Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 5. (28.1.1880)
- Date
- 1880-01-28
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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Das No. 5. Jalirg. IX. Literaturblatt. Zur Beleuchtung aller Jndenthum und Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Ra Inner. Magdeburg, ÖS. Januar 1880. Bücher der einschlägigen Literatnr, welche der Redaction zngesandt werden, Anden in diesemBlatte eingeh.Besprechnng. BeiEinsendung von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״«liiiliselie Iiiteraturblatt‘‘ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitische! Wochenschrift.“ 1111» a 11: Wissenschaftliche Aufsätze: Professor Graetz und seine Gegner. — An Herrn Professor Dr. Harry Bresslau. Literatu!’bericht: Recensionen : Rabbinowicz, Legislation civile du Talmud, nouveau commentaire et traduction critique du traite Baba Bathra. — Rauchmann, Die Mischehe zwischen Juden und Christen. — Lauth, Aus Aegyptens Vorzeit. — Loewy, Eine Causerie. — Levy, Rede zum 50jährigem Amts• Jubiläum. — Linguistische Notizen. Zum 70. Geburtstag Leopold Dukes. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Professor Graetz und seine Gegner. Die Art und Weise, wie einige jüdische Skribenten in den letzten Wochen Herrn Prof. Graetz begegnet sind, ist eine recht deutliche Illustration zu dem bekannten Goethe’schen Worte: ״Ueber’s Niederträchtige nimmer Dich beklage, denn es ist das Mächtige, was man Dir auch sage.“ Goethe braucht bekanntlich das Wort niederträchtig liier noch in seinen! ursprünglichen Sinne, wo es so viel ist, als niedrig gesinnt, niedrig trachtend. Aber das Volksgefühl hat Recht, wenn es das Wort, das Niedrigkeit bedeutet, allmählich zum schärfsten Ausdruck des sittlich Verworfenen umgeprägt hat; denn sie ist die Brutstätte alles Bösen. Treitschke hatte Graetz hinausgehoben, ihn der a n t ideutschen und der antichristlichen Gesinnung angeklagt, und da sein Geschichtswerk massgebend sei für die Juden, daraus unliebsame Schlüsse gezogen auf die deutsche Judenheit überhaupt. Es war edel von Graetz, dass er an das Endeseiner Entgegnung die Worte Schrieb : ״Wenn Sie noch einen Funken Gewissen haben, machen Sie meine Religions- und Stammesgenossen nicht für das verantwortlich, was ich geschrieben habe. Habe ich gefehlt, so will ich es allein biissen.“ Aber es war gar nicht edel, dass so viele, die Treitschke widerlegten, das bequemste Widerlegungsmittel, nämlich dies, Graetz ganz zu desavouiren, nicht verschmäht haben. Gewiss sind die Juden nicht verantwortlich für Alles, was Graetz geschrieben hat. Indess ein solches Desaveu ist wohlfeil; es giebt ausser der heiligen Schrift überhaupt kein Buch und keinen Autor, für die wir Alle einzustehen hätten. Nur war es im höchsten Grade unwürdig, bei einem Manne, der offenbar das beste und wirksamste Buch über die Geschichte unseres Stammes geschrieben har, so zu thun, als ginge er uns gar Nichts an. Alle die Sünden zugegeben, die Tr. ihm vorwirft — und bekanntlich ist es Graetz gelangen, ihn glänzend zu widerlegen — ist Graetz vernichtet, selbst wenn seine antichristliche Gesinnung erwiesen wäre? Gerade hervorragende Menschen haben ihre ganz individuelle Lebensanschauung, die nicht hineinpasst in eine bestimmte religiöse oder politische Parteischablone; wir werden Graetz politische und religiöse Ansichten nicht vergleichen mitden querköpfigen Auffassungen, zu denen Gervinus oder Ewald sich bekannt haben. Hat man in Deutschland darum diese Männer bei Seite geschoben, hat Gervinus aufgehört, der grosse Literarhistoriker zu sein, weil sein politischer Standpunkt nicht getheilt wurde? Selbst Joel, den wir sonst so hoch verehren, hätte sicherlich den Eindruck seiner Polemik nicht beeinträchtigt, wenn er die Stelle, wo er über Graetz spricht, weggelassen hätte. Graetz hat besonders in der zweiten Erwiderung auf Treitschke’s Angriffe gezeigt, dass sein abschätziges Urtheil nur gewissen Abarten des Christenthums und des Deutschthums gilt; es war sonach nicht nöthig, zu schreiben: ״gerade nach der Richtung, die Ihnen missfällt, hat er uns Juden entschieden nicht aus der Seele gesprochen“. Indess Joel weiss selbstverständlich, was die jüdische Wissenschaft Graetz schuldet, er schränkt den Tadel möglichst, ein. Cassel geht weiter: ihm ist der ganze Graetz nicht sympathisch. Aber ist das ein LTrtheil über einen Historiker? Glaubt Cassel, dass er, der Judenmissionar, uns Juden sympathisch ist, und hat uns dies gehindert, seiner Schrift wider Treitschke unsere Anerkennung zu zollen? H. B. Oppenh ein! in der ״Gegenwart“ ist gnädig genug, die Graetz’sche Gelehrsamkeit gelten zu lassen, aber wegen dieser wenigen von Tr. citirten Stellen wird dennoch das *ganze Graetz’sche zwölfbändige Werk verdammt. Wir gehen wohl mit der Vermuthun״ nicht fehl, dass Oppenheim hier über Dinge urtheilt, die er gar nicht kennt. Herr Dr. P h i 1 i p p s 0 h n, der es doch ganz gut weiss dass das Graetz’sche Gesehiehtswerk gleichsam das Rückgrat des von ihm gegründeten ״Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur“ gewesen ist, behauptet jetzt, dass dieses Gesehiehtswerk an streng wissen-