Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-23 · N° 52. (23.12.1880) · p. Seite 448

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 52. (23.12.1880)
Date
1880-12-23
Page
Seite 448 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584314--4397-9584320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 448 — die Gesetze gewährleistete bürgerliche Gleichberechtigung der Juden und Christen zu wahren, sowie den sozialen Frieden allenthalben zu fördern Ich protestiere gleichzeitig, im Interesse der biestgen jüdischen Bevölkerung, gegen die Annahme, als ob der jüdische Charakter und Einfluß daS Germanenthum gefährde. Ich habe vielmehr zu dem letzteren das Zutrauen und erachte eS seiner würdiger, daß es die auf die besonderen geistigen Fähigkeiten des jüdischen Volkes zurückzuführenden, theilweis großartigen materiellen Erfolge desselben im Wege der erlaubten Selbsthilfe und des Wettkampfes auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, anstatt durch neidische und feige Hetzereien, zu paralysiren suche. Zudem meine ich, daß di.' christliche Nächstenliebe es uns nahe legen sollte, abstoßende Charaktereigenschaften einzelner jüdischer Bevölkerungsklassen mit den psychologisch notbmendigen Folgen einer mehr als tausendjährigen Knechtschaft zu entschuldigen; daß ferner der Bildungsstand unseres Voltes uns dazu nöthigen sollte, die dem jüdischen Volk zumeist angebornen glänzenden Eigenschaften deS Geistes und Gemüths willig anzuerkennen; und daß endlich die Geschichte der letzten Jahre, sowie die Lehre der Verbrecher - statistik unjs abhalten sollte, in pharisäischem Hochmuth uns bester und gerechter zu dünken als die jüdische Race. Hochachtungsvoll der I. Bürgermeister vr. Mayer. Sachsenhagen, 8. Dec. (Or.-Corr.) Auf das Ansinnen deS Herrn vr. Förster-Charlottenburg, die Antisemiten - Petition zu verbreiten, antwortete der Stadtrath unserer Kreisstadt Rinteln Folgendes: „Auf Ihre Zuschrift, betreffend eine an den Herrn Reichskanzler zu richtende Petition, behufs Einschränkung des Einfluffes der Juden, erklären wir Ihnen hiermit, daß wir die Zumuthung auf Verbreitung des Gesuches, welche dem Grundsätze der christlichen Religion über Nächstenliebe direct widerspricht, entschieden ablehnen. Wir denken über unsere nationale Kraft bester und schätzen sie höher, als daß wir die Befürchtung vor einer Ueberwucherung des jüdischen Elementes und dadurch bedingten Verfall der deutschen Nationalität zu theilen vermöchten und hegen vielmehr die Ueberzeugung, daß unsere weise Staatsregierung Bestrebungen, die nur geeignet sind, religiösen Haß und Zwietracht unter gemeinsamen Staatsbürgern hervorzurufen, energisch entgegentreten wird " — Auch die städtischen Behörden in Cassel, Hanau, HerSfeld und Fulda haben sich zur Unterzeichnung der Petition nicht bereit erklärt. Stettin, 3. December. (Or.-Corr.) Dienstag den 30. v. Mts. hat hier die erste Einbescheerung armer jüd. Knaben aus dem seit vorigem Jahre von unserem Cantor Herrn Sarasohn gegründeten Knabenunterstützungsverein stattgefunden. Der Verein, der den Namen Chewrath-Neurim führt, wird von bereits eingesegneten Knaben unter Aufsicht von 5 Curatoren verwaltet und hat den Zweck, arme Kinder der hiesigen Gemeinde mit Kleidern zu versehen und begabten Kindern auch das Schulgeld für höhere Schulen zu gewähren. Die am Dienstag nach dem Abendgottesdienste veranstaltete Feier im alten Sitzungssaale der Synagogen- Gemeinde war eine recht würdige und erhebende und machte auf die zahlreiche Versammlung einen wohlthuenden Eindruck. Nachdem einer der beschenkten Knaben die Chanuka - Lichter angesteckt und von den Anwesenden daS Moaus Zur gesungen wurde, begrüßte der Vorsitzende die Versammlung im Namen des Vorstandes. Hierauf ergriff Herr Rabb. vr. Vogelstein das Wort und sprach über die Wichtigkeit eines solchen Vereins, dem sich mehrere Declamationen anschloffen. Mit der Vertheilung der Geschenke und dem Vortrage eines von Herrn Sarasohn »erfaßten, recht beifällig aufgenommenen zeitgemäßen Dialogs (besten Abdruck wir Raummangels wegen Unterlasten müflen. Red.), gesprochen von 2 Knaben, schloß die würdige Feier. Schippenbeil, in Ost-Pr., 10. Dec. (Or.-Corr.) Unlängst ist in unserer Stadt ein Fest begangen worden, das, so alltäglich eS an sich ist, doch durch die dasselbe begleitenden Umstande ein allgemeines Interesse erwecken dürfte. Ein hier wohnhafter jüdischer Handelsmann, der sich in den traurigsten Verhältnissen befindet, da er selbst hochbetagt und arbeitsunfähig, seine Frau krank und hinfällig und ein erwach, sener Sohn verkrüppelt ist. sollte eine unverhoffte Freude erleben. Derselbe hat nämlich eine Tochter, deren Ernährung ihm schon schwer fiel, und der er daher um so weniger eine Ausstattung gewähren konnte. Da sich nun um dieses Mädchen ein ebenfalls völlig mittelloser junger Mann bewarb, so galt es, durch einen Appell an die Mildthätigkeit edler Menschenfreunde die Möglichkeit zu schaffen, daß die jungen Leute einen Hausstand begründen konnten. Hierbei bewährte sich in erster Linie der hochherzige Sinn des hies. Bürgermeisters, Herrn Hinz, der sich persönlich der Sache auf's Wärmste annahm. Dem Aufruf wurde von wohlthätigen Menschen entsprochen und so konnte am 21. v. M. die Hochzeit vor sich gehen — zur Freude des alten und jungen Paares, die aber noch dadurch wesentlich erhöht wurde, daß der Herr Rabbiner vr. Bamberger und der Cantor Herr Birnbaum aus Königsberg hierherkamen und durch Predigt und Gesang die Hochzeit zu einem wahrhaft weihevollen und erhebenden Feste gestalteten. Dieselbe fand in dem Hotel „Deutsches Haus" statt, dessen großer Saal von dem Herrn Hotelier Ritsch mit dankens« werther Liberalität dazu unentgeltlich eingeräumt, geheizt, beleuchtet und geschmückt war. Viel hervorragende Christen aus Stadt und Umgegend wohnten dem Acte bei. Man sieht, daß in den kleinen Städten die Hetzereien keinen Anklang finden, daß sie die echte Menschenliebe sich durch nichts rauben lassen. Möge dieses gute Einvernehmen unter den Bürgern stets ungetrübt bleiben! Lublinitz, 17. Dec. (Or.-Corr.) In der letzten Nr. der „Wochenschrift" berichtet eine Correspondenz aus Magdeburg kurz über die neueste Mommsen'sche Broschüre, ohne jedoch den auffallenden Gegensatz zu betonen. welcher sich zwischen Anfang und Schluß zeigt.*) Mir fiel bei der Lection des Schlusses jenes Wort ein: „Schütze mich o Herr vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich selber schützen." Denn nachdem M. das Unrecht der Judenhetze, sowie die Gefährlichkeit derselben und ihre Urheber scharf getadelt, tritt er uns am Schluß als Missionar entgegen, mit der ziemlich deutlichen und klaren Aufforderung, wenn auch in gemessenen Worten, zum Christenthum überzutreten. Vollends überrascht sein Angriff auf die besonder« jüdischen Wohlthätigeeitsvereine, als ob der Jude sich nicht bei jeder möglichen Gelegenheit bereit zeigte, seinen christlichen Mitbürgern Hilfe und Unterstützung zuzuwenden, was umgekehrt wenig oder gar nicht der Fall ist. Was sollte denn darin sonst für Tadelnswertbes zu entdecken sein? Natürlichen Verwandten oder geistig Verwandten kann und wird es Niemand verdenken, daß sie gegen einander hilfreicher sind als gegen Fernstehende und warum sollten dann nicht auch die durch daS Band gleichen Glaubens Verbundenen zunächst ihren Glaubensgenoffen helfen dürfen? — Leipzig, 15, December. (Or.-Corr.) Am 6. d. Mts. verschied dahier im seltenen Alter von 82 Jahren Herr Salomon Osias Mieses, ein Mann, dessen ganzes Sein und Wirken ein seltenes Musterbild eines wahrhaften Israeliten war. . . Die Hochachtung, welcher sich der Verblichene in den hiesigen Kreisen zu erfreuen hatte, bekundete sich denn auch durch die außerordentliche Theilnahme beim Begrübniß; ern unabsehbarer Leichenzug folgte ihm bis an die Gruft. Unser Rabbiner, Herr vr. Goldschmidt, hielt die Grabrede. Derselbe wies u. A. darauf hin, wie im Judenthume der Adel mit einem ganz anderen Maßstabe gemessen werde, als sonstwo. Nicht materielle Reichthümer, nicht hohe Lebensstellung, sondern tüchtige Kenntnisse, Gediegenheit des Charakters, Mrdederung alles Guten und Schönen, das seien die unerläßlichen *) ES lag uns zur Zeit nur ein kurzer Auszug der Broschüre— nicht diese selbst---vor; wir kommen in-nächster Nr. darauf zuruck. <««».)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.