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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-23 · N° 52. (23.12.1880) · p. Seite 446

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 52. (23.12.1880)
Date
1880-12-23
Page
Seite 446 (sequence 4)
Language
German
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— 446 — Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 9. December. Herrn Adolph Brüll in Frankfurt a/M.! Von einem Bekannten, der sich noch nicht von den Satzungen und Bräuchen des Judenthums ganz losgemacht hat und deshalb auch mit den Erzeugnissen seiner Literatur sich beschäftigt, ist mir das erste Heft Ihrer Monatsblätter zur Lectüre übergeben worden. Von besonderem Interesse war für mich auch der Schlußpassus des ersten Aufsatzes: „Die antisemitische Bewegung in Deutschland".*) Ich finde darin eine Beruhigung und Stärkung meines Gewiffens über den von mir eingeschlagenen Weg, an dessen Richtigkeit, gerade in Folge der Antisemiten- Bewegung ich schon zn zweifeln anfing. In meinem Hause nämlich sind längst alle Satzungen und Bräuche des Judenthums beseitigt. Wir kennen keine Feier des jüdischen Sabbaths und der jüdischen Festtage, sondern schließen uns unfern christlichen Mitbürgern darin an, daß wir den Sonntag als Tag der Erholung und des Vergnügens weihen und die christlichen Festtage mitfeiern. Daß von Beobachtung der Speisegesetze keine Rede ist, brauche ich nicht zu erwähnen und wir versäumen keine Gelegenheit, unfern christlichen Bekannten zu zeigen, daß wir keine Scheidewand zwischen ihnen und uns anerkennen. Rahe Verwandte von mir haben sich auch mit christlichen Familien verschwägert und haben auch vermieden, ihren jüngst geborenen Söhnen das äußere Zeichen des jüdischen Bekenntnisses geben zu lassen. Wir rufen bei unfern Betheuerungen den Namen des christlichen Religionsstifters an; kurz wir erstreben, um Ihre Worte zu gebrauchen, den innigen Anschluß an die anderen Landesbewohner, mit denen wir ein Volk, ein Ganzes bilden wollen, und unsere Auffassung des Judenthums bietet uns gar kein Hinderniß. Ich sage „wir", denn ich stehe nicht allein, sondern ein großer, vielleicht der überwiegende Theil der hies. Juden, denkt und lebt wie ich. Nun aber ist das, was mich stutzig machte, die nicht zu bestreitende Wahrnehmung, daß gerade gegen uns, die wir uns frei gemacht von den jüdischen Satzungen, die antisemitische Bewegung in ihrer vollsten Schärfe auftritt. Oder sollten die Führer der Antisemiten, die so vorzüglich gehaßten Herren Straßmann, Lasker, Bamberger rc. rc. für orthodoxe Juden halten, die sich in sinn- und gegenstandlose Satzungen und Formen verknöchert haben? Es wäre mir sehr erwünscht und gewiß auch vielen Ihrer mir gleichgesinnten Leser, wenn Sie uns im folgenden Hefte mittheilen wollten, was wir eigentlich noch von den Christen Trennendes ablegen könnten, um die gegenseitigen Beziehungen wieder inniger zu gestalten. Ich muß nämlich bekennen, daß mit dem Wachsen der antisemitischen Bewegung meine christlichen Freunde, die es sich sonst an meiner Tafel gutschmecken ließen, sich fern halten. Sie meiden eine Begegnung und es ist wie ein eisiger Hauch, der keine vertraulichere Beziehung gedeihen läßt. So sind wir es, die, nachdem wir, das wie ein Märchen aus meiner Jngend mir noch als Erinnerung tief im Herzen schlummernde schöne jüdische Familien-Leben aufgegeben, und nun auch von den andern Landesbewohnern zurückgestoßen worden, welche sich die Frage vorlegen: „Von wo soll mir Hülfe kommen?" *) Der betreffende Schluß, der sich an die Israeliten wendet, und sie zum Aufgeben ihrer sie isolirenden Religionsvorschriften auffordert, lantet wie folgt: „Vorschriften, welche localen und temporären Ursprungs und Zweckes waren, müssen sich mit der Zeit überleben und sie aufrecht zu erhalten, nachdem sie nach innen ihre geistige Bedeutung verloren haben und nur noch als Scheidewände dastehen, die das Judenthum nach'Außen hin abschließen, wäre ebenso verkehrt als unberechtigt. Solche können nicht nur ohne Schaden für das Judenthum aufgegeben werden, sondern es wird dadurch auch auf seinem Gebiete reiner Boden für eine gedeihliche Fortentwicklung geschaffen." (Wir werden uns mit dieser der „hellenistischen" zur Maccabäerzeit sehr ähnlichen Partei im jetzigen Israel später noch zu beschäftigen haben; wir wollen jetzt jedoch dem gemeinsamen Gegner gegenüber unsere Kräfte nicht zersplittern, sondern fest und einig zusammenstehen. Berlin, 18. Dec. Berliner Blätter berichten: Gestern Abend fand in dem großen Saale des Vereins „Gesellschaft der Freunde" eine von mehr als 600 jüdischen Bürgern Berlins besuchte Versammlung statt, in welcher Pros. Lazarus über die Stellung der Juden zu der sogenannten Judenfrage einen längeren Vortrag hielt. Derselbe gipfelte in folgenden Gedanken und Schlußfolgerungen: Es müsse der Standpunkt von der Staatszugehörigkeit aller Bürger, von der gesellschaftlichen Toleranz streng verfochten werden gegenüber jenen Bestrebungen, welche auf Trennung der Staatsbürger nach ihrem Bekenntniß nnd nach ihrer Abstammung hinzielten. Eine weitere Aufgabe sei es für die Hebung des Judenthums zu wirken, daß man den ethischen Standpunkt des Judenthums, wie solcher wirklich ist und nicht wie man denselben durch willkürliche, aus dem Zusammenhänge geriffene Aussprüche einzelner Autoren zu fälschen bestrebt, den Nichtjuden und auch den Juden klarlege. Endlich habe man sich aber anch mit der sittlichen Hebung der Juden selbst zu beschäftigen. Mehr echten Stolz verlange er von den Juden und demzufolge auch mehr echte Bescheidenheit. Die wirklich vorhandenen Mängel der Juden, mögen dieselben im Charakter derselben oder in äußeren Umständen liegen, müssen genau geprüft und nach Kräften vermindert, womöglich ganz beseitigt werden. So werde sich die Abwehr gleichzeitig nach Innen, wie nach Außen hin zu richten haben. Gewiß seien manche kritische Vorwürfe begründet, aber sie seien es vielfach nicht in den hieraus gezogenen Folgerungen und auch hiergegen müsse man eine würdige Vertheidigung eintreten lassen. Schwer und gefahrvoll sei es immer gewesen, die jüdische Religion aufrecht zu erhalten. Allein das Wesen derselben liege in der Treue, und es rst eine Ehrenpflicht, bei der Fahne zu bleiben auf der die Worte geschrieben stehen: „Der Ewige ist mein Panier." Diese Fahne ist drei Jahrtausende alt. Kein Makel haftet an ihr. In Blut getränkt ist sie allerdings, aber es ist u nser Blut, das sie geröthet hat." Im Anschlüsse an diesen Vortrag wurde nachfolgende Resolution von der Versammlung, gegen einige abweichende Stimmen angenommen: „Die Versammlung spricht ihre Zustimmung zu den von dem Vorsitzenden entwickelten Gedanken aus. Sie erhebt entschieden Einspruch: 1) gegen den in der Agitation der sogenannten Antisemiten immer wieder gemachten Versuch, die Gesammtheit der deutschen Juden für Taktlosigkeiten und Vergehen Einzelner verantwortlich zu machen; 2) gegen das unwürdige Bestreben, die deutschen Juden als eine außerhalb der Gesammtheit des deutschen Volkes stehende nationale Besonderheit hinzustellen; sie erklärt vielmehr, daß sie unerschüttert in Treue gegen das deutsche Vaterland ausharrt und es als eine unwandelbare Aufgabe erkennt, in Erfüllung aller Bürgerpflichten für das Wohl nnd Gedeihen desselben mit ganzer Kraft zu wirken." Berlin, 18. Dec. In der gestrigen sehr tumultuarischen Antisemiten-Versammlung gelangte die folgende Resolution zur Annahme: „Die versammelten Bürger Berlins sind der Ueberzeugung, daß, wenn die liberalen Parteien sich noch ferner mit dem Judenthum identificiren in kurzer Zeit die Mehrzahl der Bevölkerung sich den Conservativen nähern muß. Wir protestiren gegen die schamlosen Coketterien, welche von deutschen Männern mit dem Judenthum getrieben werden, und sind überzeugt, daß der drohenden Haltung unserer Bürgerschaft nur durch Gründung einer freisinnigen, vom Judenthum unabhängigen Partei vorzubeugen ist." Man sieht hieraus deutlich, wohin die judenhetzerischen Versammlungen steuern, je näher den Wahlen, desto klarer entpuppt sich das Ziel: gegen die liberalen Parteien bei der nächsten Wahlcampagne Front zu machen; aus diesem Grunde auch ihre Begünstigung von oben. Auch die „Voss. Zeit." schreibt über diese Versammlung wie folgt: Officiell leugnet man die Ziele der Antisemitenbewegung ab, und officiös unterstützt man sie, pflegt sie und giebt ihr sein Wohlwollen zu erkennen.

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