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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-16 · N° 51. (16.12.1880) · p. Seite 436

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 51. (16.12.1880)
Date
1880-12-16
Page
Seite 436 (sequence 2)
Language
German
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— 436 — diesmal bewahrheitet. Der Sturm ist da, weil er kommen mußte. Sucht doch nicht nach speziellen und besonderen Ursachen. So viel sie auch ableugnen wollen, der Glaubensfanatismus, der blasse Neid, die niedrigeHabsucht spielen allein ihre Rolle mit, aber der Grund und Boden ist die a l t e B a rb arei, die einen Gegenstand sucht, gegen den sie ihre überstrotzende Gewalttätigkeit ausüben kann und glaubt diesen Gegenstand in dem ihnen unangenehmen und überlegenen Judenthum gefunden zu haben. Etwas muß gestürmt werden; nach dem äußeren Düppel wurde das innere Düppel gestürmt, nach dem Franzosen-Kriege der Vatikan, nach diesem der Sozialismus und jetzt, wo kein anderer Krieg in Sicht ist und man doch die Brutalität nicht im Leibe behalten kann, muß der Ju d e herhalten. Haut ihm! Warum? Weil er gescheidter ist, als Ihr? Ich kann wesentlich aus den meisten Vorwürfen, welche den Juden gemacht werden, nichts anderes herauslesen, als den Ingrimm des geistig Zurückstehenden gegen die höhere Intelligenz, gegen die ältere und tiefer eingedrungene Cioilisatton. „Der Jud' übt die Betrügerei", lautete eine Zeile in einem Verse, der auf dem Giebel eines alten Hauses in Klein Linden bei Gießen angeschrieben war. Möglich — aber warum seid Ihr dumm genug, Euch betrügen zu lassen? — Die Juden haben sich der gesammten Presse bemächtigt! — Auch möglich, — warum wäret Ihr so einfältig, sie Euch entwinden zu lassen? — Die Juden beherrschen den Geldmarkt und damit die Börse, den ganzen Handel und Kredit. — Sehr möglich — aber wie könnte eine kleine Minderheit dieses fertig bringen, wenn sie nicht mit überlegener Verstandeskraft ausgerüstet wäre und mit größerer Nachhaltigkeit und Energie arbeitete? — Die Juden haben mehr Aemter inne, sie zählen mehr Advokaten, mehr Aerzte, als sie dem Verhältniß nach haben sollten! — Wahrscheinlich — aber bei der entschiedenen Abneigung mancher Regierungen zugleich doch der sprechende Beweis, daß sie befähigter sind oder wenigstens ihre Fähigkeiten auf den richtigen Punkt zu konzentriren wissen. — Der ganze Reichthum des Volkes kommt nach und nach in ihre Hände! — Sehr wahrscheinlich, denn sie saufen nicht wie Ihr, verthuen nicht mehr Geld, als sie haben, sparen, sind häuslich, führen meist ein tadelloses Familienleben, arbeiten unermüdlich früh und spät mit Intelligenz — wie könnte es ihnen fehlen? Macht es ebenso und Ihr werdet ebenfalls reich werden. Aber nein! de Candolle hat ganz Recht: In Euch wühlt noch der finstere Geist der barbarischen Ahnen, die den friedlichen Kaufmann auf der Heerstraße überfielen und plünderten! O edle Barbarei, angeführt durch Junker und Pfaffen! Man hat sie groß gezogen mit Kriegen und Gewaltthätigkeiten aller Art und nun sie die dünnen Hüllen gesprengt hat, mit welchen man sie vermummte, nun wundert man sich, daß sie sich reckt und Jenem in das Gesicht schlägt, weil er eine krumme Nase hat. Diesen an der Gurgel packt, weil er einen gefüllten Geldbeutel besitzt, einem Dritten ein Bein stellt, weil er auf hohem Platze steht! Mag mein Landsmann Hillebrand noch so schamroth werden in Florenz; — sie mußte aufbrechen, diese Knüttelblüthe der Barbarei, der raub- und rauflustigen Rohheit, und man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß Fortschrittspartei und Seceffionisten kräftig genug seien, sie herabzuschütteln. Sie rühmen sich sogar ihrer Barbarei! Wie über diese, so wird Hillebrand auch noch über manche andere Blüthen der Barbarei schamroth werden müssen, denn die Judenhetze ist nicht die letzte! Naturgesetze lasten sich nicht umgehen, sondern müssen ihren Lauf haben. Wenn ein Feind Deutschlands die Preisaufgabe gestellt hätte: Was ist zu thun, um dem deutschen Namen im Auslande, ohne Nutzen für das Inland, den größtmöglichen Schaden beizubringen?, so würden die Herren Treitschke, Stöcker und Konsorten diesen Preis unfehlbar gewonnen haben. Denn die Ironie ihrer Hetze liegt noch obenein darin, daß sie nur einige Schimpfreden, Prügeleien oder Pistolenkugeln im Gefolge haben kann, sonst aber jedes praktischen Erfolges baar und ledig ist. Denn die bürgerliche Gleichstellung kann den Juden nicht geraubt werden und mehr bedürfen dieselben nicht, um ihre Ueberlegenheit in all' den Zweigen der menschlichen Thätigkeit zu behaupten, welche sie durch ihre Findigkeit und Rührigkeit schon bethätigten. als Ausnahmegesetze aller Art ihre freie Bewegung beschränkten. Auch hier kennen diese Unwissenden das statistische Gesetz nicht, nach welchem von allen Klaffen der Menschen die jüdische diejenige ist, welche sich am leichtesten jeder Veränderung der äußeren Verhältnisse anpaßt. Sie werden diese Hetze überdauern, wie manche andere; werden, wenn sie von Staatsämtern und liberalen Berufen zurückgestoßen werden, sich um so eifriger dem Handel, der Industrie, der Börse und der Presse zuwenden, sich unter einander um so energischer unterstützen und in einigen Jahren wird in den deutschen Gemüthern nichts davon übrig bleiben, als die Erinnerung an ein Schandmal mittelalterlicher Barbarei, die freilich noch nach langen Jahren mächtig genug sein wird, um unseren Nachkommen die Schamröthe auf die Wangen zu treiben. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Von Professor M o m m s e n ist soeben eine Broschüre: „Auch ein Wort über Judenthum." (Berlin, Weidmännische Buchhandlung) erschienen, die dm historischen Nachweis führt, daß bei der Bildung der deutschen Nation die Juden mit nicht minderem Rechte als die vielerlei Stämme mitgewirkt haben, aus denen die Nation schließlich zusammengefloffen ist. Ein gewisses Abschleifen der Stämme an einander, die Herstellun g einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmte Landsmannschaft entspricht, ist durch die Verhältnisse unbedingt geboten, und die großen Städte, Berlin voran, deren natürliche Träger. Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück, und bin überhaupt der Ansicht, daß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Procent Israel b^izusetzen waren." Gegen Treitschke sich wendend fragt Mommsen: „Was heißt das, wenn er von unseren israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja, so gut wie er und ich. Wer giebt uns das Recht, unsere Mitbürger dieser oder jener Kategorie wegen der Fehler, welche im Allgemeinen dieser Kate» gorie, sei es auch mit Recht, zur Last gelegt werden, aus der Reihe der Deutschen zu streichen?" Er wirft Treitschke geradezu vor, „daß er den Bürgerkrieg predige," und fordert ihn auf zu erklären, daß er das antisemitische Gebühren der Studenten nicht gut heiße. Berlin. Hier hat sich jetzt in studentischen Kreisen ein Comitä gebildet, das an die Berliner Studentenschaft christlicher Religion folgenden Aufruf erläßt. (Die Comit6mitglieder erklären sich zur Entgegennahme von Beitrittserklärungen bereit.): Commilitonen! Unbeirrt von den Leidenschaften des Tages hat die deutsche Studentenschaft stets den Sinn einer schönen Brüderlichkeit zu pflegen gesucht. Wenn irgendwo, so haben bei uns ideale Gesinnungen, ideale Bestrebungen eine Stätte gefunden. Commilitionen! Die Nation darf erwarten, daß wir diesen Grundsätzen gerade jetzt getreu bleiben, wo eine zwieträchtige Bewegung den allgemeinen Frieden des Vaterlandes zu gefährden droht. Statt uns in Hader zu stürzen, wollen wir daran festhalten, daß ein theureS Band uns deutsche Studenten Alle, Christen und Juden, umschlingt: die Liebe -um gemeinsamen Vaterlande. Darum theuere Commilitonen,

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