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Das jüdische Literaturblatt · 1880-02-18 · No. 8. (18.2.1880) · p. Seite 30

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 8. (18.2.1880)
Date
1880-02-18
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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— 30 — und man hebt damit in unseren Tagen wieder lustig an. Es gab aber auch Köpfe vom ersten Rang unter ihren Gelehrten; die Namen Maimonides, Spinoza, Mendelssohn, Maimon u. s. w. haben auch anderen Völkern sich merkwürdig gemacht, und auf Spinoza kommen die echten Tiefdenker stets wieder zurück. Manche treffliche Aerzte sind in neueren Zeiten aus ihnen hervorgegangen, nicht weniger Mathematiker; Herrn Roberts ״Macht der Verhältnisse“ ist ein bürgerliches Trauerspiel von entschiedenem Werth, Herr Meyerbeer, der Tonkünstler, macht jetzt in Italien Aufsehen; als scharfsinnige Witzlinge sind die Israeliten allenthalben bekannt u. s. w.“*) Summa: Ihr sollt die Juden lieben als Eure Nachsten, wollt Ihr anders Christen sein, und wollt Ihr das nicht, thut Ihr am besten, Euch beschneiden zu lassen, damit Ihr doch physisch religiös doch etwas seid, da Ihr es moralisch verweigert. Ihr sollt die Juden ehren als das älteste, ehrwürdigste Volk, das Assyrer und Meder, Griechen und Römer überlebt hat und Euch noch jetzt in treuer Anhänglichkeit am Glauben der Väter, in fester Nationalität und manchen bürgerlichen Tugenden nacliahmenswerthe Boispiele aufstellt. Und insofern ihnen da und dort nach anklebt, was Ihr jüdische Laster nennt, und vermeint, es beeinträchtige da und dort gewisse Stände, ist es endlich allerorten auch wohl Zeit, nicht in Leidenschaft die Wirkungen zu schmähen, sondern verständig die Ursachen hinwegzuräumen. Gebt nur den Israeliten gleiche Rechte mit anderen Bürgern und sie werden gute Bürger sein, deren kein Volk zu viele zählen kann. So gebieten Religion und Vernunft, die Thorheit aber könnte nur sich wundern, wenn ein Volk — oder vielmehr ein Theil davon — dem man in Jahrhunderte langen Bedrückungen eine gewisse Verderbniss — die gleichwohl ärger verschrien wird, als sie es in der That ist — nicht anders als allmählig zu einer veredelnden Wiedergeburt gelangen kann. So Ihr dies aber nicht thut, fürchtet Nemesis, die Rächerin! Hebt Ihr Judenverfolgungen an, werdet Ihr Menschenverfolgung üblich machen, denn schlimme Beispiele finden mehr Nachahmung als edle. Ruft Ihr wilden Fanatismus zurück, werden seine Gräuel auf Euch und Eure Kinder sich stürzen. Räumt Ihr ein, man dürfe um Meinungen gegen einander wüthen, stehen auch Eure Meinungen um so weniger sicher da, und Eure Unthat verschuldete es selbst, wenn auch sie einst Schwert und Feuer bekämpfen .**) Wollt Ihr einem Plünderungssystem reicher Israeliten den Eingang öffnen, wird des Pöbels Abschaum bald auch anderes Eigenthum rauben, von Zügellosigkeit in Zügellosigkeit fallen wollen, und nur Blutbad auf Blutbad werden die öffentliehe Ordnung herzustellen vermögen. Dies sollten *) Seitdem sind an Männern und Frauen von Namen, die im Judenthum lebten und starben, oder deren Wiege wenigstens im Judenthum stand, unter vielen Anderen hinzugetreten: Börne, Heine, Saphir, Michel Beer, Mosenthal, Kompert, Michel Berend, Berth. Auerbach, Moritz Hartmann, L. A. Frankl, Julius Rodenberg, Philipp Galen, Karl Emil Franzos, E M. Oettinger, Fanny Lewald, Miss Glace Aguilar, Hänle, Kalisch, Rudolf Löwenstein, Jul. Stettenheim, Riesser, Joh. Jacoby, Lassalle, Georg Manin, Lasker, Ludw. Bamberger, Ed. Gans, Stahl, Neander, Simson, Friedenthal, Friedeberg, Fould, Cremieux, Disraeli. Die Aerzte: Prof. Traube und Geh. Rath Stilling, Herz; die Maler: Bendemann, Moritz Veit und Oppenheim; die Componlsten und Musiker Felix Mendelssohn, Halevy, Offenbach, Moscheies, Winiawsky, Lassen, Joachim, Rubinstein, Hiller; die Sängerin Pauline Lucca; die Schauspieler Dawison, Barnay, Sonnenthal, Sarah Bernhardt; der Schlosser Arnheim, der Architekt Oppler; die Philan-tropen Israel Jacobsohn, Salomon Heine, Moses Montefiore, Königswarter etc. etc. Und nun gar erst •die respectable Zahl jüdischer Gelehrten von anerkanntem Rufe auf fast allen Gebieten der Wissenschaft! Nach Herrn Professor v. Treitschke natürlich Alles Talente dritten Ranges, M. W. *#) Und damals gab es noch keine Socialisten! M. W. | vornehmlich jetzt alle redliche Deutschen wohl bedenken, und sowohl hier als allenthalben woSectirerei und Parteienwuth ihre Fahnen aufstellen, Jeder in seinem nächsten Raum arge Uebel abwenden helfen. Jetzt, wo man des Drachen Zähne säet, wenig sie aber erst aufgegangen, und die bösen Keime noch auszujäten sind. Jetzt, wo theilweise zwar die Jugend von manchem gefährlichen Wahn befangen, aber doch nicht tief genug in den Strudel hinabgezogen ist, der Wahrheit sich ganz zu versagen, jetzt, jetzt! Dann heisst es erst nach Horaz: Postquam discordia tetra belli ferratas postes portasque refregit, kann auch leicht der französische Kerrnspruch gelten: C’est tres souvent le remäde, qui fait empirer le mal.“ M. Weinberg. Zum Unsterblichkeitsglauben bei den Juden. Herr Dr. Philippson hat in einigen Nummern des vorig. Jahrg. der ״ Allgem. Zeit. d. Judenth.“ die neueste Schrift von Ernst R6nan besprochen und auf Seite 756 die Behauptung Renan’s, dass das Judenthum den Glauben an die Unsterblichkeit nicht anerkannt, ja nicht gehabt habe, so dass er (Renan) die jüdischen Märtyrer ״ohne Hoffnung auf ein künftiges Leben das Martyrium bestehen lässt“, durch Anführung von Citaten aus Bibel, Apokryphen und Talmud zurückgewiesen. Jene Behauptung ist aber auch aus sich selbst heraus, d. h, durch Anführung dessen, was die Märtyrer selbst gesprochen, zu widerlegen In dem von mir im Jahre 1877 edirten ״ Juden Verfolgungen etc“ heisst es von den Märtyrern in Mainz: ״Und als die Männer des heiligen Bundes einsahen, dass das Verhängniss beschlossen und die Feinde gesiegt hatten, weinten sie Alle und sprachen: ״Lasset uns Alles ertragen, was die heilige Ehrfurcht (Gott) uns auferlegt hat; denn wenn uns auch die Feinde momentan tödten, so leben wir doch das ewige Leben und unsere Seelen dauern im Paradiese fort, und kommen in das helle Licht, welches ewig leuchtet.“ — Und sie Alle sprachen mit gutem Herzen und willigem Gemüth: ״Wir dürfen den Fügungen Gottes nicht nachgrübeln. Er hat uns seine Thora gegeben und will nun haben, dass man uns auf die Einheit seines heiligen Namens tödte, Heil uns, wenn wir seinen Willen vollführen. Und Heil dem, der auf seinen Namen getödtet wird. Nicht genug, dass er, der jenseitigen Welt theilhaftig, daselbst unter den Frommen weilet, sondern er vertauscht auch eine Welt der Finsterniss mit einer des Lichts, eine Welt der Leiden mit einer der Freuden, und eine vergängliche Welt mit einer, die immer und ewig bleibt.“ (Vgl a. a 0. Seite 19, 24, 26, 27.) Es war die ethische Idee der Gottinnigkeit, in welche der Glaube an ewige Fortdauer wurzelt, wie dies in unseren Psalmen erkennbar ist, welche die Märtyrer beseelte und sie freudig in den Tod gehen liess. Bei dieser Gelegenheit möchte ich bezüglich meines Werkchens*) folgende Bemerkung machen: Was der Darstellung unseres Märtyrologen noch besonders den Stempel der Wahrheit aufdrückt, ist sein sichtbares Bestreben, denjenigen Nichtisraeliten, welche ein rnensch- *) ״Die Judenverfolgungen in Speyer, Worms und Mainz im Jahre 1096 während des ersten Kreuzzuges. Aus einem in der Grossheizoglichen Hofbibliothek zu Darmstadt befindlichen alten Manuscript übertragen nnd mit historisch-kritischen Anmerkungen begleitet von M. Mannheimer, emerit. Rabbinatsverweser p. Preis pro Exemplar 50 Pf. — Es kann vom Verleger Adolf Lange und auch von dem Verfasser bezogen werden. — in einigen Gemeinden ist es seit Erscheinen dieses Werkchens gebräuchlich, am Sabbath vor Tischali b’Aw statt des langwierigen, unverständlichen ״Memorens“ aus diesem Büchlein in der Synagoge die Leidensgeschichte und die Beispiele des religiösen Opfermutbs jener Märtyrer vorzulesen. (Dieser Brauch ist gewiss zu billigen und der Nachahmung zu empfehlen. Red.)

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