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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-02 · N° 49. (2.12.1880) · p. Seite 421

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 49. (2.12.1880)
Date
1880-12-02
Page
Seite 421 (sequence 11)
Language
German
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— 421 cheren Glaubensgenoffen in England die Mittel zu erhalten, nach Palästina auszuwandern und sich dort in oem Lande ihrer Väter eine neue Heimath zu gründen. Ueber die Hälfte der dazu nöthigen Geldmittel verfügen sie selbst, die andere Hälfte wünschen sie als Vorschuß zu erhalten. Minsk. Der erste Bericht der hiesigen Ackerbauschule constatirt, daß nach 8monatlichem Besteben der Anstalt 34 Zöglinge zu Schloffern und Zimmerleuten ausgebildet werden. Die Schularbeiten haben 265 Rubel 25 Kop. eingebracht. Im nächsten Juli soll ein großes Haus der Schule übergeben werden, die dann 140 Zöglinge wird aufnehmen können. Jerusalem. Der deutsche Consul Baron v. Münchhausen nebst seiner Gattin sind bei ihrer Heimkehr von einer Reise nach Europa von allen deutschen Schutzbefohle« nen, Juden wie Christen, in ehrenvollster Weise eingeholt worden. Feuilleton. Mendel Sehapiro. Novelle von Elsa Lewin. *) II. Unter all den Stuben und Stübchen, in denen an diesem Freitagabend die Lichter angezündet wurden, war vielleicht kaum eines dürftiger als dasjenige, in dem die junge Frau des Mendel Schapiro auf ihren Mann wartete, der nun bald aus der Schu? kommen sollte. Die Zimmereinrichtung schien ganz und gar derselben Art anzugehören, die sich da draußen auf der Gaffe so zudringlich breit gemacht. Der kleine Raum diente als Küche und Wohnzimmer zugleich, in der liefern Ecke, wo der niedrige eiserne Ofen stand, wurden die wahrscheinlich nicht sehr üppigen Mahlzeiten der Familie bereitet; es hatte diese Einrichtung wenigstens den Vortheil, daß die Suppe nicht Zeit fand, sich auf dem Wege bis zum Speise - tisch allzustark abzukühlen. Trotz seiner Enge aber bot das Stübchen einen anheimelnden Anblick dar, denn es waren zwei hübsche Dinge darin, die auch das ärmste Gemach aufzuhellen vermögen. Das eine war der sauber zum Abendbrot gedeckte Tisch, mit einer Hellen Lampe, deren rother Schirm einen warmen Schimmer verbreitet, welcher die beiden Lichter, von denen schon ein gutes Stück herabgebrannt war, vergebens zu überstrahlen versuchten. Das zweite war die junge Frau selbst, die geduldig, Sanftmuth auf dem anmuthigen bräunlichen Gcsicht, auf einem Schemel vor dem Feuer saß und träumerisch mit schweren Lidern zuschaute, wie der Helle Schein auf ihren kleinen Händen spielte und auf den schweren dunklen Flechten, die sie prüfend hindurchgleiten ließ. Da ward ein Schritt auf der Treppe hörbar und ihr ganzes Wesen belebte sich. „Er kommt!" flüsterte sie und es war wie bräutliches Errölhen, was sich über ihre vollen Wangen ergoß. Und als er dann eintrat und sein liebes Vögelchen küßte, da war zu der geduldigen Sanftmuth auf ihren kindlichen Zügen eine solche Glückseligkeit verbreitet, daß der Mann wie in Verwunderung auf sie niedersah. „Mein gutes, kleines Vöglein!" sagte er und kaßte sie abermals wieder. Sie blickte ihn strahlend an: „Ich Hab' eine Neuigkeit, Mendel, rath einmal." „Eine gute, wie mir Dein Gesicht sagt, aber wo ist denn der Kleine?" Vögele lächelte triumphirend: „Grade von dem Kleinen, so rathe doch!" Er stutzte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf: „Was ist mit ihm, Vögele?" „Er hat heute sein erstes Wort gesagt," rief die ent- *) Nachdruck verboten. zückte kleine Mama, „und nicht e i n mal, nein, mehreremal, ganz deutlich hinter einander." „Ei, Vögele, was Du sagst," lachte er. „was für ein Wort denn?" „Rathe," sagte sie wieder und schaute ihn mit zurückgeworfenem Kopfe und erhobenem Zeigefinger herausfordernd an, „Was für ein Wort? nun „Mama" natürlich," sagte Mendel abermals lachend. „Rein!" rief sie und schlang ihren Arm um seinen Racken, und es war ein Wunder, wie sie hinanreichen konnte, aber sie bewerkstelligte es doch; „er hat „Papa" gesagt, dreimal, und der Himmel mag wiffen, wo er es gelernt hat!" Sie lachte über ihre eigene Schelmerei, bis ihr die Thränen in die Augen kamen. „Und wo wir jetzt sind? Natürlich in unserm Bettchen, schon seit zwei Stunden, mit Hellen Schweißtropfen auf unsrer kleinen Nase und mit geballten Fäustchen, aber morgen sind wir schon sehr früh zu sprechen und ganz bereit, zu wiederholen. O Mendel," rief sie plötzlich, die Hände des geliebten Mannes ergreifend, um ihr Gesichtchen dazwischen zu drängen, „Du sollst sehen, er wird klug werden, unser kleiner Joseph, sehr, sehr klug! ein frommer und gelehrter Mann, wie Du!" „Wie ich. Vögele?" sagte er verwundert, „was sprichst Du nur? Ich bin doch nicht gelehrt! Das Wenige, was ich weiß, Hab ich mir mühsam genug aufgelesen; mein Vater war arm und wollte arm sein, er hat für unfern Unterricht nichts gethan, sonst wäre ich vielleicht geworden, für was Du mich hältst!" Sie strich ihm über die Stirn, wie um mit ihrer weichen Hand die Schatten davon zu verscheuchen. Dann blickte sie ihn unruhig an: „Nicht wahr, Mendel, man hat es immer sehr schwer, gelehrt zu werden, wenn man arm ist?" Er nickte gedankenvoll: „Du kannst Dir nicht vorstellen, was für ein Gefühl es ist, mit seinem Durst nach Belehrung, nach Wiffen, so ganz nur auf sich selbst angewiesen zu sein. Bin ich doch in einem Alter, da für Andere schon die Universitätsjahre beginnen, zu Fuß durch Polen, Oesterreich, Deutschland gewandert! Weißt Du, wo ich die deutsche Grammatik gelernt habe? Auf den ungarischen Steppen. Es ist mir bitter sauer geworden, und Du würdest lachen, könntest Du jetzt hören, wie oft ich das: der, deffen, dem, den hersagen mußte, ehe es festsaß. Und dann Abends nach der Wanderung oftmals eine Lagerstätte auf der Haide, ^oder wenn man Glück hat, eine qualmige Schenke. Die Zigeuner spielen zum Tanz und der armselige Judenjunge hat es schwer, zwischen den dampfenden Bauern hindurch und in eine stille Ecke zu gelangen, wo er, wenn sie ihm zu dem dampfenden Thee ein Talglicht vergönnen, aufs Neue: der, deffen, dem, den, zu lernen beginnt, bis ihm die Augen zufallen und er auf der Holzbank in der Wirthsstube ein mindestens trocknes Nachtlager findet." Vögele hatte sich an ihn geschmiegt, ihre zärtlichen Augen standen voll Thränen. „Du Aermster!" flüsterte sie. „Aber das weißt Du ja alles längst, Vögele!" „Ich habe es niemals so gehört, wie heut, lieber Mendel," sagte sie ängstlich, „heute betrübt es mich nicht nur deinetsondern auch des Kleinen wegen, denn wir sind auch arm, nicht wahr?" Er seufzte leise: „Die Unsicherheit ist das Schlimmste!' fügte aber gleich darauf in tröstendem Tone hinzu: „Für den Augenblick leiden wir nicht Mangel, liebes Vögele, aber freilich — Dein armes Kleidchen —" Sie hielt ihm den Mund zu: „Ich denke nur an das Kind, Mendel. Aber Du hast Recht, wozu sich absorgen, wer weiß, was uns die nächste Zukunft bringt!" Ein Klopfen an der Thür unterbrach sie, Vögele rief „herein", und überrascht, an Stelle der vermutheten alten Aufwärterin einen fremden Herrn eintreten zu sehen, erhob sich Mendel, um den späten Besucher zu empfangen. Der Gast war allerdings ein fremder, aber bei seinem Anblick durchzuckte Mendel der Gedanke, daß sich ihm diesem

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