Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 50. (9.12.1880)
- Date
- 1880-12-09
- Page
- Seite 426 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 42« — beiführte, zum Schutze des vr. Läsion. Dieselben schlugen vor, die Vorlesung nach dem Baracken-Auditorium, welches mehr Platz bietet, 'zu verlegen. In der That strömte nun die wüthende und erregte Menge der Studenten dorthin. Prof. Läsion hatte über inzwischen eingesehen, daß von der Abhaltung eines Collegs heute nicht mehr die Rede sein könne und war deshalb auf Veranlasiung des Decans seiner Facultät fortgegangen. In dem Baracken-Auditorium setzte sich noch einige Zeit hindurch der wüste Skandal fort, bis der herbeigeeilte Decan, sowie der Castellan erklärten, die Studenten hätten das Auditorium zu verlassen und es werde sofort das Gas ausgedreht werden. Unter den Rufen: „Vivat Treitschke!" „Vivat Läsion!" „Pereat Treitschke!" „Pereat Läsion!" verlief sich die Schaar der etwa 600 Studenten. (Die Taufe schützt also auch nicht mehr; die Race bleibt! Red.) Cöln. Die „Köln. Zeit." schreibt: Bei der hervorragenden, aber nicht gerade ausgezeichneten Rolle, welche der Hofprediger Stöcker in der letzten Zeit, namentlich in der Judendebatte gespielt hat, ist oft von dem Rückhalt die Rede gewesen, den er höchsten Orts besitze. Davon ist so viel richtig, daß er vom Kaiser geschätzt wurde wegen seiner Tätigkeit in den Angelegenheiten der evangelischen Kirche und ihrer Verfasiung. Auch Stöckers Auftreten in den Volksversammlungen schadete ihm anfangs in der Meinung des Kaisers nicht, da diesem der Muth und die Ausdauer des Mannes in dem, was er nun einmal für seine Pflicht halte, anerkennenswerth schien. Jndesien hat Herr Stöcker bei seiner agitatorifchen Thätigkeit, namentlich in der Judenfrage, denn doch das Maß überschritten und kann sich der Gunst des Hofes nicht mehr rühmen. — Die Blätter bringen noch täglich Berichtigungen der letzten Stöckerschen Rede im Abgeordnetenhause. So ist es ihm begegnet, Cr6mieux zu beschuldigen, er habe das Edict unterzeichnet, durch welches die Deutschen aus Frankreich ausgetrieben wurden. Dieses Edict ist indessen am 12. August 1870 von der kaiserlichen Regierung erlassen worden, während die republicanische Regierung, deren Mitglied Crämieux war, erst ain 4. September eingesetzt wurde. (Aber selbst zugegeben, Cr. hätte das Edict wirklich unterzeichnet, was würde das beweisen? Doch nur, daß der Jude sein Vaterland, wo immer, über Alles liebt und die Feinde desselben auch für die seinigen hält.) Aus Stettin, 26. Rov., (Or. Corr.) wird uns ein kleiner Beitrag zur leidigen „Judenhetze" geliefert. Ort der Handlung war Berlin. Ein Verwandter schreibt mir von da wörtlich Folgendes: „Einer meiner Bekannten hat Geburtstag und zur Feier desselben eine Zahl junger Leute in einer Restauration in der Rathhausstraße vereinigt. Wir sitzen bis ca. 11 Uhr ungestört, als 10 junge Leute, anscheinend Studenten, in das Local traten und uns fortwährend mit nichtssagenden Sachen belästigen. Unter Anderen läßt ein junger Mann das Wort „Jude" fallen und erlaubt sich einige unpassende Ausdrücke, Einer von unserer Partei verbittet sich solches höflichst und die Gesellschaft verhält sich wieder ruhiger, bis Einer von unseren Gegnern singt: „Schmeißt ihn raus den Juden Jtzig." Das war uns doch ein bischen zu arg, es dauerte nicht 2 Stunden und die schönste Keilerei, die man sich denken kann, war im Gange. Wir verhauten die Leute fürchterlich' und der Kronleuchter fiel herunter, da Einer mit dem Stuhle dagegen gerannt war. Der Wirth sah sich hierauf veranlaßt, das Gas auszulöschen und nun wurde im Dunkeln weiter geschlagen. Da man jedoch dazu Licht gebraucht, nahm die Schlägerei auf der Straße ihren Fortgang und endete damit, daß Drei von unserer Seite verhaftet wurden. Auf der Wache angekommen, — wir gingen natürlich Alle als event. Zeugen mit — entpuppten sich die vermeintlichen Studenten als zwei Polizei-Lieutenants, ein Polizei- Ingenieur und die übrigen als Polizei-Eleven Jetzt sehen dieselben, da die Sache zur Anzeige gebracht ist, ihrer Bestrafung, bezw. einem Verweise entgegen. Was sagt man dazu, wenn die Polizei, welche doch solche Ausschreitungen verhindern sollte, sie selbst provocirt?" Danzig, 1. Decbr. Die „Danz. Ztg." schreibt: Aus Praust wird uns — unter genau r Angabe der Namen der Betheiligten, sowie der sonstigen Details — ein Vorfall mitgetheilt, der wieder recht deutlich zeigt, wohin die von den „Christlich-Sozialen" in Berlin angezettelte und jetzt von den einzelnen conservativen Organen eifrig genährte „Judenhetze" führt, wenn es ihr gelingen sollte, überall in diejenigen Kreise hinabzudringen, deren Handlungen lediglich die Leidenschaft des Augenblicks regiert. Unser Gewährsmann schreibt: Am hiesigen Orte wohnt ein Händler jüdischer Confeffion, der sich redlich dadurch ernährt, daß er mit seinem einspännigen Fuhrwerk in der Umgegend mit Schniltwaaren hausirt. Am 24. d. M. früh 3 Uhr traf er mit seinem Fuhrwerk in Borkau bei Carthaus vor dem Kruge ein, besorgte sich dort einen Eimer und holte in demselben für sein Pferd Wasser. Als er damit ankommt, tritt ein Fleischergeselle auf ihn zu, reißt ihm den gefüllten Eimer fort und mißhandelt ihn. Während des darüber entstandenen Wortwechsels tritt des Gesellen angeblicher Meister vor die Thür und fragt nach der Ursache des Wortwechsels. Geselle und Meister machen nun zunächst in Worten ihrem „Judenhaß" Luft, dann soll der Meister selbst gerathen haben, dem „Inden" „Eins zu geben, heute schade das nichts." Gleich darauf erhielt der Händler in der That einen Schlag an den Kopf, in Folge desien er besinnungslos niederstürzte. Als er nach längerer Zeit sich erholte, waren Meister und Gesellen verschwunden. Glücklicherweise soll der Vorgang mehrere Zeugen gehabt haben, so daß die erforderlichen Strafanträge bei der Staatsanwaltschaft in Danzig gestellt werden konnten. Hamburg, 29. Nov. (Or. Corr.) Während Die sogen. Semitenfrage überall Staub aufwirvelt und anderwärts zu aufregenden Debatten, ja Thätlichketten Veranlassung giebt, ist Hamburg Gsd. davon verschont geblieben, trotzdem oder vielmehr weil hier der Hauptagitator W. Marr seinen Wohnsitz hat und von hier aus seine Flugblätter aussendet. Dieser Schriftsteller gilt in seinem Orte soviel wie nichts, schon sein Name genügt, um von der Lectüre seiner Schriften ab. zuschrecken. Jeder weiß, daß er seiner Zeit im Dienste der amerikanischen Sklavenhändler bezüglich der Neger-Sklaven geschrieben hat. Vielleicht daß ich Ihnen später einmal Details aus dem Leben dieses Schriftstellers gebe, der sich gar nicht mehr daran zu erinnern scheint, daß er für seine Verläumdungen einst durch einen österreichischen Unteroffizier mit entsprechender Mannschaft gehörig ausgepeitscht worben ist., Wie man hier über die Judenfrage denkt, das können Sie nach dem Verfahren der Oberschulbehöcde beurtheilen, welche für das neue Gymnasium den Gymnasialdirector Dr. Müller aus Breslau zum Director creirt hat, der durch Anstellung von 4 Juden und durch die Anstrengung einer Disciplinaruntersuchung gegen Professor Fechner seine toleranten und humanen Gesinnungen bekundet hat. Aus Süddeutschland wird der „Köln. Ztg." geschrieben: Der Eindruck, den die neuliche Judendebatte im preußischen Abgeordnetenhaus bei uns gemacht hat, setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, aber vorwiegend ist das Erstaunen, daß eine parlamentarsche Versammlung in einem deutschen Lande diese Frage, abgesehen von ihrer rechtlichen Seite, mit einem solchen Eifer behandeln konnte. Dafür fehlt uns hierzulande geradezu das Verstänvniß. Schon die ernsthafte Berührung der Frage, ob man daran denken könne, das hohe und allen gleich wichtige Gut politischer Gleichberechtigung der Glaubensbekenntnisse zum Nachtheil einer bestimmten Glaubensgenoffenschaft wieder zu zerstören, klingt uns Süddeutschen wie ein altes Märchen, aber da einmal der h i r nverbrannte Versuch einer solchen Petition gemacht worden ist, mochte es am Platze sein, der preußischen Staatsregierung Gelegenheit zu geben, durch eine kurze und bündige Erklärung ' dem Spuk Einhalt zu thun. Aber daß nun die ganze gesell-