Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 7. (11.2.1880)
- Date
- 1880-02-11
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584358--1481-9584360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 2× ep/1005097
OCR text
— 26 — überschätzt; es giebt aber auch wohlhabende Brauer, Bäcker, Materialisten etc, und Niemanden kommt ein, von ihnen eine Gefährdung des Gemeinwesens zu behaupten. (S. 17.) Sie mögen aber auch thun, was sie sie wollen, Vorurtheil und Schelsucht ihrer Mitbürger lassen es doch ihnen nicht billig zurechnen. (S. 30.) Es giebt, wie schon gesagt, ungemein viel jüdische Armuth, und besitzt ein Jude nur einige tausend Thaler, hält man ihn oft schon für bedeutend reich, weil er, thätiger unternehmend als gewöhnlich Christen, reicher scheint, als er es ist. (S. 37.) Hat ein Israelit Vermögen, es durch thätigen Pleiss, kluge Speculation, Handelsglück — das auch christliche Kaufleute begünstigt — kurz auf rechtlichem Wege erworben — kann es ihm doch nur engherziger Neid missgönnen, er muss uns so ehrenwerth dastehen, wie jeder emsige und gescheute Christ. Allein man will immer die Vermuthung wecken, der Jude habe, was er besitzt, auf unrechtlichem Wege gewonnen. Nun, auch an vielen anderen Orten dürfte es nicht ganz lauter und rein stehen, wenn wir, Reichthümer erblickend, der Art und Weise genau nachforschen könnten, die ihn zusammenhäufte. (S. 38.) Bei dem, was mir zu Gesicht kam, schwöre ich hoch und theuer, dass mehr Fälle mir bekannt sind, wo J u d e n von Christen betrogen wurden, als umgekehrt. Der Christ erhebt dann nur ein grosses Geschrei, was der Jude nicht thut. (S. 41.) Was Erschleichungen und Bestechungen anlangt, sind bei dem Act immer zwei Schelme nöthig, Einer, der besticht, und Einer, der sich bestechen lässt. Zuweilen von letzterer Sorte wohl mehrere noch; z B. wenn man so hört, dass es vom Thürsteher angefangen haben soll, dann zum Kammerdiener, Secretair und weiter, weiter. Deshalb sollten wir nie sagen: die Juden bestechen, ohne hinzuzufügen: und wir Christen lassen uns bestechen. Und so werden allenthalben neben die Judenlaster Christenlaster zu stellen sein, welche die Concurrenz dreist zu bestehen vermögen. Es wird Niemanden abzuleugnen einfallen, dass gar viele Christusbekenner auch durch Schlauheit, Schmeicheln, Kriechen, Gunstbetteln und mancherlei Art der Bestechung zu Vortheilen gelangen, und oft zu erhabeneren als die Juden. Wie soll die Rechnung aber stehen, dafern es uns beliebt, einmal zu den religiösen und bürgerlichen Tu* genden hinzublicken und eine Parallele zu ziehen? Durch das alte Testament sind sie halbe Christen, wie wir halbe Juden. Die Urgesetztafeln haben wir gemein. Lasst sehen, welcher hier am meisten frommen Gehörsam übt. Du sollst nicht andereGötter haben neben mir — (!). Du sollst den Namen Deines Gottes nicht unnützlich führen—(fluchen Christen oder Juden mehr?). Du sollst den Feiertag heiligen — (sind wir darin stark?). Du sollst Vater und Mutter ehren — (da sollten wir namentlich in dieser Zeit nicht mitreden). Du sollst nicht ehebrechen — (da und bei dem, was hierher gehört, thun wir auch am besten, zu schweigen). Selbst das Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugniss reden wider Deinen Nächsten, halten die Juden besser als wir. Denn wie schwatzhaft sie häufig auch sind, reden sie nicht gern lieblos von Anderen, kehren vielmehr gern Alles zum Besten. Bei den noch übrigen Geboten wird es auf eins hinaus laufen; es giebt Mörder und Diebe dort und hier, Habsucht ist fast Allen gemein; das Resultat ergiebt aber klärlich: dass in der Mehrheit aller Gebote die Juden frommer sind als wir.“ (S. 42 ff.) Kurzum liest man das mit Wärme, Vorurtheilslosigkeit, mit Freimuth und Scharfsinn geschriebene Büchlein vom Anfang bis zum Ende durch, so sieht man immer dieselben Erscheinungen der Judenverfolgungen aller Zeiten, dieselben Beschuldigungen (Geldmacht, Wucher, status in statu, fremdes Element etc.) — je nach Zeit und Umständen um die eine oder andere vermehrt — und immer die eine gleiche Zurückweisung: dass man theils von falschen Voraus- Setzungen ausgeht, unsere Mängel vergrössert, unsere Lichtseiten verschweigt, und dass man daneben fälschlicher Weise das Judenthum für Dinge verantwortlich macht, die es absolut nicht verschuldete, mit denen es nicht das Geringste zu thun hat. Nur ein Moment erscheint im Buche, was man noch zu Anfang dieses Jahrhunderts mit Treitsehke’schem Scharfsinn gegen uns geltend machte, das jetzt von der Bildfläche verschwunden ist: Die Unbrauchbarkeit des Juden zum Soldaten, Heute fällt es Keinem mehr ein, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. So rasch arbeitet die Zeit! (Schl, f.) Beleuchtung einer nicht ganz aufgehellten Bibelstelle. Zu den klarsten Partien der biblischen Geschichte in der Zeit nach Salomo gehört die Regierungszeit Chiskia’s, und zwar schon deshalb, weil wir über die sich darin abwickelnden wichtigen Begebenheiten zwei parallel laufende Berichte, im Buche der Könige und im Buche J e s a j a, besitzen, die, von einander abweichend, doch hie und da einander ergänzen oder erklären können. Kommt aber in beiden Berichten, fast mit denselben Worten erzählt, etwas Auffallendes vor, und sind dazu noch die einzelnen Sätze und Ausdrücke leicht verstündlich, so ist die Annahme nicht ganz unberechtigt, dass der Sinn der fraglichen Stellen trotz ihrer oberflächlichen Klarheit nicht tief genug durchschaut worden ist. Wir meinen hier den an die Erzählung von der babylonischen Gesandtschaft sich knüpfenden Wort- Wechsel zwischen dem Propheten Jesaja und dem Könige Chiskia (Jes 39, 3-8; 2. Kön. 40, 14—19). Auffallend ist nämlich dabei Zweierlei; zunächst die gewaltige Erbitterung Jesajas darüber, dass Chiskia der Gesandtschaft alle seine Schätze und Kostbarkeiten gezeigt, die sich in der Prophezeiung des traurigen Looses der königlichen Nachkommenschaft Luft macht, und sodann die Gleichgiltigkeit, mit welcher der sonst so treffliche König und gefühlvolle Mensch über das ihm vorausverkündete Unglück seines Volkes und seines eigenen Stammes sich hinwegsetzte, indem er ausrief: כי יהיה שלום ואמת בימי (oder: ..הלוא אם), ohne auch nur sein Bedauern darüber kundzugeben. Es spricht sich darin nicht so die Ergebung aus, wofür diese Aeusserung nach der gewöhnlichen Auffassung angesehen wird, wie ein Stumpfsinn und ein Mangel an Theilnahme und Vorsorge für die Schicksale seiner Kinder und Kindeskinder! Diese thatsächlichen Schwierigkeiten in dem Verhalten Jesajas’ wie Chiskias’ fallen, wie ich glaube, weg, wenn wir das Zwiegespräch zwischen dem Propheten und dem Könige als das erkennen, als was ich es bereits oben bezeichnet habe, als einen Wortwechsel in der nicht seltenen Bedeutung dieses Ausdrucke*, als einen kleinen Zwiespalt, hervorgerufen durch die Empfindlichkeit des Königs darüber, dass sich Jesaja auch in diese rein königliche und unbedeutende Angelegenheit (wie sie Chiskia auffasste) einmischte, und durch die Entrüstung des Propheten über die Zurückweisung oder Nicht-Einholung seines bewährthen Rathes in einer r:^aaggrr~״