Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-09 · N° 50. (9.12.1880) · p. Seite 427

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 50. (9.12.1880)
Date
1880-12-09
Page
Seite 427 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584294--4376-9584299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schafrliche Judenfrage noch in langen Reden, welche zum Theil einer deutschen Volsvertretung und dem Geist unseres Jahrhunderts sehr wenig Ehre machen, hin und hergezerrt werden konnte, will uns höchst befremdlich verkommen. Ist denn ein Parlament dazu da, um über die angenehmen oder unange' nehmen Eigenschaften der verschiedenen Gesellschaftsklassen wie ein Damen Kaffeekranz zu Gericht zu sitzen? Und sind denn unsere jüdischen Mitbürger — dies sind sie mit oder ohne Erlaubniß der Herren Stöcker und Stroffer kraft Ge- Gesetzes — jetzt etwa anders, als sie vor Jahrzehnten waren? Von der feindlichen, verbiffenen Stimmung, wie ne in den conservativen und ultramontanen Redeausbrüchen zutage trat, kennt man in Süddeutschland nur Spuren in den Spalten der äußersten ultramontanen Preßorgane, denen leider in allerneuester Zeit auch einzelne deutschconservative Blätter, die ja überhaupt erst der jüngsten Zeit ihr Dasein verdanken, wetteifernd zu Hülfe kommen. In Süddeutschland ist die Zahl jüd. Einwohner verhältnißmäßig ziemlich groß, und jeder wird so gut Juden wie Christen kennen, die ihm persönlich unsympathisch sind oder umgekehrt, aber Judenhaß und Judenhetze haben wir bisher als das traurige Privilegium eines kleinen Bruchtheils der Presse angesehen, dem sich auch unter andern Gesichtspunkten wenig Rühmliches nachsagen läßt. Unser süddeutsches Landvolk, unter dem ein Theil der jüdischen Bevölkerung wirthschaftlich eine große, N'cht immer segensreiche Rolle spielt, woran aber die Bauern zum Theil selber schuld ffnd, sieht vielleicht auf den jüdischen Nachbar mit einem gewiffen Bauernhochmulh herab, aber von jenem Haß, der in dem Reden und Thun der märkischen Junker und Pastoren aufleuchtet, weiß unser Bauer nichts. In den Städten und überhaupt in den gebildeten Kreisen natürlich noch weniger. Die Namen der süddeutschen Unterzeichner der Judenhetz- Petitionen würden am besten darthun, daß wir mit diesem Stimmungsbericht im Rechte sind und uns in diesem Punkte wenigstens das norddeutsche Beispiel nicht verlockend erscheint. Aber schließlich noch einmal: wir verstehen es nicht, wie verständige Männer den ganzen Gegenstand als eine ernsthafte politische Frage ansehen und behandeln können. München, 26. Nov. Von hiesigen Studenten erhält die „A. Allg. Zlg." folgende Zuschrift: Um darzulegen, mit welch verächtlichen Mitteln die Agitation gegen unsere jüdischen Mitbürger betrieben wird, wollen wir Ihnen einige Stellen aus einem Begleitschreiben zur Antisemiten Petition unterbreiten, das gegenwärtig in der deutschen Studentenschaft die Runde macht. Abgesehen von der Frage, ob die Studenten insgemein hier spruchreif sind, und für den Augenblick die Berechtigung der Hetze zugeben, immerhin dürfte man erwarten, daß der Kampf für „das germanische Ideal persönlicher Ehre, Mannestreue, echter Frömmigkeit" mit ehrlicher Waffe geführt werde. Dafür ein Beispiel: Nachdem das Schriftstück Berechtigung gesonderter Betheiligung der Studenten behauptet, fährt es fort: „„Vorhanden ist die ausgesprochene Gesinnung bei der Mehrheit der Studentenschaft, das ist kein Zweifel. Diese Gesinnung aber jetzt zur Bethätigung zu zwingen und die Stimmen einzusammeln, so daß keine verloren gehe, das ist die Arbeit, bei der wir Ihre Hülfe nachsuchen. Da gilt keine Rücksicht auf jüdische Bekanntschaft und dergl.; verschwinden ja doch die Einzelnen wieder vollkommen in der durch Discretion der Stimmensammler noch dazu ganz zu beschränkenden Oeffentlichkeit."" So das Begleitschreiben. Das also soll deutsche Ehrenhaftigkeit sein: geheim abstimmen und öffentlich seine Meinung nicht bekennen — vor aller Welt verborgen gegen die Juden schüren, nach außen ihre Bekanntschaft pflegen. Einige Zeilen später heißt es weiter: „„Sollte nun aber trotz allem der Erfolg nicht überall ein durchschlagender werden, so würde zur Noth sogar genügen, wenn wir selbst nur von einer Universität ein erfreuliches Resultat zu verzeichnen hätten; denn dieses könnte dann mit allem Recht als Maßstab der Gesinnung der gefammten Studenschaft dem Reichskanzler vorgelegt werden."" Wir wollen hier nicht, wie oben. die Berfaffer geradezu einer Unehrlichkeit zeihen, zum mindesten aber dürfte die große Naivetät, mit der sie trotz eines eventuellen Fiasko's einen vereinzelten Erfolg zum Maßstab der allgemeinen Stimmung machen wollen, erheiternd wirken. Ein deutscher Student wird mit solchm Leuten keine gemeinschaftliche Sache machen. (In Berlin, Bonn, Leipzig, Göttingen sind dennoch viele Studenten auf diese Leimruthe gegangen. Red.) Straßburg (Elsaß), 2. December. Gestern Morgen um 11 Uhr besuchte der Statthalter Freiherr v. Manteuffel in Begleitung des Obersten v. Strautz die hiesige Synagoge, an deren Eingang er von dem Hrn. Oberrabbiner und den Mitgliedern des israelitischen Konsistoriums empfangen wurde. Hr. Oberrabbiner Aron begrüßte den Marschall mit einigen Worten und fügte hinzu, er betrachte den Besuch des Statthalters als einen Beweis seiner Absicht, in unserem Lande die schöne Gleichheit wahren zu wollen, welche hier zu jeder Zeit zwischen den Anhängern der verschiedenen Bekenntnisse geherrscht habe. Der Marschall dankte dem Hrn. Oberrabbiner und erklärte, ihm sei das Gesetz heilig, es gehe ihm über Alles. Der Tempel war wie zu einem großen Feste eingerichtet. Der Statthalter nahm auf der Estrade Platz, wo die Mitglieder der Kommission und der Verwaltung der Gemeinde versammelt waren und wohnte hier dem Gottesdienste bei, welcher ihm zu Ehren abgehalten wurde. Um 11 Va Uhr begab sich der. Statthalter, welcher seine Equipage zurückgeschickt hatte, zu Fuß nach der israelitischen Gewerbeschule. Die Schüler waren in Uniform in zwei Gliedern im Hofe aufgestellt. Seine Excellenz wurde am Thore von der Verwaltungs-Kommission der Schule empfangen und vom Präsidenten dieser Kommission, Herrn Dr. Levy, mit folgender Anrede in französischer Sprache begrüßt: „Herr Statthalter. Im Namen der Verwaltungskommission der israelitischen Gewerbeschule von Straßburg habe ich die Ehre, Ew. Excellenz unsere Huldigung und den Zoll unserer Erkenntlichkeit darzubringen. Wir sind Ihnen von Herzen dankbar für die ausgezeichnete Gunst, die Sie uns zu gewähren geruhen, indem Sie einen freundlichen Blick auf diese bescheidene Institution werfen. „Der Beweis von Interesse, den der Vertreter S. M. des Kaisers heute einer mild n Anstalt gewährt, welche für die Verbreitung des Handwerks unter den bedürftigen Israeliten gestiftet wurde, ist um so kostbarer, da er als eine neue und offenbare Mißbilligung gewiffer Umtriebe betrachtet werden kann, unter denen unsere Glaubensgenossen leiden und welche von der Geschichte der Gegenwart verurtheilt werden, wie sie schon vom Gewissen aller ehrenhaften Leute verworfen worden sind. Wir wagen es, Ew. Excellenz die Hoffnung auszusprechen, daß Sie von Ihrem heutigen Besuche ein gutes Andenken mitnehmen werden." Der Statthalter hatte mit großer Aufmerksamkeit diesen Worten zugehört und sprach seinen Dank für die ihm zu Theil gewordene Aufnahme aus, indem er bemerkte, er sei der Einladung des Hrn. Oberrabbiners znm Besuche der Arbeitsschule mit Vergnügen gefolgt nnd setzte hinzu, man möge im Uebrigen seinem Besuche keinen politischen Charakter beimeffen. Der Marschall besichtigte hierauf die Knaben und die verschiedenen Theile der Schule und nahm schließlich Abschied von der Konimission. der sich der Hr. Oberrabbiner .beigesellt hatte, indem er jedem einzelnen Mitglieds die Hand drückte und einige wohlwollende Worte zu denselben sprach. Der Statthalter, aus welchen die musterhafte Haltung der Anstalt, sowie der Zöglinge einen vortrefflichen Eindruck gemacht hatte, kehrte gegen Mittag in seinen Palast zurück. Oesterreich. Brünn. Im hiesigen Tempel wurde das Andenken an den unvergeßlichen Kaiser Josef in wahrhaft erhebender Weise gefeiert. Um ein halb fünf Uhr Nachmittags fand in dem bis auf's letzte Plätzchen besuchten Tempel ein Festgottesdienst statt. Nach Beendigung der üblichen Gebete und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.