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Das jüdische Literaturblatt · 1880-01-07 · No. 2. (7.1.1880) · p. [Seite 1]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 2. (7.1.1880)
Date
1880-01-07
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Xo. 2 auch dies hat י Die Begrab- 11*' י. r Znr Belenchtnng aller Judenthum und Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, 7. Januar 1880. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction zugesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh.Besprechung. BeiEinsendung von zwei Recensionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״ Jii«li8el1e Uter»torl»Iatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang: 8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ,,Israelitischen Wochenschrift.“ Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Prof. Steinthal über religiöse und nationale Vorurtheile. — Zur Geschichte der Juden in Mähren und Böhmen. Literaturbericht: Recensionen: Schürer, Die Gemeindeverfassung der Juden in Rom in der Kaiserzeit. — Fessler, Mar Samuel, der bedeutendste Amora. Inserate. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. P1*of. Steinthal über religiöse und nationale V orurtlieile. (Schluss.) Es ist aber auch ein höheres Wogen des Gefühls, statt unsere Meinung auf ein Individuum einzuschränken, lieber in Pausch und Bogen über eine ganze Nation zu Gericht zu sitzen. Selbst ein Denker vom Range Kants konnte einer solchen Versuchung nicht widerstehen. Maiinou hatte eine Nachbesserung der Kantischen Philosophie versucht; da meiut nun Kant, ״dergleichen versuchen di e J u d en gern, um sich auf fremde Kosten ein Ansehen von Wichtigkeit zu geben.“ Steinthal fragt nun, woher Kant die allgemeine These hat, dass die Juden es gern versuchen, philosophische Systeme nachzubessern. Aus der Erfahrung konnte er es nicht wissen, denn der Fall war noch nie vorgekommen; an Philo, Spinoza, Mendelssohn konnte er nicht gedacht haben, und die mittelalterlichen Philosophen kannte man damals noch nicht. Aber Maimon ärgerte ihn und er fühlte sich erleichtert, wenn er seinen Aerger über die Juden ins Gesammt ausschüttete. Dabei erwog er nicht, dass was er hier dem Maimon vorwarf, Aristoteles am Sysfem Plato’s vorgenommen hat. (Freilich muss man die Bemerkung Kants nicht gerade auf philosophische Systeme beziehen, wo sie, wie St. nachweist, gar keinen Sinn giebt, sondern man kann annehmen, Kant habe sagen wollen: die Juden geben sich ein Ansehen, indem sie an grosse Leistungen etwas tadeln oder nach bessern; dann wäre der Satz nur boshaft und vorurtheilsvoll aber nicht sinnlos.) Die Vorurtheile haften so fest, dass viele Fälle, die der vorgefasten Meinung widersprechen, gar nicht in Betracht gezogen werden, dagegen genügt ein Fall, durch den sie bestätigt wird, um sie noch fester dem Gemüthe einzuprägen. Steinthal erzählt hierbei eine ergötzliche Geschichte: er habe als junger Doctor bei einem Manne getvohnt, der Hausdiener bei einem Juden war, ״Dieser Prinzipal“, so erzählt St., ״missfiel ihm sehr und eines Tages machte er vor mir seinem Herzen Luft und schloss die Erzählung seiner Leiden: ״Ja diese Juden, sie sind doch ein abscheuliches Volk.“ Ich fragte ihn ruhig, ob er noch andere Juden kenne. Er verstand wohl einigermassen, was ich mit dieser Frage bezweckte, und antwortete selbstbewusst: ״Ich? ich habe ja schon bei zehn Juden gedient; zuerst bei dem R., — wissen Sie, in der S.’er Strasse — ein prächtiger Mann, und dann bei den Gebrüdern F., die das schöne Eckhaus in des Fr. Strasse hatten; sie waren beide unverheirathet, nun sind sie beide todt, seelensgute Leute, dann kam ich zu dem A., einen so guten Mann habe ich nicht wieder gesehen ....... es ist wahr׳ die Juden sind sehr gute Menschen.“ — Gebildete Leute geben, wenn sie einen edlen Juden kennen lernen, zu, er sei eine Ausnahme; zuweilen thun sie auch das nicht, sondern thun dem einzelnen Falle Gewalt an, bis er unter die allgemeine Regel ihres Vorurtheils sich subsumiren lässt; wenn sie aber Ausnahmen gelten lassen, so kann es wohl Vorkommen, dass sie viele Ausnahmen kennen lernen, bevor sie ei n e n Fall erfahren, der ihnen die Regel, ihr Vorurtheil, bestätigt. Das Vorurtheil entsteht nach der Ansicht St.’s durch das Gefühl der Fremdheit, welches wir gegenüber irgend einem Individuum empfinden; wer uns fremdartig erscheint, stösst uns ab; wir glauben dann nicht, dass er gegen uns wohlwollend sei und fühle und denke und handle wie wir. Darum ist das Vorurtheil gegen die Juden am stärksten iii Ländern, wo es keine giebt. Der Ausdruck ״Semit“ ist vorzugsweise deswegen so beliebt geworden unter den Jüdenfeinden, weil er der Fremdheit gegen das Germanenthuni den stärksten, wissenschaftlich sanctionirten Ausdruck verleiht. Dass die Juden eine to grosse Rolle im Vorurtheil spielen, deducirt St. daher, weil bei ihnen die höchsten Interessen der Menschheit, die ganze Auffassung der Geschichte, die Weltanschauung angeregt wird. ״All den Vorurtheilen gegenüber ist nur Eins zu sagen: lernt sie kennen, wie sie jetzt sind und wie sie in der Geschichte waren. Dazu braucht man nicht Talmud zu

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