Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 52. (23.12.1880)
- Date
- 1880-12-23
- Page
- Seite 447 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Man pflegt sie nicht um der Antisemitenbewegung selbst willen, man pflegt sie als eine Waffe gegen den Liberalismus, der verpflichtet ist, für das gleiche bürgerliche Recht aller Staatsangehörigen, ob Christ ob Jude, einzutreten. Darüber, daß die Autisemitenbewegung nur Mittel zum Zweck Hegen den Liberalismus ist, als solches gegen denselben benutzt wird und im Hinblick auf die kommenden Wahlen benutzt werden soll, darüber konnte die gestrige Versammlung keinen Zweifel laffen, und am wenigsten sind darüber diejenigen in Zweifel, die solchen Unfug geschehen lassen und ihm ruhig zusehen." Die „Magd. Zeit." schreibt darüber: „Die antisemitische Versammlung, welche am Freitag Abend in den Reichshallen stattfand, verlief in einer Weise, wie sie selbst in Berlin noch unerhört ist. Mehrfach entwickelten sich blutige Schlägereien, sobald nämlich einzelne anwesende Juden entdeckt und von dem rohen'Haufen hinausgeworfen wurden. Wir müßten uns den christlich-socialen Ton aneignen, um der Empörung Ausdruck zu geben einerseits über die Alles überwuchernde sittliche Verwilderung, wie sie in Folge einer Agitation, die im Namen des Christenthums getrieben wird, um sich greift und anderseits über die niedrige Heuchelei, mit welcher ein Abzweig jener Agitation sich nunmehr als liberal-christlich zu bezeichnen wagt. Nach diesen Vorgängen wird man allerdings Niemanden damit dupiren können, eben so wenig wie mit dem schmachvollen Mißbrauch der Worte „Deutsch," Christlich", „Ideal" für ihre brutalsten Gegensätze" Berlin. Die Wühlereien gegen unsere jüdischen Mitbürger scheinen den Anhängern der bekannten Antisemiten- Petition zu wenig Erfolg zu haben. In dem „Reichsboten" wird durch folgende Aufforderung der Eifer der Freunde angefeuert : „Die Petition an den Fürsten-Reichskanzler, betreffend die Eindämmung des Judenthums, gewinnt täglich zahlreiche neue Anhänger. Wir richten an unsere Gesinnungsgenossen in allen Thoilen des Reichs nunmehr die dringende Bitte, überall, in den Städten wie auf dem Land- Lokalkomitäs zu bilden und durch Annoncen in Provinzial- und Lokale blättern Vertrauensmänner zu bestellen, bei denen die Petition zur Unter fcbrift aufliegt und an welche gefüllte Bogen, zu partieweiser Rücksendung an den Herausgeber, eingeliefert werden können. Eine Drucklegung der Unterschriften wird nicht beabsichtigt." Wer derartige Dinge zu lesen versteht, der ersieht daraus, daß es mit der spontanen Unterzeichnung nicht recht vorwärts gehen will. Daher soll eine ganz besondere Organisation und Bestellung von Vertrauensmännern ad hoc (!) vorgenommen werden, welche die Leute im Lande anfeuern. Nichts spricht mehr für die Behauptung, daß diese Agitation lediglich in das Volk hineingetragen ist, als dies. In den Städten scheinen die Herren im Ganzen wenig Erfolg zu haben. Täglich bringen die Zeitungen aus allen Theilen Deutschlands die Nachricht, daß die Petition sehr entschieden zurückaewiesen sei. Man verspricht um Geheimhaltung der Unterschriften, und hofft dadurch eine größere Anzahl zu gewinnen. Wer garantirt dann aber die Richtigkeit derselben? Trier, 12. Dec. (Orig.-Corr.) So ist's den vollbracht! Ein edler Mensch hat ausgerungen — trauernd haben sie seinen Leichnam der Erde übergeben, die leidgebeugte und doch so heldenhafte Gattin, Bruder, Verwandte, befreundete College», die ganze Gemeinde Trier (auch die Meisten der Ausgetretenen hatten sich dem Leichenzuge angeschlossen,) die höchsten Spitzen der Behörden und die Notabilitäten unserer Stadt. Unser Oberrabbiner vr. Holländer ist am Mittwoch den 8. cr. Vormittags 11 Uhr sanft entschlafen. Ein Herzleiden, sagen die Arzte, hat ihn hinweggerafft. An gebrochenem Herzen ist er gestorben! Selten wohl hat ein Rabbiner in kaum 15 monatlichem Wicken so viel Liebe gesäet und so viel Liebe geerntet. Es schien ja, daß dieFrühlingssproffen neuen Lebens unserer Gemeinde wiedergekehrt, daß wir in nicht so ferner Zeit uns wieder der Einigkeit und Einheit würden erfreuen können! Allein selten wohl hat ein Rabbiner in solch kurzer Zeit so viel gehäffige, unverdiente Anfeindung und Verlästerung erfahren, selten ist ein junges Leben durch den Gifthauch der Verleumdung und der Lüge so all seiner Freude beraubt worden, als unser Märtyr-Rabbiner es erfahren. Gemehrt hat es ihm die Lebenskraft sicher nicht — ob es sein Ende beschleunigt? Gott weiß es — in seiner Hand ist das Gericht! — Nur 34Jahre hat Dr. Holländer gelebt. InAltona geboren, Sohn eines frommen, gelehrten Mannes, hat er durch sein ganzes Leben die wahre Herzensfrömmigkeit bewahrt, welche mit der echten Orthodoxie sich eng verschwisterte — ohne dem Fanatismus Raum zn geben. Vielseitig gebildet, hat er wiffenschaftlich manch' Werthvolles geleistet. Er hatte die „Jüd. Preffe" begründet und mehrere Jahre in mildem, versöhnlichem Geiste geleitet.*) Als Prediger hat er in Form und Inhalt Gediegenes aus dem Herzen den Herzen mitgetheilt. Am meisten gewirkt hat er aber in der Schule. Ihm danken wir die Einführung des Religionsunterrichtes in den Lehrplan des Gymnasiums. Und eben hier hat ihn der giftigste Pfeil getroffen. Er, der Schüler Hildes h eim ers,**) der ehrl iche Orthodoxe, wurde den Behörden als ein Seelenfänger ges childert, der die Herzen der Kinder mit ketzerischen Lehren erfüllen und vom väterlichen Glauben ablocken werde! Das sind die Früchte, welche die Zwietrachtlehren, die von den Führern der Trotzorthodoxie ausgestreut worden, gezeitigt hatte! — Eine Wittwe und 3 Waisen weinen an seinem Grabe. Sie werden die Schmähung des Gatten und Vaters nicht mit Geld sich abkaufen laffen. Die Leichenfeier begann um 11 Uhr in der dichtgefüllten Synagoge mit dik na 'n, worauf die Herren Rabbiner vvr. Horwitz (Frankfurt) und Lewin (Coblenz) als die ältesten Freunde und Nachbarcollegen das Wesen und Leben des zu früh Dahingegangenen mit warmen Worten schilderten. (Die Reden sollen in einem Gedenkbuche von der Familie des Verewigten gesammelt werden, weshalb wir auf den Inhalt derselben hier nicht näher eingehen.) Der zweite Redner konnte es sich nicht versagen, die Secession hier zu beleuchten, indem er an die Theilung des Reiches unter Rehabeam erinnerte, und auch in den Grabred.n (besonders der des Herrn Rabb. vr. Frank aus Cöln wurde der „Sünde der Gemeinde" nicht vergeffen.) Herr Lehrer Nußbaum rief im Namen der Gemeinde ein tiefempfundenes Dank- und Abschiedswort dem Verewigten nach. Nach den *n-6 ans» zog die Lade vom Gottes - hause zum Friedhofe, getragen von den Jünglingen unserer Gemeinde, die es sich erbeten hatten, daß der Leichenwagen nicht benützt werde. Auf dem Gottesacker sprachen die HH. Rabbiner DDr. Frank und Werner aus Danzig, (Schwager des Dahingeschiedenen) Blumenstein (Luxemburg) und zuletzt noch der gelehrte Schwiegervater des vr. H., Herr vr. Werner aus Posen. Erst um 2 Uhr war der Grabhügel gewölbt. Trotz des furchtbaren Wetters hatte das ungemein, zahlreiche Geleite (die Regierungspräsidenten, Landrath, Oberbürgermeister, Geistliche beider christl. Confessionen an der Spitze) bis zum letzten Augenblicke ausgeharrt. Ihm ist ewige Ruhe geworden! Was aber wird unser Antheil werden? Heute findet um 10 Uhr Trauergottesdienst in der Synagoge statt, den Herr vr. Werner aus Danzig leiten wird. Cottbus, 13. December. Der erste Bürgermeister unserer Stadt, Herr vr. jur. Mayer, hat auf die Petition, betreffend die Einschränkung des Einfluffes der Juden Herrn vr. Förster in Charlottenburg wie folgt geantwortet: Ew. Wohlgeboren Wunsch, der mir zugesandten, auf Einschränkung der Rechte der Juden gerichteten Petition meinerseits thunlichsten Vorschub zu leisten, zu erfüllen verbietet mir meine P f l i ch t und der lebhafte Wunsch, die durch *) Er hat auch dm wissenschaftlichen Verein „Sephat Emraeth“ unter den Schülern Hildesheimers in Berlin mitbegründet, zum Dank dafür haben diese ihn dann als den Ihrigen verläugnet! Das Treiben der Hochorthodoxen erfüllte ihn mit solchem Widerwillen, daß er in letzter Zeit seine Beiträge der „Israel. Wochenschr," zusandte, die mehrere derselben auch aufnahm. **) Er war auch einige Zeit Hauslehrer im Hildesheimer'schen Hause, bekleidete dann die Stiftsrabbinerstelle in Hannover 2'/, Jahr und wurde von da (Ende 187?) zum Rabbiner in Dreschen berufm. woselbst er 5 Jahre segmsreich amtirte.