Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 50. (9.12.1880)
- Date
- 1880-12-09
- Page
- Seite 428 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 428 — Vortrag de- PsalmrS 72, bestieg Prediger Dr. Placzek die Kanzel. Seine Rede war wahrhaft zündend. Das Leben und Wirken des Kaisers, den er „einer großen Mutter größeren Sohn" nannte, schildernd, verglich er sein Wirken mit einem Lichte, daallerdings zahlreiche Dunkelmänner, vom Schlage derer, die jüngst von einem „gerechten Mittelalter" sprachen, geblendet habe. Doch war er eS, der den Grund gelegt zu dem großen Werke der Gleichberechtigung, besten Ausbau unserem gegenwärtigen allgeliebten Kaiser zu danken ist^ Joses sei eS gewesen, der in dem namenlos unglücklichen, verhöhnten, rechts-, schütz- und heimatlosen Juden den Menschen achtete und anerkennen hieß. „Der Jude ist ein Mensch wie die Andern", sagte er. O! daß er eS erst sagen mußte! Sollen wir uns darüber wundern? Wenn ein Jahrhundert nach ihm, drüben in der deuts en Metropole der Bildung und Gestttung im Rathe der Volksvertreter eS erst betont werden mußte uud unter grimmigem Widerspruche uachgewiesen werden mußte, daß der Jude auch ein Mensch und Bürger sei wie die Andern. 8. K. Budapest, 1. Dec. (Or.-Corr.) Herr Rabb. Dr. Sam. Kohn hatte jüngst in einer Rede auseinandergesetzt, wie Vieles wir Juden Ungarns noch zur vollständigen Emancipation vermissen, trotz der hochtönenden Phrase unseres Ministers, daß in Ungarn volle Religionsfreiheit herrsche. Ich will Ihnen als Beleg hierfür nur eine Thatsache anführen: Eine ungarische Unlerthanin christlicher Religion ist zum jüdischen Glauben übergetreten. Dieser Uebertritt aber hatte für diese verhängnißvolle Folgen, an denen eben nur die ungarischen Gesetze schuld sind. Die besagte Frau heirathete in Wien — allen gesetzlichen und confestionellen Anforderungen genügend — einen Juden. Das Ehepaar ließ sich in Ofen nieder. Der Vater (Beamteter) wollte, dem Gesetze gemäß, das neugeborene Kind immatriculiren und beschneiden lasten. Der Ofener Rabbiner erklärte, er wage nicht, dem Wunsche des Vaters nachzukommen, weil nach unseren Gesetzen heute der Uebertritt einer Christin zum Juventhume nicht gelte. Der Vater begab sich zum Bürgermeister, welcher ihn an den Vorstand seines Bezirkes wies. Hier wurde ihm bedeutet, er möge abwarten. bis ihm eine schriftliche Entscheidung hierüber zugestellt werden wird. Man denke nun das Entsetzen des armen Mannes, als ihm bald darauf folgende Zuschrift vom Bürgermeister zugeschickt wurde: „Magistrat der Hauptstadt Budapest. Verordnung. Nachdem der in Wien am 8. Februar 1860 erfolgte Uebertritt der aus Weißkirchen gebürtigten Klara Gouti6 von römisch-katholischer Kirche zum jüdischen Glauben, wie auch ihre am 15. Februar 1880 in Wien nach jüdischem Ritus geschlostenen Ehe mit dem Israeliten Felix Kronstein unfern Landesgesetzen gemäß ungültig und nichtig ist. so ist diese selbst noch immer als der römisch-kathol. Kirche angehörend und ihr am 8. September l. I. in Budapest geborener Sohn als von unehelicher Abstammung zu betrachten. In Folge besten ist das neugeborene Kind der obenerwähnten Klara Goutis — mit Rücksicht darauf, daß die unehelichen Kinder die Religion der Mutter annehmen und die Mutter in diesem Falle erklärte, von ihrer Bitte behufs der Jmmatriculirunng ihres Kindes in die Matricen der Confeflionslosen abzustehen — in den Schoß der katholischen Kirche aufzunehmen. Klara Gouti6 wird demzufolge angewiesen, ihr nengeboreneö Kind binnen drei Tagen nach Empfang dieses Beschluffes an der competenten Pfarre römif ch - kathol. Kirche hier taufen zu lassen und dementsprechenden Matricel-AuSzug binnen 8 Tagen dem Magistrate vorzuweisen, ansonsten sie im entgegengesetzten Falle, je nach Ermessen, mit schweren Strafen geahndet wird, wovon Klara Goutiä und der betreffende Pfarrer Karl Zierer behufs Zurkenntnißnahme zu verständigen sind. ■ ■■ Budapest, aus der am 28. November 1880 stattgefundenen MagistraSfitzung. Max Kammermayer, Bürgermeister." Aus diesem soeben erlassene» Aktenstück können unsere tz israelit. Brüder entnehmen, wie viel uns ungarischen Juden i noch zur vollen Religionsfreiheit fehlt.*) Unser Herr Prediger hatte daher auch Recht, daß er in unserem Freiheitsjubel eine Selbsttäuschung erblickt und daß er besonderan die Vertreter unserer Rechte im ReichSrathe daß ernste Wort richtet, sie mögen doch mit mehr Einsicht für die unS noch vorenthaltenen Rechte einstehen. § Gebe Gott, daß wenigstens die i S r a e l i t. Abgeordneten im | ungar. Landtage einmal ihre Stimme gegen solche ungerechte! Verordnungen und Gesetze erheben! E Rumänien. J Bukarest, 1. Dec. (Or.-Corr.) Zu wiederholten Malen h lese ich in ihrem gesch. Blatte, daß eine größere Anzahl von I rumänischen GlaubenSbrüdern zur Auswanderung nach Amei rika bereit sei. Diese Nachricht entbehrt jeder thatsächlichen I Grundlage. Wir hierzulande misten von dieser angeblichen ( Auswanderung gar nichts. Als ich zuerst in politischen Blättern diese Nachricht fand, stellte ich genaue Nachforschungen an und ich überzeugte mich, daß weder hier noch in irgend einer andern Stadt Rumänienunsere Glaubensbrüder an eine Auswanderung nach Amerika denken. Wohl aber sind etwa 100 jüd. Familien von Bukarest! entschlossen, nach Palästina auszuwandern, um dort Ackerbau; zu treiben. Es ist aber zu hoffen, daß auch dieser Plan im wohlverstandenen Interests der Auswanderungslustigen aufgegeben wird. Sie würden vom Regen in die Traufe kommen. Zur Auswanderung könnte nur die in Rumänien herrschende Rechtsunsicherheit zwingen; aber die ist ja im h. Lande bekanntlich noch viel größer. Außerdem stehen die Auswanderungslustigen zum Theil in vorgerückten Jahren, verstehen nichts von Landbau, verfügen über keine Kapitalien, denn sie sind zumeist unbemittelte Handwerker. Die ungewohnte harte Arbeit und die ungünstigen klimatischen Verhältniffe Palästina's würden noch das Ihrige dazu beitragen, die Lage der Auswanderer zu erschweren, wenn nicht gar unerträglich zu machen. So wie die Dinge heutzutage im h. Lande liegen, kann man den Londoner jüd. Gesellschaften nur Recht geben, wenn sie keine hilfreiche Hand zur Auswanderung nach Palästina bieten wollen. Den genannten jüd. Familien von hier ist übrigens der Bescheid geworden, daß man von London einen eigenen Bevollmächtigten herschicken werde, der zu untersuchen haben wird, ob sie die erforderlichen Eigenschaften zur Auswanderung besitzen. Eignen sie sich zu Colonisten, was, wie bereits erwähnt, meiner Ansicht nach nicht der Fall ist. so soll ihnen die beanspruchte Unterstützung gewährt werden. Sie sehen, daß unsere englischen Glaubensbrüder ebenso praktisch wie human sind. Rußland. Riga, 10. Nov. (Or.-Corr.) Welche stolzen Hoffnungen hatte nicht das Land, und wir Juden insbesondere, an das 25jähr. KrönungSfestdes Kaisers geknüpft! Der geknechtete Stamm richtete seinen gebeugten Rücken gerade und glaubte schon am fernen Horizonte das erste Aufdämmern der Morgenröthe einer neuen Freiheit wahrzunehmen. Und damit die Erlösung nicht blos von Außen, sondern zugleich von Innen ausgehen sollte, richtete Poliakow seinen Aufruf an sämmtliche Juden Rußlands zur Herbeischaffung eines RiesenfondS, um Gewerbeschulen und Colonien zn gründen, um so einen Ehrentempel zu erbauen, welcher diesen schönen Tag zu einer heiligen Erinnerung für *) Der dieswöchentliche „Ung. Jsr." dringt eine ähnliche ministerielle Entscheidung über einen Fall aus Szegedin. wonach einem rite zum Judenthum Üebergetretenen Nicht gestattet wurde, eine Jüdin zu heiratheii, weil er in den Augen des Staates Christ ist und bleibt. Red.