Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 6. (4.2.1880)
- Date
- 1880-02-04
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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— 22 — Bemerkung: ״Die Psyllen, eine Art Wundermänner, verstehen es noch heute, Schlangen durch Berührung steif und starr wie einen Stock zu machen.“ Dann fährt Herr Sch. fort: ״Ueberhaupt ist der Begriff ״Wunder“ relativ, was dem Einen als solches erscheint, gilt für einen Anderen, der mehr Kenntniss und Verständnis von den Dingen hat, nicht als solches. Und ist die Ordnung in der Natur, das Wachstlmm und Vergehen der Pflanzen, Thiere und Menschen kein Wunder? Wer würde nicht noch vor 100 Jahren Telegraphie, Eisenbahnen, die meisten chemischen Experimente für Wunder erklärt haben?“ Zum Cap.: Die Plagen Aegyptens: Jede der 10״ Plagen lehnt sich an die örtlichen Verhältnisse und Naturzustände Aegyptens an Alte und neuere Schriftsteiler berichten übereinstimmend über alljährliche Nilüberschwemmungen und über zuweilen eintretende Verwandlungen des Nilwassers in schmutziges, ockerartiges Roth etc. etc. . . . Froschplagen kamen auch in anderen Ländern vor (Gallien, Pannonien u A. m.). Von der fünften Plage (Viehseuche) wurde Aegypten auch 1782 und 1840 heimgesucht. . . . Die sechste Plage war die als echt ägyptisches Uebel bekannte Nilkrätze, von welcher auch die Franzosen unter Bonaparte in Aegypten befallen wurden etc. etc. Ad: P h arao’s Untergang: ״Indem das Wasser theils nordtheils südwärts getrieben wurde, erschien es wie gespalten etc. etc. S. 68: ״Vom persischen Gesetzgeber Zoroaster erzählt die Sage in ähnlicher Weise (wie von Moses), dass er auf einem heiligen Berge sich aufgehalten, der wie in Feuer gehüllt erschienen; und als der Gesetzgeber vom König und den Grossen des Reichs besucht wurde, sahen sie ihn von einem Lichtschein umflossen.“ S. 73: ״Vom Winde getriebene Wachtelzüge kommen im Frühling und Herbste häufig vor etc. Da sie aber, weil sie schädliche und giftige Kräuter gemessen, der Gesundheit sehr nachtheilig sind, besonders, wenn zu viel genossen, so starben viele Israeliten als Opfer ihrer Unmässigkeit und Ver giftung.“ Cap. Bileam: ״Auch dass Thiere plötzlich zu reden antangen, finden wir in heidnischen Sagen (die redenden Rosse des Achilles u. dgl in.) “ S. 93: ״Halte an, 0 Sonne, bleib’ in Gideon!“*) ״Solche dichterische Fassung des Geschichtlichen finden wir u. A. in der Ilias, wo Agamemnon den Zeus gebeten, die Sonne nicht untergehen zu lassen, bis er Priarnes’ (?!) Wohnung gestürzt haben würde.“ ״In der Geschichte des Helden Simson tritt uns der reichste Schmuck der Sage entgegen, weleher das Leben des Heros umstrahlt“. ״Die Angabe, dass 5000 Mann (aus Bet Seines) starben, ist offenbar übertrieben“. (Wird dadurch das Wunder denn verkleinert, Herr Rabbiner?)**) Zum Zerwürfniss zwischen Saul und Samuel: ״Wir haben hier bei Samuel ein Beispiel prieslerlichen Dünkels.“ ״Diese Handlungsweise Samuels, (dass er nicht mit Saul ״zur Opferhandlung“ umkehrte) ist so recht ein Typus priesterlicher Anmassung hierarchischer U eb e rh e b u n g.“ ״Der beste Mensch — und Saul hatte einen durchaus guten Character — kann sich oft da, wo es sich um sein ganzes Sein handelt, nicht vor übereilten Handlungen hüten.“ So, Herr Schreiber? David in der Wüste Maon: ״Alle diese Erzählungen haben offenbar einen *) S. 11. Gibeo n; es wimmelt im Buche von Druckfehlern, meist hei den Eigennamen (so steht auch regelmässig Absalon st. Absalom). Obige Stelle giebt übrigens eine kleine Probe von dem Uebersetzungstalent des Hrn. Sehr. Die nichtstudirten Herren Cohn und Dinkelspiel übersetzen S. 92 die Worte viel richtiger: Sonne stehe still zu Gibeon! — Eine Probe seiner exegetischen Kenntnisse liefert Hr, Sehr. S. 6, wo Kajin ein Bild der ״Genusssucht“ sein soll, von kana ״gemessen“. (Red.) **) Auch S. 138 schreibt Hr. Sehr, von einer bibl. Zahl ״sagenhaft übertrieben“. S. 43 ist ihm die Zahl der 70״ Personen“ und S. 156 die Zahl 40״ Tage und 40 Nächte“ eine ״runde“ (Red.) Schüler oder Freund Samuels, einen Gegner Sauls, zum Verfasser.“ S.155: ״Dass das Leben eines so grossen Mannes wie Eiiah, mit Sagen und Wundern ausgeschmückt ist, ist natürlich. Dass Eiiah die Baalspropheten vom wüthenden Volke tödten liess, war nicht recht*) etc. Ich habe bisher immer den Forscher und Gelehrten sprechen lassen und ich denke, es ist nicht meine Schuld, wenn der Leser durch derartige Kinderbelehrung und Aufklärung sich angeekelt sieht; manchmal erzwingt sich in den gelehrten Raisonnements des Herrn I)r. aber der Theologe das Wort und fördert dann nicht weniger Erbauliches zu Tage. Z. B.: ״Die Sabbathruhe wurde im Talmud so ausgedehnt, dass die Beobachtung derselben nicht eine ״Lust“ (Oneg), sondern fast zur Qual wird. (Für Sie auch, Herr Dr.?) Wichtig ist folgender talmudiseher Ausspruch: ״D ein Geschäft darfst du am Sabbath nicht verrichten, aber Gottes Geschäfte darfst du verrichten (Sabbath 113a), d. h. alle im Dienste der Humanität nöthigen Geschähe So hat z. B. die Augsburger Synode (1871) es erlaubt, am Sabbath in die Synagoge oder zu wohlthätigen Zwecken zu fahren Der Grund, warum die früheren Rabbiner das Fahren am Sabbath verboten, ist für unsere Zeit hinfällig“, meint Hr. Sehr. S. 65. — ״Die mosaischen Speisegesetze, deren Prinzip in dem Satze gipfelt: ״Alles Verabscheuenswerthe sollt ihr nicht essen... Aas, Verrecktes und auf dem Felde Zerrissenes sollt ihr nicht essen . . .״ wollen den Menschen von Allem fern halfen, was ihn dem Thierischen näher!, . . . Die Rabbiner freilich haben dje mosaischen Speisegesetze geradezu bis zur Unkenntlichkeit erweitert und dadurch bewirkt, dass auch die mosaischen immer; mehr in Verfall kommen.“ (S. 70.) — Ich breche hier auch mit dieser Art vonCitaten ab Nur der Gedanke, dass es sich um ein Schulbuch handelt, liess mich den moralischen Ekel niederkämpfen, so lange mich mit diesem jämmerlichen Machwerk zu beschäftigen. Die Nutzanwendung ergiebt sich von selbst. En parenthese mag nur noch bemerkt sein, dass mehr als die Hälfte der in den wissenschaftlichen Bemerkungen eingestreuten hebräischen Worte, selbst wenn sie deutsch geschrieben sind, von Fehlern strotzen, auf einer einzigen Seite deren 6!! Auch sonsthin ist, soweit die Zusätze des Herrn Sehr, in Frage kommen, das Buch reich damit gesegnet, wie denn UberhauptSatzbau, Orthographie und andere Sprachwidrigkeiten der bedenklichsten Art, die rnildernde Umstände kaum zulassen, zu sehr bösen Folgerangen Anlass geben können. Ueber den ״Anhang“ gehe ich hinweg,**) da es mir nur darum zu thun war, die Verballhornung des 1 Cohn-Dinkelspiel’sehen Büchleins durch Herrn Schreiber nachzuweisen. Einen ehrlich gemeinten Wunsch will ich aber dem Büchlein in dieser Verhunzung — es ist wirklich schwer, einen ׳parlamentarischen Ausdruck zu finden — noch mit auf den Weg geben: Mögen diejenigen jüdischen Väter der Gemeinde Bonn, die nicht aus Indiffeientismus und Ignoranz, sondern aus wirklicher Ueberzeugung der Reform auf religiösem Gebiete zugethan sind und wissen, dass und wo auch diese ihr Ende haben muss, die Schreiber'schen Zusätze und Abänderungen recht andächtig durchlesen und dann, Hand aufs Gewissen, entscheiden, ob sie einem Lehrer die religiöse Erziehung ihrer Lieblinge anvertrauen können, der solche Ansichten für Judeuthum ausgiebt. Wg. #) Dass Herr Sehr, sich über die Tödtung der Baalspropheten so ereifert, finden wir allerdings erklärlich. Jedenfalls mag er den Göttern eine Hekatombe opfern, dass Eli diese Procedur nicht in seinen Tagen vorgenommen hat, er hätte es dann sicher bleiben lassen, derartige wissenseheftliche bibl Erzähluagen für jüd. Schnlen zu schreiben, er hätte ihn geschunden wie Marsias. **) Aber wir wollen später darauf noch zurückkommen. (Rd.)