Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 7. (11.2.1880)
- Date
- 1880-02-11
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Wo. 7 Das J ahrg. IX. Znr Beleuchtung aller Judenthum und Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalin, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. ץ Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, 11. Februar 1880. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction zugesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh. Besprechung. BeiEinsendnng von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. boo _p.rsclie.int wnc,hfintlicii in einem halben Boven; Preis bei allen Buchhandluncjcn I iilinl t: Wissenschaftliche Aufsätze: Alter und neuer Judenhass. — Beleuchtung einer nicht ganz aufgehellten Talmudstelie. Li teraturber icht: Schriften für die Juden: 1) Juden und Judenhetze von Enodatus. — 2) Die moderne Judenhetze von A. Reichenbach — 3) Börne und Treitschke! Offenes Sendschreiben über die Juden an Löb Baruch. Notizen. — Anfrage. Literarische Anzeigen. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Alter und neuer Judenhass. Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie ewig neu. ״Alles schon dagewesen“ — sagt Ben Akiba. Vor mir liegt ein Büchlein mit dem wohl kaum noch der älteren! Generation bekannten.Titel: ״Die Hep-Heps in Franken und anderen Orten. Von Julias v. Voss. Teutonien 1819. Herrn Dr. Sabattja Wolf in Berlin gewidmet.“ Es heisst darin in der Widmung: ״Und wenn es mich nun letzthin ungemein empörte, von dem zu lesen, was in Würzburg, Bamberg 11. s. w. sich zugetragen liat, gerieth ich noch mehr in Staunen, als ich Gelegenheit fand, einige öffentliche Urtheile über diese Vorgänge zu hören. Ich musste mich besinnen, ob ich in Berlin oder M . , . . t lebte, ob wir 1819 oder 1419 schrieben. . . . Ihnen aber eigne ich das Schriftchen zu, einmal aus Achtung vor ihrem Geist und zweitens weil es mir passend dünkte, es einem Israeliten zuzueignen. Stiften Unbillige Zwietracht, müssen Billige öffentlich wieder freundliches Vernehmen darthun, ein Gegengewicht hervorzubringen. Vieler Missdeutung hätte ich meinen Schritt jedoch blossgestellt, wären Sie ein reicher Wechsler, der gute Tafel giebt. Zum Glück aber!heilen sie ihre Beschäftigungen nur in Heilkunde und Erfreuung durch klassischen Witz. Nun darf meine Widmung nicht böse Zungen scheuen.“ Das Schriftchen selbst beginnt: ״Ihr da, Judenverfolgungen an einem Ort anhebend, am anderen sie nicht missbilligend, belachend, Lust zeigend, gelegentlich auch wohl so zu tliun, als ständen wir schon wieder im 14. oder 15. Jahrhundert, Ihr wahre Finsterlinge, bedenkt Ihr denn nicht, dass Ihr auch Juden seid? Der religiösen Abstammung nach reformirte Juden, mindestens, wie sonnenklar, halbe Juden oder Mosaisten, weil Ihr an den Gott Israels glaubt, und das alte Testament die Grundlage Eures theologischen Systems zur Hälfte bildet. Ist die römische Kirche älter als die lutherische, anglikanische etc,, steigt die mosaische wieder zu einein noch höheren Alter hinauf, ist so alt wie die Geschichte, insofern Moses aus noch grauerer Vorzeit Tradition sammelte; die Urahnin alles Culfcus, von den indischen Mohamedanern an, durcli Europa hin bis zu den letzten Christen in Cali formen und von da wieder nach Sibirien; überall wird die Gottheit angebetet, die zu Moses sprach. Ihr mögt es nun verstehen d urch d en Geist oder buchstäb lieh, immer bleibt es die ehrwürdigste aller Ueberlieferungen; Judaismus, Cliristianismus und Islamismus sind darauf gebaut. Und es kommt Euch bei, gegen die Altväter, die religiösen Halbbrüder zu wüthen? Beleuchten wir einmal nicht Euer Recht, das Ihr dazu haben könntet, nein Eure Sünde und Schande, indem Ihr also thut. Die Reformation in Jerusalem, die Trennung der christlichen von der jüdischen Kirche, nennen wir billig' ■ein Streben um veredelte Humanität. Wer dies Streben theilt, ist ein Christ, wer hasst und verfolgt, möge er noeli so viel den Rosenkranz oder das Gesangbuch handhaben, entweiht den Namen. Zwei Sätze sind der christlichen Kirche Grundsteine, alles Uebrige ist Commentarbau. ״Was du nicht willst, das dir geschehe, thue auch keinem Andern“. Nun, wollt Ihr gern beschimpft und mit Steinwürfen geängstet, aus Euren Wohnungen sammt Weib und Kind verjagt, Eurer Habe beraubt sein? — ״Liebet eure Feinde.“ So müsstet Ihr die Juden, auch wenn sie Eure Feinde wären, lieben; und wenn sie Eure Feinde sind, kann’s traun nicht in Verwunderung setzen. So lange es noch Christen gab, trieben sie es auch mit den Juden so, dass sie wohl ihre Feinde sein mussten, und bewiesen also, dass sie keine Christen waren. . . . Und hat auch oft ein Israelit Ducaten beschnitten, Fabrikarbeiter gedrückt, überhohen Zins genommen, mit schlechten Waaren geprellt (was Christen aber gelegentlich auch thon) ist es ein Nichts gegen die Gräuel, welche die Christen gegen sie verübten; Gräuel, die weit eher Feuer vom Himmel verdient hätten, als Sodom und Gomorrha’s unnatürliche Wollust.“ Zur Widerlegung der auch jetzt wieder erhobenen Beschuldigung von der zu grossen Geldmacht der Juden, ״der goldenen Internationale“, heisst es: ״Es giebt ungemein viele bitter arme Israeliten,, die mit Kummer und Notli ihr Dasein fristen, namentlieh in kleineren deutschen Städten. Man gewahrt es nur nicht so, weil der arme Israelit mit einem löblichen Ehrgeiz sein inneres Hauswesen und den kärglichen Behelf unseren Augen entrückt, und ihre Gemeine eben so löblich sorgt, dass nicht leicht Bettelei entstehe, worin unsere Einrichtungen übertroffen sind. . . Die Zahl der wohlhabenden Juden in mittleren Städten wird