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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-23 · N° 52. (23.12.1880) · p. Seite 444

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 52. (23.12.1880)
Date
1880-12-23
Page
Seite 444 (sequence 2)
Language
German
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— 444 — sehen vorläufig daS Ende noch nicht ab, aber wir dürfen an den Erfahrungen früherer Zeiten nnd unserer eigenen Person nicht daran zweifeln» daß aus diesen Wirrnissen schließlich Gutes und Heilsames für uns und unsere Mitmenschen hervorgehen wird. Sind wir Juden zu allen Zeiten diejenigen gewesen, welche nach den Worten der alten Propheten als Sündenböcke für die Völker dienen, für die Sünden und Fehler der gesammten Menschheit leiden sollen, so ist es nicht minder von Alters her geweissagt. daß die Menschheit dieses schließlich anerkennen und den Juden gegenüber ihr Unrecht eingestehen wird. Und wird nicht etwa das Letztere eintressen? Was wollen die Hetzereien und Schmähreden eines Stöcker und Marr, eines Bachem und Ludwig, welche den Stempel der Oberflächlichkeit, der groben Unwahrheit und vor Allem der himmelschreienden Ungerechtigkeit an der Stirne tragen gegen so weise und würdige, von edelster Humanität getragene Er-, klärungen bedeuten, welche die besten Männer der Nation Gelehrte von europäischem Rufe, hochgestellte Beamte und Führer großer Bürgerschaften für die Juden und gegen die Judenhetzer öffentlich erlassen; Namen wie Mommsen, Dropsen, Forckenbeck, Virchow und der kürzlich verstorbene hochconservative Vollgeld fallen doch ganz anders ins Gewicht, als die jener Agitatoren, welche erst durch ihre blinde Judenhetze bekannt geworden sind und mitr'hr wieder von der Bildfläche verschwinden werden. sin Für den Augenblick erscheint allerdings das Uebel, welches diese Hetze uns zufügt, ein schweres zu sein. Wir fühlen uns tief gekränkt, bedrückt, es treibt den Stachel in die Seele, daß man uns ohne Aufhören mit Verläumdungen überhäuft, daß wir verantwortlich gemacht werden für die Sünden Anderer und daß man nicht aufhört, unsere Ehre und unfern guten Ruf anzutasten. Die Hetzer und Verfolger wenden sich an die Jugend, sie greifen in die Schulen und in die Universitäten hinein, um auch den unbefangenen Gemüthern von Knaben und Jünglingen Haß und Verfolgungswahn einzuimpfen. Es scheint, als ob sie sich auch der Zukunft bemächtigen, als ob sie das Heranwachsende Geschlecht der deutschen Nation mit ihrer Bosheit vergiften wollen, und sicherlich wird mancher jüdische Familienvater trübe in die Zukunft schauen, wenn er bedenkt, was für Ungemach seinen armen unschuldigen Kindern bereitet werden soll Allein er mag sich trösten; unsere Zeit ist eine schnelllebende, eine schnell entwickelnde, eine schnell begrabende, der Athem der Menschheit ist in seinem Fortgange zum Sturmwinde geworden, dieser Sturm wird bald genug die verderblichen Miasmen, welche die Gesellschaft zu vergiften drohen, wegblasen, rfon jpya nfcj ytnn „die ganze Bosheit wird wie Rauch vergehen", so beten wir an unserem religiösen Neujahr, wiederholen wir's zum bürgerli chen Neujahr! Israel hat so manche Prüfung in seiner wunderbaren Geschichte bestanden, alle diese Prüfungen sind zu seinem Heile ausgefallen, und auch diese Prüfung wird vorübergehen und noch schließlich gute Folgen zurücklassen. Sehen wir doch schon jetzt, wie so Mancher, der sich bisher vom Judenthume fern hielt, der alles Jüdische als etwas Fremdes, ihn nicht Berührendes betrachtete, sich jetzt wieder dem Judenthume zuwendet, sich um dessen Angelegenheiten und Interessen bekümmert. Jeder selbstständige und! edle Charakter unter den Juden, mag er sonst noch so fern der jüdischen Gemeinschaft gestanden haben, fühlt es, daß es jetzt an der Zeit sei, sich an seine Glaubensbrüder anzuschließen, er fühlt, daß in Zeiten der Gefahr Jeder zu den alten Fahnen zurückkehren muß, um unter deren Banner und vereint mit den Genossen zu wirken und, wo es noth thut, zu kämpfen. Aber nicht minder gibt die Judenhetze Veranlassung, einen Blick in das eigene Innere zu werfen. Werden doch von allen Seiten die verschievenartigsten Vorwürfe gegen uns erhoben, und kommen wir von selbst zu der Prüfung, ob solche Vorwürfe begründet sind oder nicht. Zunächst finden wir allerdings, daß Bosheit und Neid, Fanatismus und Haß, Lüge auf Lüge, Verläumdung ans Verläumdung häufen, und doch dürfen und wollen wir nicht verkennen, daß einige der Vorwürfe nicht ganz unbegründet sind. Sicherlich wirv auch bei den begründetsten Vorwürfen gegen uns mit zweierlei Maß gemessen; thut es ein Christ, mag es gut sein, thut es ein Jude, ist es schlecht; bei Ersterm wird das Unrecht ihm allein zugemessen, bei Letzterm muß die gesammte Judenheit herhalten. Hat e i n Jude gewuchert, hat ein Jude betrogen, hat ein jüdischer Journalist ungehörig vom Christenthum oder von christlichen Geistlichen gesprochen, so heißt es gleich, die Juden wuchern, die Juden betrügen, die Juden verlästern den Heiland. Allein wir sind es ja gewohnt, in dieser Weise ungerecht behandelt zu werden, und selbst sonst unbefangene und hochgesinnte Männer unter den Gegnern scheinen nicht fühlen zu wollen, wie bodenlos ungerecht ein solches Verfahren ist. Indessen soll diese einmal vorhandene Ungerechtigkeit unserer Gegner uns doppelt vorsichtig machen. Wir sollen eingedenk sein, daß jeder von uns auf einem verantwortlichen Posten stehe, jeder soll dessen sich bewußt sein, daß für sein eigenes Thun, sein eigenes Treiben die ganze Glaubensgenossenschaft verantwortlich gemacht wird. Sehe daher jeder auf sich selbst und sehe er auch auf den Kreis seiner Genossen, suche er, soweit er kann, zu wirken, daß nichts Unrechtes, nicht einmal der Schein des Unrechts geschieht, keine Tactlosigkeit begangen wird, daß der Prunksucht, der Sucht sich vorzudrängen, der leichtfertigen Rede gesteuert werde. Bestrebe er sich, an seinem Theile dazu beizutragen, daß Redlichkeit im Handeln, Bescheidenheit im Auftreten, männlicher Stolz in der Abwehr immer mehr Gemeingut werde in jüdischen Kreisen. Verlangt man von uns. daß wir besser sein sollen, als die Nichtjuden, so soll dies ein Sporn für uns sein, es auch wirklich zu werden. Und hierfür gibt es kein besseres Mittel, als die feste An. hänglichkeit an unsere alte Thora und die Rückkehr zu den Geboten des Herrn. „Wer Gott wohlgefällt", heißt es in den weisen Sprüchen der Väter, „gefällt auch den Menschen." Dies sei unser Wahrspruch, wenn wir es darauf anlegen wollen, uns beliebt bei unfern nichtjüdischen Volksgenossen zu machen. Solche Einsicht, so dürfen wir hoffen, wird sich immer mehr im Kreise des Judenthums befestigen und eS nicht blos beim Erkennen, beim Wollen bleiben, sondern auch zur T h a t führen. Sagen doch selbst unsere schlimmsten Feinde, daß sie nicht das Judenthum als Religion bekämpfen wollen, greifen sie doch die getauften Juden mit derselben Schärfe an, wie der ungetauften. Darum halten wir es auch für ganz verkehrt, jetzt von Reformen zu sprechen, die „Sonder-

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