Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 52. (23.12.1880)
- Date
- 1880-12-23
- Page
- Seite 445 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 445 — 1 so fern; daß er 'zuschlie. ' «i alten . Itlb Off! Hut, zu Fassung, den doch . :flen uns ung, ob : stnden nd Haß, i fen, und t uge der? :rö auch : weierlei ttjut eS cht ihm «denheit!trogen, Mlhum! gleich, ' in ver» . unge- »e und fühlen \ len ist. inserer ' aljm,; e, jeder eigenes ' ich ge« sehe er * : kann, 1 ein des | der irtigen f Theile \ Mheit . mehl n von so soll i erden. I An. I JdWf 1 W. \ | den - if an* ' sevzu miner tblos llhat ' Harfe art" schleunigst abzuthun, religiöse Ueberzeugungen aufzugeben, um nur die Hetzer zum Schweigen zu bringen. Zeigen wir vielmebr, daß wir grade als treue Bekenner des Juden lbums uns mit den Brennern der christlichen Con« fessionen in jeder Bürgerlugend messen können. Hat die Judenhetze den Erfolg, daß sie uns Juden wieder zu unserm Judenthume zurückführt, dann zeigt sich auch hier wieder, daß der Haß und die Wuth unserer schlimmsten Gegner zu jenen Mächten der Finsterniß gehören, die nach den Worten des Dichters, „stets das Böse wollen, aber in Wahrheit das Gute schaffen." Blicken wir darum in diesem Wirrsal getrost der Zukunft entgegen; es wird bald die Zeit gekommen sein, in der die bösen scheinbar zerstörenden Fluthen der Judenhetze sich verlaufen und einen befruchtenden Schlamm zurückgelaffen haben werden. Alsdann werden wir mit Ruhe auch auf diese Judenverfolgung zurückblicken und sagen können: n dji „Auch das war zum Guten!" Wie hat sich der Jude der antifeinitischen Bewegung gegenüber zu verhalten? 1) So tiefschmerzlich jeden denkenden und fühlenden Glaubensgenossen der künstlich und gewaltsam neu angefachte und geschürte Glaubens- und Rassenhaß bewegt: er soll ihm nicht das Herz verbittern gegen seine christlichen Mitbürger, nicht den Sinn trüben für seine bürgerlichen Pflichten. Lehrt ihn diese Prüfungszeit die wahren Freunde und Förderer humaner Denkweise kennen, schätzen und verehren, so mahnt sie ihn auch zur Einkehr in sich. 2) Den Juden, dessen heilige Schrift die Grundlage der Sittenlehre aller gebildeten Völker geworden, dessen Religionsschristen, wie namentiich die talmudischen „Sprüche der Väter", Vorschriften tiefster Moral nnd innigster Menschenliebe Allen gegenüber enthalten; können und dürfen auch die schmerzlichsten Erfahrungen nicht von strengster Einhaltung dieser Grundsätze abführen. Vor allem bewahre er den uralten Satz aus den „Sprüchen der Väter": „Liebe die A r b e i t, Haffe dieHerrschsuch t," in Pflege, Förderung und Unterstützung jüdischer Handwerker und Arbeitnehmer, in tüchtiger Selbstthätigkeit, in Aechtung unsauberen Gewinnes und in Unterlassung aller widerwärtigen Selbstüberhebung, Vordrängung und Prahlerei. 3) Wer den altjüdischen Grundsatz strengster Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit in Handel und Wandel gegen Jedermann ohne Unterschied des Glaubens Übertritt, wer wider Treu und Glauben handelt, wer lügt und betrügt — begeht die in jüdischen Kreisen so verpönte Sünde der „Entweihung des göttlichen Namens" (Chillul ha-schem), ist also kein echter und rechter Jude. — Mit Denjenigen, die so gegen Treue und Wahrhaftigkeit handeln, sollte kein Jude gesellschaftlich und geschäftlich verkehren, denn sie geben dem Judenhaß fortwährend neue Nahrung. 4) Halten wir treue Freundschaft mit bewährten christlichen Freunden, aber meiden wir leichtfertigen, leichtsinnigen Umgang; meiden wir die gesellschaftliche Berührung mit Judenfeinden; beschränken wir uns nicht auf den Umgang mit Glaubensgenossen, aber weichen wir ihm auch nicht aus — Sondern wir uns nicht nach äußeren zufälligen Verhältniffen ab; suchen wir Bildung, Belehrung, Aufklärung zu fördern, zunächst und vorzugsweise in den Kreisen der Glaubensgenoffen. Seien wir nicht allzu empfindlich gegen Aeußerungen der Abneigung wider Juden und Judenthum, sie sind leider in sehr vielen, auch wohlmeinenden Kreisen angeboren und anerzogen. Hüten wir uns aber vor Zudringlichkeit auch in geselliger Beziehnng. Man soll uns aufsüchen. Meiden wir jeden Conflict, gehen wir jeder Auseinandersetzung mit Hetzern sorglich aus dem Wege. Nur in unvermeidlichen Fällen und | böswilligen Gegnern gegenüber wollen wir ernst und entschieden antworten, aber auch da jede Beleidigung, jede Thätlichkeit, jeden Gewaltschritt meiden. Schimpfworte beweisen nur die Unbildung ihres Urhebers. Duelle, diese traurigen Ueberbleibsel mittelalterlichen Aberglaubens an Gottesgerichte und Ordalien, sind nicht blos gesetzlich, auch sittlich und religiös verwerflich. Wer ihnen ausweicht und sie ablehnt, ist nicht feig. Der Jude, der heutzutage unbeirrt und unverbittert seines Weges geht und seine Pflicht gegen Vaterland und Heimath erfüllt, beweist sich ebenbürtig seinen Ahnen, die einst in den Maccabäerkämpfen, später durch Ausharren in den mittelalterlichen Ghetti trotz aller zum Abfall drängenden Verlockungen und Qualen ihren Muth erprobten. 5) „Vor allem ihr Schriftkundigen, seid vorsichtig in Euren Worten." Auch dieser alte Väterspruch bleibt ewig neu. Unterlaßt jede unkluge, nutzlose Erörterung, vor Allem jede spöttische höhnende Aeußerung über Andersgläubige, über Anderer Glauben, ja über Euren eignen. Nicht in Frivolität und Witzen, nur in Wahrheit und Klarheit zeigt sich wahre Bildung. „Heil dem Manne, der nie saß, wo Spötter sitzen" heißt es im ersten Psalm. 6) Seien und bleiben wir treue Deutsche, opferwillige Söhne unserer Vaterstadt, unserer Heimath. „Ihr Wohl ist unser Wohl." Keiner jage nach Ehrenämtern; jeder wirke vielmehr so rechtschaffen und gemeinnützig, daß ihm das Vertrauen seiner Mitbürger zufällt. Wo es gilt gemeinnützige, wohlthätige Bestrebungen zu fördern und nicht blos in Geldleistungen, sondern und vor allem in persönlicher Hingebung, da müssen — wie bisher so auch in Zukunft — die jüdischen Mitbürger durch Eifer, Pflichttreue und Uneigennützigkeit sich hervorthun. 7) Dem Gotteshaus und dem Gottesdienste, der Religionsschule und allen Wohlthätigkeitsinstituten der Religionsgemeinde lasset uns volle Thätigkeit und Theilnahme widmen und dafür sorgen, daß das Herz und der Schönheitssinn im Gotteshause Weihe und Befriedigung finde, daß die Jugend in unserer an materialistischen Ableitungen, an Pietätlosigkeit so reichen Zeit, aufwachse — genährt in und erfüllt von idealem, humanem Geiste. Den jüdischen Gemeindeämtern entziehe sich keiner; sie sollten nur mit den Edelsten und Höchstgebildeten besetzt werden. Jeder Jude, der sich heut zu Tage fern hält vom jüdischen Gemeindewesen, billigt und fördert die gegnerischen Bestrebungen. 8) Pflegen wir Wissenschaft und Geschichte des Judenthumes und ehren wir deren Förderer, vor allem Diejenigen, deren Streben der Fortentwickelung des Judenthums zu dem ihm von Haus aus vorschwebenden Ziele der Humanität gewidmet ist. 9) Sehen wir in der gegenwärtigen, so schmerzlich uns berührenden Bewegung einen Wink der Vorsehung, an unserer Selbstveredelung mehr noch als bisher zu arbeiten. — Je strenger die Kritik, die wir an uns selbst üben, desto mehr muß jene von Uebelwollen diktirte und darum so empfindlich verletzende Kritik zu Schanden werden, zum Heile und Segen nicht nur für uns, sondern für Alle, die dem Guten in Wahrhaftigkeit dienen und also jeden Glanbens- und Rassenhaß bannen und überwinden. Wir schließen mit den Worten Wilhelm von Humboldt's aus einem Briefe vom Jahre 1830 (7. September): — „Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Leidenschaft, „wilde Rohheit und Uebermuth den Frieden be- „drohen, dessen man so lange genoß. Jndeß wird sich „auch das wieder beruhigen. . . ." „Die große Lehre ist auch hier, daß man seine Kräfte „in solchen Zeiten doppelt anstrengen muß, „um seine Pflicht zu erfüllen und das Rechte zu thun, daß „man aber für sein Glück und seine innere Ruhe andere „Dinge suchen muß, die ewig unentreißbar sind." Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Jacob Nachod. Leipzig, im December 1880.