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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-09 · N° 50. (9.12.1880) · p. Seite 424

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 50. (9.12.1880)
Date
1880-12-09
Page
Seite 424 (sequence 2)
Language
German
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— 434 — 1 I ZUM Worte gekommen. Einer der liberalen Redner, Herr Seiffarth (Liegnitz) soll wohl Geistlicher sein, doch sprach sich dies in seinen Worten (der stenographische Bericht liegt uns noch nicht vor) nicht aus, und Herrn Stöcker erkennen wir nicht als Vertreter der großen Tochter des Judenthums, der Geistesrichtung, welche ja vor Allem die Idee der jüdischen Propheten vom Gottesreiche und der Vereinigung der Men« sche» auf ihre Fahne geschrieben. In diese Lücke tritt, ebenbürtig den bedeutendsten Rednern des Abgeordnetenhauses, der als Verkünder des Friedens und Lehrer der wahren Hu» manität schon bekannte Herr Pastor G r u b e r mit seiner Schrift: „Der neue Sturm der Judenfrage."*) Dem Racenhasse gegenüber weist der Herr Verf. darauf hin, daß eigentlich das religiöse Motiv maßgebend gewesen, man konnte in dem erstrebten christlichen Staate keine Juden brauchen. Als das Unchristliche dieser Begründung dargethan war, nährte man die erlöschende Flamme des Hasies mit dem Racenunterschiede. Dieser aber ist nichts Anderes als: Menschenverachtung. Treffend ist der Hinweis, wie die Christen Miffionäre aussenden können zu den Indianern und Schwarzen, welche doch mindestens ebenso ihrer Race nach von den Deutschen verschieden sind, als die Juden, wenn sie als Menschen den Menschen verachten. Nicht allein Luther's Wort: „so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi", sondern vor Allem der Ausspruch des Apostel Paulus: „Gott hat gemacht, daß von einem Blut aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen" verurtheilen den Racenh a ß als u n ch r i st l i ch. Wie aber zeigt sich das rein Menschliche im Juden? „Dort ist noch ungebrochen die Pietät der Kinder gegen die Eltern; dort arbeitet, schafft, erwirbt der Mann für das größere Wohl seiner Nachkommen; dort thut däs Weib nicht Mägdedienst; dort fehlt es auch nicht an wohltätigen Sinn selbst gegen den Fremdling." Im Namen der Hu manität wird gefordert, daß der Semitenhaß endlich sein Grab finde — daß nicht schlechten Leidenschaften und unreinen Motivm der Mantel des christlichen Glaubenseifers geliehen werde. Da aber für das Thun jedes einzelnen Juden alle verantwortlich gemacht werden, sollen auch die Juden durch ächt menschliches Verhalten die gegen sie erhobenen Anklagen zu Schanden machen. Die Wohlhabenden sollen nicht die Pascha's der arbeitenden Christen spielen, sie befleißigen sich „der Mäßigung und Bescheidenheit, der Besonnenheit und Klugheit des Urtheils." Nun die nationale Instanz. Die Einwanderung von Osten ist eine Fabel. Wird der Slovacke, der hausirend das Land durchzieht, wird der polnische Bauer, der daheim sein Hab und Gut vergeudet hat, etwa ein befferer Deutscher werden, nur weil er Christ ist? Zudem „ein Mischvolk ist es, welches jetzt in den Grenzen des alten Deutschlands wohnt". „Das, was uns eint, ist der G e i st, der aus unserer gemeinsam erlebten Geschichte spricht." Den Juden ist Palästina ebenso wie den Christen das heilige Land geblieben, aber ihr Vaterland haben sie in deutschem Boden gefunden. Hier laffe man sie iyren Beruf wählen nach Neigung, Begabung und Talent. So will der Verf. den Juden auch nicht das Recht verkümmert wiffen, Beamte zu werden, *) Noch ein Friedenswort von B. Gruber, Pastor in Reichenbach t» Schlesien, Verfasser von „Christ nnd Israelit." Reichenbach i, Schl. Verlag von Heege * Güntzel. 1880. 23 S. gr. 8. nur bei Vertretung christlicher Interessen, wo die Bildung ' und Erziehung des christlichen Volkes ins Spiel kommt, sei I ' ihnen der Zutritt verwehrt. Wir stehen nicht an. dieser For- | derung zuzustimmen, wenn die Grenzen genau bestimmt werden. 8 Sicherlich meint Herr Gruber nicht, daß die Juden von allen f Lehrämtern an höheren Schulen und Universitäten auSzu« ß schließen seien. Volks- und Bürgerschulen mit streng confefflonellem Charakter, aber eben deshalb, wo es irgend zu ermöglichen ist, ebensolche jüd ische Schulen mit gleicher Be-; j rechtigung und gleicher Förderung von Staat und Stadt! j Am Wucher sind Christen wie Juden gleich hetheiligt und der jüdische Wohlstand hat seine Quelle in Fleiß, Spar- } samkeit, Energie und Mäßigkeit. Gegen den drohenden Pau- $ perismus giebts nur ein Mittel: „Sorgt, daß dem Volke die j Religion wiedergegeden werde." Auch hier wieder bleiben als Hauptvorwurf: „die Federsünden jüdischer Scribenten" Herr Gr. ist gerecht — aber es scheint ihm noch nicht klar geworden zu sein, daß die Meisten dieser Scribenten nur mit ihrer f Wiege im Judenthum stehen, daß sie jeden Cultus und j e d e j? Religion begeifern, die christliche wie die jüdische, und diese { letztere zumeist, weil sie von ihr am wenigsten wiffen. f : Hätte das Christenthum viele solcher Geistlichen, wie den ß j ehrwürdigen Verfasser, der Friede und die Eintracht wären z! bald wieder hergestellt. Aber leider weiß sich Herr Gr. verß j einzelt. Er weiß, daß Schmähungen, Verdächtigungen und 8 j Anfeindungen nicht ausbleiben und muß sich dagegen stärken n im Bewußtsein, einer gerechten Sache zu dienen.*) „Immonu 1 j El“ Mit uns ist Gott, mit uns Wahrheit und Recht. Es wird diese Z s Anfeindung uns zum Segen werden, da sie säubert und sondert jj mit scharfem Hauche die Spreu von dem Weizen — da sie ein ki Ende bereiten wird dem verkehrten Meinen, daß das Juden- - thum und die Juden verantwortlich sind für das Thun eines jj Jeden, dessen Wiege einst in einem jüdischen Hause gestanden. r_j Coblenz. Dr. Sero in. 1 - i»; Fürst Bismarck und die Judenfrage. f j Der Korrespondent der Leipziger „Grenzboten" dem man V nicht ohne Fug intime Verbindungen mit Friedrichsruh nach- » j j rühmt, unterzieht in bemerkenswerther Weise die Antisemitenj j Petition im Abgeordnetenhaus einer eingehenden Besprechung | und macht da ganz eigenthümliche Enthüllungen. Es heißt § da u. A. wie folgt: 1 „Der antisemitischen Bewegung steht der Reichskanzler E ganz fern, obwohl niedrige Verleumdung die freche Behaupja tung wagt, er habe sie heimlich angefacht. Wenn es einen I Namen giebt, von dem schon jetzt sicher ist, daß die Nachwelt g ihn dem Fürsten Bismark zusprechen wird, so ist es der des freiesten (?) Mannes seines Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, | das in dem Wahne lebt, alle Vorurtheile besiegt zu haben, H um thätiger als irgend ein anderes an neuen Vorurtheilen i] zu schmieden. Den Fürsten Bismarck wird sein freier Blick p auch in der Judenfrage nicht zum Anhänger der fortschrit-r H lichenjDogmen machen, wohl aber die Roh heit in der Beur- 3 J theilung des Juden als Menschen, von welcher die antisemis £ tische Bewegung sichnicht frei hält, schwer verdammen lassen. Außerdem muß diese Bewegung ihm gerade jetzt doppelt un- ‘ gelegen kommen. Er ist mit dringenderen socialen Fragen beschäftigt, als daß er jetzt diese sociale Frage lösen könnte, die nicht dringend, aber sehr schwer ist, und deren richtige ' Lösung von Voraussetzungen abhängt, die im Augenblicke auf keine Weise zu erfüllen sind. Und was weit mehr ist: diese *) Siehe unter „Breilau".

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