sailer (Red.) senkt, er verstand es, sich ganz in den Geist und die Denkungsart unserer Altvordern zu versetzen, er hat jede Voreingenommenheit gegen jüdische Welt- und Lebensanschauung, gegen die Auffassung des jüdischen Gottesbegriffs von sich abgestreift, und die Alten in ihrer Art und Weise reden lassen, so dass wir durch die Uebersetzung einen kleinen Einblick in die Werkstätte gewinnen, wo der Midrasch zuerst entstanden ist. Wer selbst an eine ähnliche Arbeit sich herangewagt, wird die Schwierigkeiten ermessen, die dabei zu überwinden sind, um in einer Uebersetzung das Original wiederspiegeln zu lassen. Und nun erst gar beim Midrasch! Da muss man sich durch das Sprachgewirr hindurchwinden, die räthselhafte Schreibweise muss erst entziffert werden, bevor man an die Eruirung des Gedankeninhalts denken kann. Zieht man diesinBetracht,so.muss man den Fleiss und die Mühe bewundern, die der Hr. Verf. auf die Arbeit verwendet hat; er hat sich in den Gegenstand seiner Forschung so vertieft, dass er manche Stellen, wie auf S. 27, in eine poetische Form hat giessen können. Die Uebersetzung ist fast durchwegs elegant, gefällig, auch der sprödeste Stoff wird unter den Händen des Verf. geschmeidig und gewinnt etwas Anziehendes. Man wird durchaus nicht gelangweilt, wenn man einige Stunden in der Uebersetzung liest, im Gegentheil, auch dem Laien muss sie eine angenehme Lectüre sein, er wird kaum gewahr, dass es im Grunde alter Geist ist, der Jahrhunderte lang in Ghetto’s und Judengassen eingesperrt war, jetzt in einem modernen Prachtgewände vor uns erscheint. Ein Prachtgewand ist die uns vorliegende Uebersetzung zu nennen; wir meinen nicht nur die äussere Ausstattung des Buches, die freilich auch ein Wort der Anerkennung verdient, und die dem Verleger (Otto Schulze in Leipzig) zur Ehre gereicht, der bei der gegenwärtigen antisemitischen Zeitströmung für eine ״semitische Waare“ so grosse Kosten übernommen, wir meinen noch vielmehr die Darstellungsweise, wie Herr Wünsche den Midrasch reproducirt. Es ist wirklich staunenswert!! zu sehen, wie ein christlicher Theologe sich so sehr in den Geist jüdischer Schriftgelehrten vertieft, dass er ihe geheimsten Gedanken erräth! Fällt es doch selbst uns, die wir das Hebräische gleichsam mit der Muttermilch eingesogen, oft schwer, die Werke unserer Vorfahren mit unserem heutigen Geiste zu durchdringen — Des Hrn. Wünsche fleissige Arbeit wird sicherlich von jüd. und christl. Gelehrten mit gleichem Beifall aufgenommen werden, was ihn zur Fortsetzung und Vollendung des begonnenen Werkes ermuthigen wird. Wir erfüllen nur Recensentenpflicht und gewiss auch den Wunsch des nach Wahrheit strebenden Verfasser’s, wenn wir einige berichtigende Bemerkungen folgen lassen. (Fortsetzung folgt.) Schriften für die Juden. (Fortsetzung.) 4) Die Lehrsätze des neugermanischen Judenhasses von Ludwig Stern. Würzburg. 63 S. Diese Schrift wäre vortrefflich, wenn der Satz: jeder Stil ist erlaubt, der langweilige ausgenommen, nicht ein gut Theil Wahrheit enthielte; wir verlangen keine Witze und Piquanterien; aber schon der klare und rasche Fortschritt der Gedanken, der alles nicht streng zur Sache Gehörige und vollends alles Ueberllüssige bei Seite lässt, macht die Lektüre erfreulich. Diese Schrift ist ein Arsenal, aus dem die Freunde der Juden gar viele Waffen holen können; aber diese Waffen müssen vor dem Gebrauch noch tüchtig geschliffen und geschärft werden Der Gemeindebund hat dieses Schriftchen unter seinen hohen Schutz genommen, denn sie ist hübsch sanft und thut eigentlich Keinem etwas zu Leide — als dem Leser, der noch obendrein ob der landesüblichen