Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 50. (9.12.1880)
- Date
- 1880-12-09
- Page
- Seite 425 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 425 — antisemitische Bewegung geht von den spezifischen Feinden des Kanzlers aus, von den Mtramontanen und von der äußersten Rechten der deutschkonservativen Partei, jener Rechten, deren Haß gegen den Kanzler in den Aeraartikeln der „Kreuzzeitung" und in der „Reichsglocke" vielleicht erst einen schwachen Theil seines Giftes abgelagert hat. Den Bund, den diese beiden Parteien bei der diesmaligen Präsidentenwahl des Abgeordnetenhauses durch die Nachwirkung des Kölner Dombaufestes verhindert wurden zu besiegeln, haben sie unter dem Banner der Antisemitenbewegung, gedeckt durch das Ungeschick ihrer Gegner, aufs neue schließen können. Der fernhin treffende Blick des Kanzlers ist es nicht, der dieser Bewegung Ziel und Richtung vorzeichnet. Dafür aber auch, wie kläglich, wie widerlich ist das Schauspiel, daß sie darbietet! Da ist zuerst Herr Stöcker, der einen eignen Streitwagen führt und mit der Schaar, welche sich selbst Antisemitenliga nennt, wenn man seinen Worten glauben darf, nichts zu thun hat. So lange es eine gesellschaftliche Moral giebt, hat das Verfahren für v e r w e r f l i ch gegolten, gegen einen unbestimmt und doch konkret bezeichneten Theil der Mitlebenden den Zorn der Mehrzahl zu erregen und ohne Bezeichnung der Personen „allgemeine Anklagen" Hinzuschleudern. Man hat in diesem Verfahren stets die H i n t e r l i st und die F e i g h e i t erblickt, welche die schlimme That zu schüren und sich zugleich vor der Verantwortlichkeit zu schützen sucht, welche sich gleich schwer versündigt an den Verführten wie an den Opfern. Wie soll man das Verfahren des Herrn Stöcker bezeichnen? Er hat es auf der Rednerbühne des Abgeordnetenhauses gesch ldert und vertheidigt. Ihm ist die Juderfrage weder eine religiöse noch eine Racenfrage, sondern eine sozial-ethische. Wenn dieser Ausdruck in dem Sinne gebraucht worden ist, den er allein haben kann, so heißt das: Herr Stöcker will Niemand weder unr der jüdischen Religion noch um der jüdischen Abstammung willen bekämpft oder beschränkt sehen, er will nur gewiffe Auswüchse auf dem Boden des sozialen Lebens bekämpfen und zwar nur durch die Mittel des moralischen Einflusses, der öffentlichen Mißbilligung, der Wachsamkeit gegen sich und Andere. Dieser Weg liegt ja einem Prediger nahe, ihn zu betreten ist das Vorrecht der Kanzel. Aber erwirb gefährlich, wenn er von der Kanzel in die Volksversammlung führt, wenn er die gemeffene Sprache der ersteren mit der drastischen Rücksichtslosigkeit der letzteren vertauscht, wenn er, anstatt die Gesammtheit der Hörer an den unsichtbaren Richter zu verweisen, den Eigennutz und die Leidenschaft einer wilden Masse in die Rolle des äußern und inner» Richters zugleich einsetzt. Was hat Herr Stöcker in seinen Volksversammlungen gethan? Er hat eine zusammengewürfelte, unzurechnungsfähige Maffe ohne Prozeß zur moralischen Verurtheilung aufgerufen und den Haß dieser Masse um so gefährlicher entflammt, als er ihr nirgends den praktischen Weg zur Besserung der beklagten Zustände gewiesen hat. Herr Stöcker hat sich nicht einmal zu den Forderungen der Antisemitenpetition zu bekennen gewagt; nur den vierten ganz werthlosen Punkt, so sagte er, habe er befürwortet, die übrigen widerrathen. Und doch hat er die Petition unterzeichnet nachdem er zuerst den Versuch gemacht, die Unterschrift abzuleugnen. Und dieser Mann, so unsicher in seiner Einsicht, will als Reformator auftreten, läßt sich einen zweiten Luther nennen, ohne vor dem Gefühle der Verantwortung in die Erde zu sinken!" Die Verurtheilung der demagogischen Hetzweise des Hofpredigers Stöcker durch einen Vertrauensmann des Reichskanzlers hat zwar lange genug auf sich warten laffen und ist auch heute noch mit Anschauungen verquickt, die wir keineswegs zu den unsrigen machen möchten, aber sie zeigt doch deutlich, daß das Auftreten dieses Hofpredigers von Männern nicht gebilligt wird, an deren Vertrautheit mit den Ideen des leitenden Staatsmannes kein Zweifel obwaltet. Berichte und Corrcspoiidenzen. Deutschland. Berlin, 2. December. Gestern Abend hat in dem Local des „Brüder-Vereins" eine von dem Professor Dr. Lazarus einberufene Versammlung sämmtlicher Reichstags- und Landtags-Abgeordneten israelitischer Confession, bedeutender Schriftsteller und Gelehrten, sowie eine Reihe von angesehenen Bürgern desselben Glaubens stattgefunden, um über Schritte zur Abwehr gegen die von den Herren Stöcker, Treitschke, Förster rc. inscenirte Bewegung zu berathen. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht. Professor Lazarus führte den Vorsitz und leitete die Verhandlungen. Da vielfach der Wunsch ansgevrückt wurde, die Details der Berathung nicht in der Presse publicirt zu sehen, so abstrahiren wir von jeder ausführlicheren Berichterstattung. Allseitig wurde hervorgehoben, daß der Kampf, den man führen wolle, nur ein Kampf der Abwehr* **)sein solle, dessen Endziel lediglich der confeffionelle Friede, der durch die antisemitische Bewegung untergraben werde, sei. Es wurden verschiedene Vorschläge über eine Action gegen die Bewegung, die noch weiter um sich zu greifen drohe, gemacht, darunter auch der, ein eignes Organ, direct und ausdrücklich zur Abwehr der Antisemitenbewegung und als officielles Organ dieser Gegen-Action bestimmt, ins Leben zu rufen *) Ob der Vorschlag die Bewilligung der Versammelten fand, war nicht zu erkennen, da man beschloß, einem zu erwählenden Comit6 völlig freie Hand zu lassen. Auch der Vorschlag einige fortschrittliche Abgeordnete nichtjüdischen Glaubens in dieses Comitä zu wählen, wurde abgelehnt und ein Comit6, aus den Persönlichkeiten bestehend, welche das Burean dieser Versammlung bildeten, ernannt. Den Vorsitz in diesem Comite führt Professor Lazarus und als stellvertretender Vorsitzender fungirt Herr Geh. Sanitätsrath Kristeller. Berlin, 2. December. Mittwoch Abend haben in einer Vorlesung des Professor Dr. Lasson in einem Hörsaal der hiesigen Universität sehr bedauerliche Ausschreitungen stattgefunden. Dr. Lasson ist bei einer Vorlesung in voriger Woche, wie wir in vor. Nr. ausführlich berichtet haben, in entschiedenem Sinne gegen die Judenhetze vorgegangen und hat in der confessionellen Streitigkeit scharf Stellung genommen. Dabei ist bemerkenswerth, daß Dr Lasson selbst getaufter Jude ist,*) daß er in einer höheren Lehranstalt christlichen Religionsunterricht ertheilt, der conservativen Partei angehört und für die innere Mission eine rege Thätigkeit entfaltet hat. Der Tumult des gestrigen Abends war nun angenscheinlich von langer Hand vorbereitet, und von antisemitischer Seite sorgfältig inscenirt. Das Auditorium Nr. 6 war bis zum Erdrücken gefüllt, die Studenten standen bis zum Flur hinaus, und als Dr. Lasson eintrat, erhob sich ein Toben und Lärmen, das sich in dem Augenblick, wo er seine Vorlesung beginnen wollte, zu einem wüsten Chaos steigerte. Rufe der gemeinsten Art wnrden dem Professor, der auf dem Katheder stand, entgegengeschleudert; „Sie sind ja selbst ein Judenjunge!" riefen die Studenten dem Professor zu. „Seien Sie ruhig!" „Juden raus!" und dergleichen mehr brüllten die rohen Gesellen dem Professor entgegen. Andererseits wieder suchten die Anhänger des Professor Lasson dieses Lärmen zu übertönen und es kam zu Scenen der allerniedrigsten Art, während der Professor bleich und kaum eines Wortes mächtig auf dem Katheder stand, natürlich außer Stande, seinen Vortrag inmitten dieses Tobens zu beginnen. Zischen, Pfeifen, Stampfen und Brüllen, Scharren mit den Füßen, Lachen und gegenseitige Beleidigungen der Studenten untereinander klangen zu einem Höllenlärm zusammen, der schließlich den Castellan und den Portier her- *) Was es mit diesem neu zu begründenden „offiziellen Organsoll, ist nicht recht klar. Für wen soll es? Für jüd. oder christl. Leser? Für erstere giebt es ja genug jüd. Blätter, die wohl alle dergleichen „officielle Artikel" gern aufnehmen würden. Und christliche Leser? Wo will man sie hernehmen? Sollen sie etwa auf ein „Judenblatt" abonniren? **) Sein resp. seiner Eltern Namen war vordem Lazarussohn.