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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-16 · N° 51. (16.12.1880) · p. Seite 438

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 51. (16.12.1880)
Date
1880-12-16
Page
Seite 438 (sequence 4)
Language
German
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438 Der Gesang wurde unter Begleitung der Stadtkapelle recht gut ausgeführt. Der Landrabbiner Vr. Glück sprach über die Bedeutung und die Segnungen des Gotteshauses; seine Predigt war in edler Form gehalten und machte mit ihren schönen Gedanken den erbauendsten Eindruck. Bad Ems. Die sog. Antisemiten-Petition wurde auch un die hiesige Bürgermeisterei zum Unterschreiben eingeschickt, aber von unserm Bürgermeister Herrn Spangenberg, sogleich in den Papierkorb geworfen. Ein Gleiches geschah auch in der Gemeinderathssitzung zu Wiesbaden, worüber der „Rheinische Kurier" Folgendes berichtet: Vorsitzender Herr Oberbürgermeister Lanz: „Da ist auch an die Bürgermeisterei die Antisemiten-Petition mit dem Anträge, sich ihr anzuschließen, eingegangen. Soll ich dieselbe verlesen?" Allseitiges „Nein!" Vorsitzender: „Ich denke, wir werfen sie in den Papierkorb." Herr Meckel (Christ): „Und zwar mit Verachtung!" Das Collegium heißt den Vorschlag seines Vorsitzenden gut. Herr Meckel beklagte es, daß aufreizende Flugschriften in der Judenfrage gegenwärtig von denSchutzl e u t e n auf öffentlichem Markte hier vertheilt werden dürfen! Vorsitzender: „Damit haben doch die Schutzleute nichtzu thun!" Dem Herrn vr. Seligmann Bär in Bieberich, einem ehemaligen Zögling unseresHrn. Bezirksrabbiners vr.Hochstädter, der am 6. Januar k. I. den 70. Geburtstag seiert — ihm ist leider diese Freude durch den jüngst plötzlich erfolgten Tod seiner biedern Gattin getrübt —, aus der Zeit, als derselbe seine Anstalt zur Ausbildung israelit. Religionslehrer und Cantoren gründete — ist als Unterstützung bei seinem wiffenschaftlichen Arbeiten der alttestamentlichen Textkritik ein namhafter Beitrag seitens des Cultusministers bewilligt worden. Aus Württemberg, 7. Dez. (Or.-Corr.) Der in dieser Woche veröffentlichte Rechenschaftsbericht des Vereins für arme 'Israel. Lehrer Wittwen und Waisen für die dreijährige Rechnungsperiode 1877/80 enthält ein sehr günstiges Resultat. Der Fond bat nun 4493 M. 56 Pf. zugenommen und beträgt jetzt 19436 M. An Unterstützungen hat der Verein in dieser Rechnungsperiode 2640 M. verwilligt. An Spenden aus den iSrael. Gemeinden wurden 4569 M. eingenommen, darunter eine jährliche Gabe von 45 M. von unserer gnädigen Landesmutter, der Königin Olga. Vorstand des Vereins ist seit seiner Begründung' Oberlehrer Lieb mann in Stuttgart. Die Antisemitenpetition wurde von dem Berliner Comits, darunter auch Hofprediger Stöcker, an die bürgerlichen Collegien in Hall zur Verbreitung unter die dortigen Bürger versandt, aber von diesen mit Entrüstung zurückgewiesen. Ueber Erfolge des ComitsS in Württemberg verlautet gar nichts in der Presse. Für die Petition wirkt nur die „deutsche Reichspost" in Stuttgart, das Organ der Conservativen in Süddeutschland. Mannheim, 8 December. Die hiesige Synagoge hat am Sabbath Chanuka (4. Dec 1880) die Jubiläumsfeier ihres fünfundzwanzigjährigen Bestandes gefeiert. Diese Feier dürfte wohl darum nnt Recht unter dergleichen Festlichkeiten als eine besondere bedeutungsvolle hervorragen, weil sie in Wahrheit zugleich als eine historische Friedensfeier gelten kann, wie sie wohl kaum eine ähnlich große Gemeinde in Deutschland zu begehen in der Lage ist. Den feindlichen Strömungen der Orthodoxie und der Reformpartei, welche mit dem geistigen Aufschwung der Juden in Deutschland die jüdischen Gemeinden zu verwirren begannen und leider meisten Orts noch nicht aufgehört haben zerklüftend zu wirken, wurde hier durch die Errichtung der neuen Synagoge von vornherein ein macht« .voller Damm entgegengehalten, weil sie die Gediegenheit des fibertu ferten Gebietes mit dessen durch die fortgeschrittene Bildung bedingten formellen Veredlung gleich hochhaltend, .alle gerechten Ansprüche zu befriedigen geeignet war. Das Band der Einheit und des Friedenumschlingt so hier seit einem Vierteljahrhundert wie kaum in einer zweiten Gemeinde ' Deutschlands alle ihre Glieder und hat die hiesige Gemeinde zu den Errungenschaften geführt, die sie an diesem Tage 1 ebenso mit Stolz auf die Vergangenheit, als mit Zuversicht auf die Zukunft blicken ließ. Es war daher die Freude an dem Jubiläum-feste eine ungetheilte, denn Alle waren sich bewußt, durch treues, festes Zusammenhalten sie ermöglicht zu haben. Diesen Empfindungen gab der Unterzeichnete in V einer Festpredigt Ausdruck. — Zugleich beging der hier seit Errichtung der neuen Synagoge wirkende Synagogenchorver- : ein die Jubiläumsfeier seiner außerordentlich erfolgreichen Thätigkeit. Derselbe, der etwa 60 Mitglieder zählt und durch! den von ihm entfalteten Eifer sehr viel zur Hebung unseres! Synagogengesanges beigetragen, veranstaltete am Festabend; unter Leitung seines derzeitigen, rühmlichst bekannten Dirigenten, Herrn A. H ä n l e i n, eine musikalische Festaufführung, : zu welcher nächst den Gemeindemitgliedern auch die Notabi- ' litäten und die Geistlichkeit unserer Stadt erschienen war. Es?■ dürften sich etwa 1200 Festtheilnehmer eingefunden haben. Das Program bestand aus einer Reihe älterer und neuer; Compositionen, unter denen ganz besonders die Hymne: „ISr raels Siegesgesang" nach den Worten der h. Schrift von Ferdinand Hiller, als besonders die Festesstimmung reflectirend, hervorgehoben zu werden verdient. Nicht minder feffelten die von Herrn Direktor Hänlein mit ausgezeichneter Vir-! tuosität ausgeführten Orgelvorträge klastischer Meister. Den! Mitgliedern des Synagogenchors wurden anläßlich dieser Juf biläumfeier in festlicher Versammlung vom Herrn vr. Ladenburg, dem Vorsitzenden des Synagogenraths, Namens der Gemeinde mit einer begleitenden Ansprache, als dankbares Erinnerungszeichen für treue Mitwirkung am gottesdienstlichen Gesänge ja ein kunstvoll ausgestattetes Gedenkblatt überreicht. Herr vr. Ladenburg, der seit 30 Jahren ohne Unterbrechung mit dem regsten Eifer als Vorsitzender des Synagogenraths die Angelegenheit der Gemeinde leitet, wurde am Morgen , durch eine Deputation unter Führung des Unterzeichneten i beglückwünscht. Außerdem wurde dem Synagogenrath Herrn f David Aberle, der wie um das Gemeindewesen überhaupt, , so ganz besonders um die Schöpfung und die blühende Wirk- - famkett des Synagogenchors in edler, selbstloser Hingebung und nimmer rastendem Eifer sich verdient gemacht hat, von Seiten des Synagogenchors durch eine ebenfalls vom Unterzeichneten geführte Deputation eine prächtig ausgeführte Dankadreffe überreicht. Die erhebende Feier beschloß ein von geistreichen Trinksprüchen gewürztes Festbankett. vr. M. Steckelmacher, Stadtrabbiner. * Oesterreich. —k Wien. (Or.-Corr.) In einer Zeit, wo der Geist der Unduld- * samkeit an den Universitäten Berlin, Leipzig, Göttingen, Tübingen in so schmachvoller Weise, wie es die Tagespreffe schildert, sich kundgiebt, dürfte leicht die Besorgniß rege werden, « daß die antisem. Strömung auch in außerdeursche Hochschulen } sich hinüberspielen werde; findet doch nichts raschere Verbrei- * tung als böses Beispiel, das irgendwo gegeben wird, wie auch i das Unkraut rasch nach allen Seiten hin Wurzeln faßt. So wird es denn von Interesse sein. Etwas über die Gesinnungen und die Haltung der Wiener Studentenschaft in diesem : Punkte zu erfahren. Für diese gab es anläßlich der Kaiser- * Josephfeier bei dem glänzenden Cammers des deutsch-österrei- * chischen Lesevereins, der am 29. Nov..in den Musikvereinssälen * stattfand, die passendste Gelegenheit, ihre tolerante Denkungsart zum Ausdrucke zu bringen. Viele Toaste priesen in g schwungvoller Weise das Toleranzedict des großen Monarchen x und verurtheilten mit großer Heftigkeit die unjosephinifche» f von Intoleranz zeugenden Vorgänge im deutschen Reiche. ( In einem solchen Toaste wurden die Berliner Jndenvebatten | als eine Schmach für Deutschland erklärt, und Jenen, welche r offen oder geheim für die Sache der Antisemiten eintreteu, I die wenig ehrende Mahnung zugerufen: ob denn diese „Deut- I schen" (?) kein Schamgefühl hätten. Alle solche Anspielun- I

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