Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 49. (2.12.1880)
- Date
- 1880-12-02
- Page
- Seite 422 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 422 — goldene Lorgnette, die durchaus nicht festsitzen wollte, diese hellgelben Handschuhe, die so unruhig hin und her fuhren, nicht heut zum erstenmale bemeikbar machten. Er hatte den stutzerhaften jungen Mann zuweilen in der Synagoge gesehen, wo er ihm durch die unerklärlichezBeachtung ausgefallen war, mit der er seine Person beehrte; ja, es halte ihm sogar geschienen, als ob er ihn beim Hinausgehen anreden wolle, bis eine kleine Menschenwelle sie auseinander gedrängt und seine Bemühung vereitelt hatte. Mendels Frage: „Womit kann ich dienen, mein Herr?" klang daher zwar höflich, aber nicht wenig verwundert. Sie ward indessen für's erste nicht einmal beantwortet, denn der Gast nahm mit Umständlichkeit Platz, räusperte sich mit wichtiger Miene, fragte, ob er die Ehre habe, Frau Schapiro zu begrüßen und beschenkte die erröthende Vögele mit einigen anmulhigen Worten und bewundernden Blicken. Als er aus diese Weise seine Gedanken gesammelt und seine Lebensgeister erfrischt hatte, begann er die immer erstaunter dreinschauenden Gatten allmählich von dem Zweck seines Erscheinens in Kennniß zu setzen. (Fortsetzung folgt.) Der Segen des Rabbi. Eine Tradition. Im Januar 1711 wurde die ganze Judengasse in Frankfurt a. M. durch eine Feuersbrunst in Asche gelegt;, die Chronisten sagen hierüber, daß auch nicht Elle lang Holz übrig geblieben sei, doch ist dies nicht so ganz wörtlich zu nehmen, denn an den noch heute stehenden Häusern zeigen uns einige Thüren den Spitzbogenstil von 1460, der Zeit der ersten Erbauung der Judengasse. Als den Urheber jenes großen Brandunglücks bezeichnete die Volksstimme den damaligen Rabbiner der israelitischen Gemeinde Naphthali Cohen; nicht als ob er das Feuer angelegt habe, aber darum, weil er als Kabalist das Feuer zu löschen versuchte und zu dem Zweck die Wassergeister beschwören wollte, in der Bestürzung aber die Feuergeister berufen bade, in Folge dessen dann auch dem Brande kein Einhalt mehr zu thun gewesen sei. Auf Grund dieses Gerüchtes wurde denn der Rabbi allseitig angefeindet, ebensowohl von der christlichen Bürgerschaft, als noch viel mehr von seinen eigenen Glaubensgenossen, über welche, wie sie wähnten, nur durch ihn dieses schwere Unglück hereingebrochen sei. Der Unwille gegen ihn nahm eine so drohende Gestalt an, daß er um sein Leben fürchtete, und sich in das Haus eines christlichen Bürgers, eines ehrsamen Schneidermeisters, F. mit Namen, schutzsuchend flüchtete. F. nahm den Schwerbedrängten gastfreundllch auf, verbarg ihn eine Zeitlang, bis es ihm möglich geworden, ihm zur weitern Flucht zu verhelfen; es ist geschichtlich daß Rabbiner Cohen später in Constantinopel gestorben ist. Vor seinem Scheiden von seinem Schützer gab Cohen das einzige, was der arme Verfolgte seinem Wohlthäter geben konnte — seinen Segen! Dieser Segen zerfiel in zwei Theile. Cohen segnete F. im ersten Theile, daß er zu Gott flehte, er möge seine Familie und seine Nachkommen bis in die fernsten Zeiten stets in Wohlstand bestehen lassen, sie mögen niemals außergewöhnliches Unglück zu beklagen haben, alle ein friedliches Leben führen und ein hohes Alter erreichen, geachtet, geehrt und geliebt sein von allen Menschen! Der zweite Theil des Segens war einfacherer Art, und dürfte uns heute wohl ein Lächeln abgewinnen; er enthielt den Wunsch, daß das F/s Haus und die Wohnungen seiner Nachkommen stets von Natten und Mäusen frei bleiben mögen! Diese Thiere sollen zu jener Zeit durch ihre große Zahl eine wahre Plage für Frauksurl's B.'wohner gewesen sein > Ob der zweite Theil des Segens in Erfüllung gegangen, ist dem Einsender dieses unbekannt; der erste Theil aber hat sich vollständig bewährt; noch leben viele Nachkommen des menschenfreundlichen F. unter uns, geachtet und geehrt durch ihr fromnres, christliches, gottesfürchtiges Leben, durch ihren Wohllhätigkeitssinn, alle würdig ihres edlen Vorfahren, der einen armen verfolgten Juden, Obdach und Schutz nicht versagte. U. Inserate. 1213] Aus der Tiefe des Herzens rufe ich! Umgeben von einer unbeschreiblichen Armuth und fortschreitenden Verarmung; besorgt für ein Krankenhaus, welches, soweit seine Räume und Mittel reichen, einem jeden armen russischen Kranken unentgeltlich Heilung spendet; Vorsteher einer Armenschule, die gegenwärtig 78 russischen Kindern Unterricht gewährt, bitte ich, wenn auch um eine noch so geringe Beihülfe. Besonders für meine armen Schulkinder birte ich, von welchen ein großer, wenn nicht der größte Theil zu Hause weder zureichende Nahrung, noch Kleidung, noch Feuerung findet und die nun bei dem furchtbarsten Wetter, von welchem man sich im südlicheren Binnenlande gar keinen Begriff machen kann, zur Schule kommen mit vor Kälte erstarrten Gltedern, vor Hunger verhärmten Gesichtern, mit Lumpen bedeckt, mit vertretenen und zerrissenen Schuhen, die noch schlimmer sind als gar keine an den Füßen — ein Anblick, der uns das Elend der Menschen in herzerschütternder Weise vergegenwärtigt. Diese Schilderung ist wahrlich nicht übertrieben; meine Lehrer und Lehrerinnen sollen es mir bezeugen. Können wir diesem Elende auch nicht ganz uno gar abhelfen, so können wir es doch lindern durch eine einmalige Bekleidung für den Winter, durch kleine Gelduntcrstützungen für Bücher und Schulutensilien. Wollt Ihr ein Uebriges thun, so gebt lieber eine Kleinigkeit mehr, daß auch noch etwas für die Armen und Kranken übrig bleibt. Im verflossenen Jahre erhielt ich so reiche Gaben von meinen hiesigen und auswärtigen jüdischen und christlichen Mitbrüdern, daß ich 1000 Mark zu den nöthigen Arzneien für das Krankenhaus deponiren konnte. Leiber sind diese schon fast ganz aufgebraucht. Alljährlich wird in unserer Schule das Chanuka-i,Weihe)-Fest mit einer Beschenkung der armen Kinder gefeiert. Es ist der einzige Glückstag des Jahres für diese hilflosen Wesen. Laßt mir zu diesem Tage Eure Unterstützung an Geld und Kleidungsstücken zukommen. Helft uns diese Menschenseelen erhalten und heranbilden. Der Talmud sagt: „Wer auch nur eine Menschenseele hat erhalten helfen, der hat gleichsam eine ganze Welt erhalten helfen." , . 5641. Memel, im Kislev (November) Dr. Riilf, Rabbiner. *) *) Mein Freund und Mithelfer, Herr Bezirks- Nabbiner Dr. A. Salvendi in Dürkheim an der Haardt, nimmt gleichfalls Gaben zu diesem Zwecke entgegen und veröffentlicht dieselben in seinen Spenderverzeichniss en. M JL f| in m er. mm Königl. pr. Preuss., Grossherzogl. Badisches, Herzogi. Anhalt., Herzogi. Sächsisches, Fürsti. Hohenzollern- Bches u. Fürsti. Rumänisches Hof-Pianoforte and KnßSt-fastitHt. Magdeburg, Berlinerstrasse 25 n. 26. Grösstes Pianino-, Harmonium« n. Fitigel -Verkaufs -Etablissement der Provin* Sachsen. Prospecle etc. gratis. 11 llof-IHplome und andere ehrende Auszeichnung-en. Allei li- Verkauf der weltberühmten Estey-Orgeln. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Verlag von Robert F riese in Leipzig.