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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-09 · N° 50. (9.12.1880) · p. Seite 429

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 50. (9.12.1880)
Date
1880-12-09
Page
Seite 429 (sequence 7)
Language
German
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unsere Nachgeborenen stempeln sollte. In diesen Hoffnungen wurden wir noch bestärkt, als Loris Melikow an die Spitze der Staatsgeschäfte trat und jüdische Deputationen zur Besprechung vor sich kommen ließ, und als ein Schulmann der Dorpater Universität als Minister des Unterrichts berufen wurde. Und wie schnell, wie bitter wurden wir enttäuscht. Die erste Frucht dieser neuen Aera war für uns die, daß man der jüdischen Gemeinde in P e t e r s b u r g die Concession zum Bau einer Synagoge verweigerte. Man hielt das Factum für wichtig genug, um es dem Kaiser selbst vorzulegen, und dieser beschränkte den edlen und schönen Bauplan der» artig, daß an eine Ausführung deffelben nicht mehr zu denken war. Das war der erste Dank für das Blut, welches unsere Söhne, zugleich mit den übrigen Bürgern des Landes aus den Schlachtfeldern des Balkan verspritzt hatten. Und man bedachte nicht, daß man durch Hebung und Veredelung der religiösen Formen ein Mittel gewinnt, um die jüdische Jugend den Reihen der Nihilisten abwendig zu machen. Eine noch traurigere Erfahrung als auf dem Gebiete der Religion haben wir heute leider auf dem Gebiete der Schule zu verzeichnen. Wir haben hier in Riga ein Polytechnikum, das sich mit den besten seiner Art meffen kann und welches für viele Klasien unserer Gesellschaft zum wahren Segen gereicht. Aber den größten Nutzen hat dieses Institut bis jetzt der jüdischen Jugend gebracht. Unser neuer Entwickelunqsgang ist noch jungen Datums, der größere Theil der Juden Rußlands lebt noch im Bann des Mittelalters, und unsere jüdische Jugend hatte noch nicht Zeit genug zu einem regelmäßigen Schulbildungsgange, um Gymnasium und Universität in gehöriger Weise zu absolyiren. Und selbst den Bevorzugten, denen dieses bis jetzt gelungen ist. sind die meisten Bahnen zu einer Carriere noch verschlossen. Aber die Aufnahme in das Polytechnikum erfordert^nur den Bildungsgrad einer mittleren Gymnasial- und Realklaffe, und von den Bänken der Jeschiwah bis zu den Hörsälen dieses Instituts war nur ein Schritt. Auch bietet die Beendigung dieser Hochschule viel mehr Chancen für ein späteres Fortkommen und liefert namentlich das, was wir besonders brauchen, ge bi ldeteKaufleute und Fabrikanten. Deshalb wurde das hies. Polytechnikum besonders von der jüd. Jugend gewürdigt, und unter der Anzahl von ca. 600 Hörern sind über 170 jüd. Jünglinge. Ich muß hinzufügen, daß dieselben mit Ernst ihren Studien obliegen, sich wenig um das Corporationswesen der anderen Studenten kümmern und überall die höchste Achtung genießen. Es traf uns daher wie ein Blitz aus heiterm Himmel, als diese Woche vom Ministerium die Verordnung kam, daß fortan die Pforten dieser Anstalt unter den bisherigen Bedingungen nur für die mit Bürgerrecht versehenen Juden Riga's!(ihre Zahl ist leider sehr gering) sollen geöffnet sein und für die jüdische Jugend aus dem übrigen Rußland nur unter der Bedingung, daß sie das Abiturientenexamen vorher bestehen sollten. Das heißt so viel, als für diese die Anstalt ganz schließen, denn wer ein Gymnasium absolvirt und noch 4—6 Jahre für die oberen Gymnasialklaffen verwenden muß, der wird sich kanm noch entschließen, in ein Polytechnikum einzutreten. Zur Ehre Loris Mellikow's und Saburow's muß ich hier noch hinzufügen, daß das hiesige Polytechnikum dem Finanz minister untersteht, und daß von ihm diese schlimme Verordnung ausgegangen ist. Das sind die ersten bitteren Erfahrungen auf der Bahn der neuen Aera — und was haben wir noch in Zukunft zu hoffen? Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Ob's wahr ist, daß Profeffor Munk der erste Jude in der Akademie der Wissenschaften in Berlin ist, da alle Bisherigen sich hätten taufen laffen müffen, wie „Archr isr." erzählt?? Berlin, l. December. In dem „Verein für Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" ist Herr Bezirksrabbiner Dr. Salvendi in Dürkheim, der ein warmes Interesse für den Zwecke des Vereins bereits vielfach bekundet hat, zum Mitglied des Verwaltungsrathes gewählt worden. Berlin. Man entsinnt sich vielleicht noch, daß ein Herr Pflug, der als geheimer expedirender Secretär in einem unserer Reichsämter angestellt ist, eine große Rolle in den Versammlungen der Christlich-Socialen gespielt hat. Herr Pflug pflegte den Vorsitz in den Stöcker'schen Versammlungen zu führen. Es ist nun, wie wir erfahren, Herrn Pflug Seitens seines Vorgesetzten bedeutet worden, man würbe für dieses Mal von der Einleitung einer Disciplinaruntersuchung wegen seiner agitatorischen Thätigkeit absehen, er möchte sich in Zukunft aber eines derartigen Auftretens enthalten, da sonst seines Bleibens in der amtlichen Stellung nicht länger sein könne. Berlin. Durch den Fall Kantorowicz und auch durch die Interpellation ist das Rischuß hier größer geworden Vorher kümmerte sich kein anständiger Mensch darum, man machte sich aus Stöcker und seinem Janhagel gar Nichts und amüsirte sich nur darüber. Seit 2— 3 Wochen aber wird soviel darüber in Zeitungen geschrieben und gesprochen, daß nicht nur die Christen, sondern selbstverständlich auch die Juden gereizt und erbittert werden. Es wäre besser gewesen, wenn man Stöcker und Treitschke ganz ignorirt hätte — jetzt ist es eine große Staatsaffaire geworden. Berlin, 3. Dec. Daß Herr v. Ludwig es sich nicht entgehen laffen würde, bei seinem Anträge auf Beschaffung einer Statistik aller bei Gründungen detheiligten Personen, die Judendebatte wiederaufzunehmen, konnte nicht überraschen. Es gelang ihm auch, wie gewöhnlich, wieder einen kleinen Skandal zu insceniren, der damit endete, daß Herr v. Ludwig seinen Antrag, der im günstigsten Falle allein auf die Zustimmung des Antragstellers zu rechnen gehabt hätte, unter schallendem Gelächter zurückzog. Aber die heutige Diskussion hat doch den Erfolg gehabt, daß Herrn Stöcker's parlamentarisches Fiasko unter der schweigenden Zustimmung seiner confervativen Genossen ein offenkundiges geworden ist. Wenn Virchow's Mahnung an die deutschen Studenten, sich von diesen antisemitischen Bestrebungen fern zu halten, nur beherzigt würde! — Dann hätte die heftig erregte Debatte doch einen reellen Nutzen. Berlin. Herr Benno Cohn erklärt in der „Volkszeit." daß er seinen Hund nicht „Stöcker", sondern wegen der langen Beine „Stecker" (resp. Stepke) genannt habe. Berlin. Bei der am 30. v. M. in der hiesigen jüdischen Gemeinde stattgehabten Repräsentanten-Wahl sind 2765 Stimmzettel abgegeben worden, so daß etwa 35 Procent von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Berlin. Vom Louisenstädtischen Bruder-Verein Ahawath Reim ist Herr Dr. Deutschlände r als Prediger vorläusig auf ein Jahr angestellt worden. — Herr Rabbiner Dr. Nascher sieht sich genöthigt, eine neue Gemeinde zu gründen, da seine bisherige (Schochare hattob), an der er contractlich lebenslänglich angestelll war, im Begriffe steht, einen andern Predig-r zu engagiren. Dr. N. ist dieserhalb klagbar geg n die Kehoohare hattob geworden. Hannover. Der Magistrat hat die Unterzeichnung der Judenpetition mit folgendem Schreiben abgelehnt: „Wir eröffnen Ihnen auf Ihre uns neben Uebersendung einer Peti* tion, betreffend die Einschränkung des Einflusses der Juden, vorgetragene Bitte, daß wir es um so mehr ganz entschieden ablehnen müssen, die unserer Ueberzeugung nach höchst bedenkliche Petition zu verbreiten und deren Wirksamkeit zu fördern, als es doch wahrlich nicht Sache der Obrigkeiten sein kann, Unfrieden unter den ihrer Fürsorge anvertrauteu Staatsangehörigen zu säen und zu schüren." (Fortsetzung in der Beilage.)

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