Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 6. (4.2.1880)
- Date
- 1880-02-04
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 23 — Was lieisst national?*) Der Vortrag des gefeierten Psychologen enthält so viel des Anregenden und Belehrenden, dass es vielleicht ein unbescheidenes Verlangen ist, auch auf die Frage: was lieisst national? aus ihm eine Antwort zu bekommen. Wenn ich als siebenjähriger Knabe in dem kleinen Grenzstädtchen, wo dazumal deutsche und polnisclie Knaben einen ständigen Kampf führten, meine i Mutter gefragt hätte, warum der Ladislaus ein ״P01eCf und ich ein ״Deutscher“ sei, ich glaube, meine Mutter hätte in dieser Frage nichts Geistreiches gefunden und mir sicherlich geantwortet: Das sollte ein Junge in Deinem Alter doch schon wissen, weil Du deutsch redest und der Ladislaus polnisch. Die Sprache ist an sich freilich nur etwas Formales; aber aus der Gleichheit der Sprache entwickelt sich die Verwandtschaft des Denkens. Die durch die Sprache Verbundenen holen ihre Bildung aus denselben Volksliedern, derselben Literatur, und so entsteht unwillkürlich auch eine Verwandtschaft des Gefühls und der Empfindung, und man kann von einem specifisch nationalen Geiste reden, und doch die Sprache, dies rein formale Element, als den eigentlichen Quell des- ,selben angeben. Indess es giebt Menschen, die alles dies gemeinsam סל“ haben, und doch sich nicht als zu derselben Nation gehörig ansehen. Vor einem Jahrzehend noch hat der Elsässer trotz der sprachlichen Beziehungen zu Deutschland, Frankreich mit vollen Freuden als sein Vaterland betrachtet. Wenn wir unsern Sprachgebrauch d h. das Volksbewustseivi dabei zu Rat he ziehen, so müssen wir constaiiren, dass man von solchen Leuten sagt: sie gehören zum deutschen Volke, obgleich sie sich als Franzosen fühlen. Sie werden gleichsam in zwei Fächer einregistrirf, national zu den Deutschen, staatlich zu den Franzosen. Mag einer als Mutterspräche irgend ein beliebiges Idiom haben, aber er lebt in einem Staat, der ihn unterrichtet und bildet, der ihn schützt und fördert, unter dem er die Segnungen bürgerlicher Freiheit geniesst, so wird er diesen Staat lieben und ihm, dem er Alles verdankt, auch Alles zu opfern bereit sein Diesem Staate gehört er an mit Leib und Leben; aber auch dieser Nation? Sein Verhällniss zum Staat ist ein persönliches, durch seinen Willen bestimmtes; um ihn aber zu derselben Nation zu zählen, fehlen, wie es scheint, gewisse äussere unentbehrliche Merkmale Es giebt Staaten, in denen das nationale Element zurückt ritt, in denen das Staatsbewusstsein weit machtiger ist als das Volksbewusstsein; man sagt wol, der ist ein Oesterreicher, aber man sagt nicht, er gehört zum österreichischen Volke, weil man ein solches bei der Ungleichartigkeit der Sprachen gar nicht gelten lässt. Die französischen Hugenotten, die in Deutschland leben, sind, trotzdem sie ihr Französisch eifrig pflegen, für ihr deutsches Vaterland leidenschaftlich begeistert, weil sie neben den gegenwärtigen Vorzügen eines deutschen Bürgers auch noch die gastfreundliche Aufnahme erwägen, die dereinst ihre Väter hier gefunden, und wiederum haben diese Väter das Band, das sie an die Heimath knüpfte, zerrissen wegen des Gewissenszwangs, aber nicht das n a t i o n a 1 e Band, das sie gar nicht zerreissen konnten, sondern das Staatliehe. Trotz der Gleichheit der Sprache waren wiederum die Rheinländer bis zum Jahre 48 nur sehr matte Preussen; und auch ihr deutscher Patriotismus war schwach! als aber durch die parlamentarische Verfas- Ein Vortra& von Professor Lazarus. Berlin, Dämmler, ■58 S. u. Anhang 3 S. ’ sung die Zugehörigkeit zu dem preussichen Staatswesen ihnen lebendiger würde, als Abgeordnete des Westens mit denen des Ostens in einem Saale tagten, da fühlten sie sich als Preussen; freilich ist der Staat am meisten gefestet, in dessen Grenzen ein Volk wohnt, und darum sehen wir z. B. die Versuche der Regierung die Anderssprachlichen zu germanisiren. Aber in der Hauptsache ist es wol möglich einen Staat zu lieben ohne zu dem Volke zu gehören, das den wesentliehsten Bestand(theil dieses Staates bildet. Nach meiner Laienauffassung schwimmen diese beiden Begriffe in der Darstellung des verehrten Professors ein wenig zusammen. Moltke ist gewiss ein guter Patriot und dennoch ist er aus Dänemark in den preussischen Dienst hinübergetreten. Rüinelin macht auf das Wort der Ruth zu Naemi aufmerksam: ״Dein Volk sei mein Volk, und Dein Gott der meine.“ Wir sehen daraus, dass die Neigung zu einzeln Bürgern des Staates so mächtig werden kann, um die Liebe zum Staate selbst zu erzeugen; es ist dies ein gewöhnlicher Vorgang, dass wenn einer eine Ausländerin heirathet, diese aus Liebe zum Manne auch den Staat und das Volk desselben lieb gewinnt. Aber Rümelin hat meines Erachtens nicht Recht, wenn er sagt: mein Volk sind diejenigen, die ich als mein Volk ansehe, wenn er die subjective Empfindung als das Entscheidende anführt. Nein, wer zu einem geordneten Staatswesen gehört, alle Vortheile desselben geniesst, und dennoch sagt: ich bebe dieses Land nicht, es ist mir gleichgültig, der hat eine niedrige und rohe Gesinnung, denn einem sittlichen Menschen müssen die Institutionen tlieuer sein, durch die er ein mensehenwürdiges Dasein führen kann. Und überdies hat die These von der Subjektivität auch noeh den Haken, däss eigentlich dann zwei Dinge nothwendig sind, nicht nur, ich zähle mich zu Euch, sondern auch: wir zälden Dich zu uns. Mir scheint die Liebe zum Staate nicht aus der subjektiven Empfindung zu kommen, die der Eine haben und der Andere nicht haben kann, sondern die natürliche Voraussetzung zu sein in jedem Lande, wo Gesetz und Recht herrscht. Wenn sonach Einer den Juden vorwirft, ihr fühlt nicht deutsch, so verräth er damit nur sein böses Gewissen, dass er ihnen die Vortheile des Bürgers nicht gönnt; dann freilich kann er kaum viel Gegenliebe erwarten; in der That wird auch dieser Vorwurf meist nur von den Parteien erhoben, die den Juden die bürgediehen Rechte verweigert haben; wer aber rechtlos in einem Lande lebt, der hat wohl die natürliche Anhänglichkeit zur Geburtsstätte, aber keinen Patriotismus. Mit unseren Rechten ist unsere Liebe gewachsen und wir lieben unser Vaterland jetzt nur um so inniger, weil das Recht, das einem Schwachen, der es nicht erzwingen kann, gewährt wird, von dem Empfänger als eine Art von Gnade angesehen wird, während es allerdings der Geber nur als die Erfüllung seiner Pflicht betrachten sollte. Es kommt also wirklich nicht viel darauf an, ob Treitschke’s Ahnen längere oder kürzere Zeit in Deutschland waren, als die der deutschen Juden; die Vaterlandsliebe der deutschen Juden ist wahrscheinlich jünger, war wenigstens früher nicht so innig, als die der anderen Deutschen; denn man liebt die nicht, die uns kaum leben lassen; heute aber gehört unser Herz den! Vaterlande. Wen geht es an, ob unsere Urahnen so gar grosse Patrioten gewesen sind? Unsere Liebe mag jung sein, dann rostet sie um so weniger; wie weit käme man in Nordamerika, oder in England, dem Lande, wo der nationale Stolz am mächtigsten ist, wollte man die Bürger zur Prüfung ihres Patriotismus auf’s Blut untersuchen?