Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 2. (7.1.1880)
- Date
- 1880-01-07
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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i — 4?Wf. naf sprun״ verdankt. Man dar* ' ’ .,Sich in dieaupten, dass d»0“ ’־ ״Te״eB von KomPert’ SSrofVorurtheil1en ftflhw5J״ ^osenthal, Sacher-Masoch, welche Sin ן •ג. ..ones Leben aus den slavischen und deutschen Län- ' dern vorführen. Gelegentlich hebt St. aus Kant’s ״Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft“, einem Buche, das an krassen, das Wesen des Judenthums vollständig verkennenden Sätzen besonders reich ist, eine Stelle heraus: ״Bei ihren Wanderungen, wo den Juden die Geschicklichkeit, ihre alten Dokumente zu lesen, und daher die Lust, sie zu besitzen, vielfältig erloschen sein mag, konnten sie dieselben bei den von ihnen ausgegangenen Christen wiederfinden.“ St. fügt dem nur die trockene historische Notiz hinzu, dass der Kirchenvater Hieronymus, als er den Christen eine zuverlässige Bibelübersetzung geben wollte, sich an die Juden wenden musste,*) weil sie allein das Original in reinem Text und gutem Verständniss bewahrt hatten, und dass abermals die Väter der Reformation Schüler der Juden waren.“ Dies sind bie Grundgedanken des prächtigen Essay’s unseres berühmten Glaubensgenossen, der sicherlieh aufklärend über das Wesen des Vorurtheils überhaupt und des Vorurtheils gegen die Juden im Besonderen wirken und der ״Deutschen Revue“ unter gebildeten Juden viele Freunde gewinnen wird. Solche Aufsätze haben neben dem wissenschaftlichen Werth auch noch den eines Zeugnisses, dass hohe Wissenschaftliehe Erkenntniss dem jüdischen Glauben nicht entfremdet, sondern vielmehr dem Forscher die Höhen und Tiefen dieses Glaubens aufhellt. Auch in dieser Arbeit giebt St. seiner Begeisterung für die Schriften des alten Testaments, die er wegen ihrer Erhabenheit höher achtet, als die Schriften der Griechen, einen schönen Ausdruck. Auch der Judenhass ist ״ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und das Gute schafft.“ Denn ohne ihn, ohne sein bedrohliches Aufflammen in neuer Zeit wäre uns die Freude an Aufsätzen, wie der Steinthal’s und ähnlichen, nicht geworden. Z. Zur Geschichte der Juden in Mähren und Böhmen. (Fortsetzung.) Hr. D. schreibt nach einer Bemerkung über die slavisehen Einwohner und die deutschen Einwanderer (S 207): ״Es lebte aber neben Slaven und Deutschen noch ein dritter Volksstamm, freilich im Verhältniss zur Zahl der Elfteren ein verschwindend kleiner Stamm im Lande, eine Mumie im Staatsleben, aber ein nicht zu übergehender Factor im socialen Leben des Landes — es sind dies die Juden. Seit undenklichen Zeiten als Kaufleute und Hausirer (!) in Mähren bekannt, verewigten sich dieselben durch die ihnen zu geschriebene Begründung der uralten landesfürstlichen Burg Podivin — ein Jude Podiva soll hiezu den Grund gelegt haben (Cosmas z. J. 1067, vgl. Grätz, Gesch. IV, 68) — aber, wenngleich die menschliche Gesellschaft ein Organismus ist, der, um sich gesund zu erhalten, alles Fremdartige ausscheiden oder sich assimiliren muss, so wurden doch die •luden weder ausgeschieden, noch verschmolzen sie je mit dem Kern des mähr. Volkes fS• 208). Allerdings bildet die Religion das Haupthinderniss — Ehen zwi- *) Vgl. ״Hieronymus und seine jüd. Lehrer“ in Rahmer’s: Die hebr. Traditionen i. d. W. d. Hieron. I. 5. j sehen Juden und Christen waren in jener Zeit unerlaubt — aber wie kommt es, dass sich der Jude in Böhmen nnd Mähren nie (?) zur Majorität, den Slaven, sondern zur entschiedenen Minorität, den Deutschen, bekennt? Und doch, wenn die Geschichte reden soll, erfuhren die eigentlich heimathlosen Juden des Mittelalters, welche von den röm.-deutschen Kaisern als das übernommene Erbe des weström. Kaiserreichs angesehen 1 wurden, gerade von dem deutschen Stamm so viele Unbilden und Verfolgungen, denen vielleicht nur die spanischen an die Seite gestellt werden können. Während die Juden zurZeit der Kreuzzüge wie wilde Thiere gejagt und oft gar grausam getödtet wurden und nur noch an der kath. Kirche (!?) hilfreiche und schützende Fürsprecher fanden, (wofür auch Innocenz’ III ״.Judaei occidi non debeant, . . . dispergi tarnen debent“ als Beleg herhalten muss,) wissen die böhm. Annalen nur zum Jahre 1096 zu erzählen, wie die Reichsten und Angesehensten derselben zur Flucht nach Polen und Ungarn veranlasst und wie die Ergriffenen auf Befehl des Herzogs Bzetislav durch den Landeskämmerer rein ausgeplündert wurden.1) (Aber auch zu 1290 wird gemeldet: Judaei occiduntur Pragae) Alan sagt also, dass der sprüchwörtlich gewordene Reichthum der Juden und die Habsucht darnach Veranlassung zu ihren Vertreibungen und Ermordungen ward. Bedenkt man, dass noch 1299 König Albrecht durch ein förmliches Gesetz dem Erzbischofe von Mainz, Gebhardt, die ausstehenden Schulden der im Mainzer Bisthum erschlagenen, erblosen Juden zusprach (Pertz, Legg. II, 471 a), dann hat diese Ansicht allerdings etwas für sich. Die Habsucht der regierenden Fürsten, geistl. und weltl. Standes, war im Niedergang der Przemyslidenzeit gross. Uns dünkt jedoch die Sache nicht so. Der Verfasser hält den Gegensatz der Religionen für die Ursache der Entfremdung und Feind- Seligkeit (S. 210). ״Das Judenthum gipfelt in der Zukunftsverkündiguug, dass eia Messias erscheinen werde . . . .; das Christenthum hingegen sagt: der Messias ist bereits gekommen und daher, was im A. Bunde verheissen, bereits erfüllt ... Es gehört schon ein bedeutender Grad der Bildung dazu, um im Juden nicht den Zeugen, der gegen die Wahrheit des Christenthums auftritt, wahrzunehmen (!). Je kräftiger sich der Glaube des christl. Volkes entwickelte, desto grösser wurde die Kluft zwischen Jaden und Christen . . . und doch blieb der Jude unentbehrlich, unentbehrlich durch das kanonische Zinsengesetz. Nach diesem ist den Christen untersagt, baares Geld dadurch nutzbar zu maciien, dass man sich von dem dargeliehenen Gelde Zinsen oder gar Zinseszinsen zahlen lässt, oder mit anderen Worten (?), dass man Wucher treibe. Man umging dieses Verbot durch den Rentenkauf' (S. 211), bei welchem aber eine Gewährleistung von Grund und Boden stattfinden musste. Dies ging, solange das kleine Handwerk ohne Handel blos auf der Natural wir thschaft beruhte. Beim Aufblühen der Städte und Zuzug der Handwerker reichte jedoch die Anweisung auf Cerealien nicht mehr aus, man forderte baares Geld, weil man nur mit diesem auswärtige Verbindungen und Absatz erzielen konnte, und dieses war zum Kaufen rar, zum Ausleihen nur bei den Juden.4־ Hatten ja die staatlichen Einrichtungen des Mittelalters dieses zerstreute Volk, das doch einmal da war und leben wollte, zum Geldhandel völlig getrieben. Vom Staatsleben förmlich ausgeschlossen, unfähig, bleibend Landgüter zu besitzen, selbst in den Schulen nur auf das Studium der Medicin, als freier Wissenschaft, die auch fürs Leben eine gesicherte Stellung darbot, beschränkt, im Handwerker• und Ackerbaustände gemieden, wurden sie zu ihrem eigenen grossen Verderben dahin gewiesen, aus dem Geldhandel ihr fast *) Vrgl. Grätz, Gesch. d. J. VI112. *) Vgl. Grätz, Gesch. VH 271.