Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1880-01-28 · No. 5. (28.1.1880) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 5. (28.1.1880)
Date
1880-01-28
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5367336-6488238-9584348--1471-9584350
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

— 18 schädlicher Haltung dem Jost’schen nachstehe. Er lehnt die Verantwortlichkeit für Graetz von sich und den deutschen Judeu ab. Woher hat nur Ph. das Mandat, für diese zu reden? Für die zweite Erklärung Graetz’ gegen T1\, die allseitig gerühmt worden ist, hat Ph. nur das eine verui!heilende Beiwort ״heftig“. Sollte sich Graetz etwa noch apart für die Ehre bedanken, dass Tr. ihn allein einer Antwort gewürdigt hat? Wir haben Respect vor dem Senior der jüdischen Publicistik, aber Greise, die geehrt sein wollen, müssen zuvörderst selbst ihr Alter in Ehren halten und nicht den Augenblick, wo alle Welt über einen Autor herfällt (nebenbei gesagt, für ein Buch, das elf Jahre alt ist) dazu nutzen, um p e rsönlicher Abneigung die Zügel schiessen zu lassen. Gegenüber diesen wenig erfreulichen Erscheinungen war es uns eine Genugthuung, im Pariser ״Temps“ einen Berliner Brief zu lesen, der Graetz in glänzenden wohlverdienten Worten feiert.*) Z. An Herrn Professor Dr. Harry Bresslau. Sie haben durch Ihr Sendschreiben ,,Zur Judenfrage“ den Dank aller deutschen Juden ohne Unterschied der religiösen oder politischen Parteistellung sich erworben. Auch ich theile die allgemein Ihnen gezollte Anerkennung, auch ich freue mich der vornehmen Haltung, durch weiche Ihr Sendschreiben sich in erfreulicher Weise vor so vielen andern, sehr gut gemeinten, auszeichnet. Aber ist es deshalb geboten, dass wir diejenigen Ihrer Behauptungen unbestritten lassen, von welchen die judenfeindliche Presse sofort Akt nehmen dürfte, als von Zugeständnissen, die ihre Anklagen gegen unsere Gesammtheit unterstützen? Ich meine damit keineswegs Ihre durchaus nicht collegiale Haltung Prof. Grätz gegenüber. Hinkt auch Ihr Vergleich dieses Historikers mit onno Kloppstock nach allen Seiten — hier der charakterfeste Mann, der die Ideale seiner Jugend hochhält und für sie duldet und kämpft — dort der feile, Gesinnung und Glauben gleich einem Kleide abwerfende Mensch — so bedarf doch Grätz keines Anwaltes. Anders steht es mit den zwei Angaben, welche den Inhalt der 13. Seite Ihres Schriftchens bilden. Sie räumen ein, ״dass es in der That ein kleines Häuflein ultraorthodoxer jüdischer Rabbiner giebt, die auf einem derartigen Standpunkte stehen, indem sie Palästina auch jetzt noh für die Juden als das Land der Verheissung betrachten, die daher den Aufenthalt der Juden in Deutschland nur für einen zeitlich begrenzten halten und schon aus diesem Grunde nicht ganz und völlig Deutsche zu werden geneigt sind.“ Herr Professor, ich bin weder ultraorthodox, noch überhaupt orthodox, aber die Ansichten der Orthodoxie kenne ich doch gut genug, um Sie hier eines Irrthums zeihen zu müssen. Ist der Mensch, welcher, sei es durch die Propheten Israels, sei es durch die moderne Wissenschaft belehrt, die Trennung der Menschheit in Nationalitäten als eine Vorstufe ansieht, welche dereinst überwunden werden muss, ist der Mensch, der der Menchheit Ideal im Kosmopolitismus sucht, darum unbedingt für jetzt ein faules Glied am Volkskörper geworden? Ist der Christ, der der Wiederkunft des Messias harrt — dem das ״tausendjährige Reich“ als Zukunftsbild vorschwebt, nicht ein guter Deutscher oder Engländer? Warum soll der Jude, der ein ähnliches Idealbild, das seinen religiösen Anschauungen entstammt, im Herzen trägt *) Siehe die ״Isr. Wochenschrift“ Nr. 5 unter ״Frankreich“. (Rd.) dadurch als der Gegenwart, seinem Volke abgestorben, bezeichnet werden? Und weiter, Herr Professor, wollen Sie nicht in Abrede stellen, aber es erklären und entschuldigen, dass thatsächlich noch heute eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Juden vorhanden ist, welche noch nicht völlig die deutsche Cultur in sich aufgenommen haben; sie finden sich hauptsächlich im Osten Preussens, vereinzelt aber auch in ganz Deutschland, namentlich auf dem platten Lande! Ich bin in einer kleinen Stadt der Provinz Posen geboren und amtire hier in einer ganz deutschen Gegend, wo ich oft mit den ״Landsjuden“ in Berührung komme. In der Prov. Posen, ebenso in Westpreussen und Oberschlesien zählt der Jude zu den Deutschen — sieht der Pole in ihnen seine politischen Widersacher. Worin bekundet sich der Mangel an deutscher Cultur? In der verderbten Sprache? Ob sie schlimmer ist, als die Dialektmischung, welche die Deutschen im Osten überhaupt sprechen? Dass die auffallendsten Verdrehungen des sogenannten Jüdisch-Deutsch (hebräische Worte ganz abgerechnet) z. B. im Coblenzer Dialekt sich wiederfinden, dürfte Ihnen nicht neu sein! Inmitten slavischer Bevölkerung sind die Juden Vertreter deutscher und preussischer Gesinnung, und, wenn auch vielleicht nicht in mustergiltiger Weise, auch der deutschenSprache. Die Analphabeten sind unter ihnen gewiss nur sehr selten zu finden. Worin also stehen sie niedriger, als die reindeutschen Bürger und Bauern jener Gegenden? Und hier am Rhein spricht der Landsjude den ortsüblichen Dialekt ohne jede Beimischung — auch hier steht er in Wissen und Bildung hinter seinem christlichen Mitbürger nicht zurück. Vielleicht, verehrter Herr, halten Sie es nicht unter Ihrer Würde, zu erklären, dass Sie mit den erwähnten beiden Zugeständnissen über das richtige Mass hinausgegangen sind und entziehen damit dem Hasse den einzigen Grund, sich Ihres trefflichen Sendschreibens freuen zu können. Dr. Lewin, Rabbiner in Coblenz. Literaturbericht. RecensioHen. Rabbinowicz, Dr. Israel Michael. Legislation civile du Talmud, nouveau commentaire et traduction critique du traite BabaBathra T. IV. Paris, chezErnestThorin et chez l’auditeur, Rue de Seine 63. 1879. (Schluss.) Ich will den Herrn Verf. auf Einzelheiten aufmerksam machen, in denen ich seine Ansicht nicht ganz theile. S. XV. und S. 55 gibt Verf eine von Raschi abweichende Erklärung der Worte: דילמא אתי לאתרשולי Bab. bath. fol. 21 p. 1. Er sagt: Wenn man einen Lehrer, der gut lehrt, vor einem Lehrer, der besser lehrt, entfernen würde, so würde man seinen Eifer lähmen. Raschi aber erklärt: Der Eifer des Neuangestellten würde gelähmt werden, weil er an ״Dünkel“ leiden würde. Es scheint doch viel richtiger, dass Rabbah es für unrathsam findet, den besseren Lehrer anzustellen, weil er dessen Eifer bezweifelt, als weil er den Eifer des ers t er en bezweifelt. Denn was schadet es, wenn der Abgesetzte nicht mehr eifrig wäre? Es schadet ihm nur seine Stellenlosigkeit, aber nicht der Schule. Rabbah aber befürchtet, dass der Dünkel des zweiten Vorgezogenen der Schule schade, und das ist nicht unberechtigt. Uebrigens übersetzt der Verf. S. 55 riehtiger als S. XV. Von S. XXIX an zeigt der Verf., dass die freie Verfügung über das Vermögen mit Uebergehung der | sogenannten Erstgeburtsrechte schon in biblischer Zeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.