Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-02 · N° 49. (2.12.1880) · p. Seite 417

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 49. (2.12.1880)
Date
1880-12-02
Page
Seite 417 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584281--4365-9584288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

entflohen sind, gerade aus dieser Stelle die Berechtigung zur Unduldsamkeit oder doch einer gewissen Mißachtung Andersgläubiger hergeholt wird? Schreiber dieses ist der Meinung, daß die Abhilfe hier nicht weit zu suchen ist. Verleger wie die für den Verlag der Pessach-Hagada arbeitende jüd. Gelehrte haben sich einfach dahin zu verständigen, daß diese Stelle, worin die wissenschaftliche Kritik nichts weiter als ein spätes, den schönen Zusammenhang des 2 Theiles der Hagada nur zerreißende- Einschiebsel zu erblicken vermag, nicht weiter in unserer P.-Hagada zum Abdruck gelangen soll. Diese gewinnt nur in Bezug auf künstlerische Abrundung durch die vorgeschlagene Weglaffung, und das Judenthum wird für immer von einem Schmerzenskinds, das so oft schon zu seiner Verkennung beigetragen, befreit sein. 1. Belgien. Brüssel. Die Debatte über die Judenfrage im preußischen Landtage wird hier lebhaft besprochen. Was mehr Aufsehen sogar als die Debatte selbst erregt, ist der Umstand, daß die Nothwendigkeit einer solchen überhaupt vorhanden war. In Frankreich sind seit der ersten Revolution, in Belgien seitdem eS besteht, die Juden nicht nnr gesetzlich, sondern thatsächlich den anderen Staatsbürgern vollkommen gleichgestellt und es ist nichts Seltenes, sie zu den höchsten Stellungen im Staat, die Armee einbegriffen, gelangen zu sehen. Ein junger jüdischer Arlillerie-Hauptmai' n und Batterie- Chef, den ich vor e>nigen Jahren aus Neugierde fragte, ob er während seiner militärischen Carriöre jemals wegen seiner Religion Schwierigkeiten gehabt hat, erwiederte mit einem kategorischen „Nein". Dasielbe wiederfuhr mir mit einem der höchstgestelllen Staatsbeamten in Belgien. Und an diesem Zustand hat auch das allerklerikalste Ministerium nie etwas zu ändern gesucht. Er ist so in die Sitten übergegangen, daß der Versuch einer Agitation dagegen sofort an dem allgemeinen Gelächter scheitern würde. In England und in dem jüngsten der europäischen Kulturstaaten, in Italien, ist das ebenso. Wenn nach der politischen Gleichberechtigung von gesellschaftlicher und geschäftlicher Gleichberechtigung die Rede ist, so erscheinen die beiden letzteren Ausdrücke den Leuten im Auslande einfach abgeschmackt. Im freiheitlich angelegten Staat sucht sich eben Jeder seine gesellschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen nach Geschmack und Belieben, und derjenige. Jude oder ein Anderer, der sich über Ausschließlichkeit beklagte, würde sich einfach selbst als eitler Eindringling oder zurechtweisender Aufdringling proklamiren. Das Unheil des Auslands über die ganze Angelegenheit läßt sich in die wenigen Worte zusammenfaffen, daß die politische Gleichberechtigung eine Sache der Gerechtigkeit und das llebrige eine Sache des gesunden Menschenverstandes ist. Griechenland. Corfu. Hier wohnen etwa 6000 Juden, die eine Gemeinde bilden, die jedoch in 2 Gruppen mir 2 Verwaltungskör- Pern zerfällt. Die kleinere und ältere Gruppe ist die griechische, deren eine Synagoge im Jahre 1 d. übl. Zeitr. erbaut worden sein soll. Die zweite heißt Gemeinde Popli und umfaßt die italienischen und spanischen Einwanderer mit 3 Synagogen und portugiesischem Ritus. Obschon wenig Reiche zu finden sind, wird doch viel Wohlthun geübt. Außer 2 Gemilul Chaffadim-Vereinen (selbst die Friedhöfe der Gemeinden sind getrennt!) sind Vereine zur Unterstützung armer Klndbetterinnen, Trauernde, Kranke rc. Auch hier sind die Wanverbettler zur unerträglichen Landplage geworden. Für sie müffen die Ethrogimhändler eine Abgabe an die Gemeinde zahlen (dafür erhalten sie den Hechscher ausgestellt) und zwar 2 Centimes vom Franc. Da etwa 100,000 Ethrogim jä Uch verkauft werden, macht das ein hübsches Sümmchen — i und doch es reicht nicht. Besonders deutsche Kaufleute kaufen freilich, um zu sparen, ohne Bedenken Ethrogim ohne Hechscher! Seit 6 Jahren ist der aus Italien stammende Herr Menachem Levi Oberrabbiner. Er hat viel zur Herstellung der Ordnung beigetragen. Auf sein Veranstalten ist eine Schule für arme Mädchen errichtet worden, ebenso wie eine Handwerksschule. Zugleich giebt er eine Zeitung „Mose" heraus. Die Juden sind durchweg fleißig; bedeutende Kaufleute, Advocaten und Richter, 2 geachtete Aerzte (Dr. Victor de Sems ist in weiteren Kreisen wiffenschaftlich bekannt) sind unter ihnen. Die Gleichstellung ist eine v o l l st ä n d i g e, für die Schulen in Corfu, Zante und ChalcideS zahlt die Provinz. Rabbiner und Cultusbeamte sind vom Militärdienste frei. Was zum gottesdienstlichen Gebrauche und zum Bau van Synagogen aus dem Auslande eingeführt wird, ist zollfrei. Amerika. Niagara Falls, 28. Oct. Sehr geehrter Herr Redakteur! Soeben lese ich den Artikel in Ihrer „Wochenschrift" (Nr. 39 S. 133) über eine Judencolonie „Ararat" im Grand Island. Etwas Genaues darüber kann ich augenblicklich nicht sagen, werde aber, sobald das Eis es mir erlaubt, hinüberfahren und die alten Pioniere von 1828 ausfragen. Soviel ist sicher, daß am nordwestlichen Theil der Insel eine holländisch und spanisch sprechende Nation lebte, bis die Blattern die Leute c. 1832 vertrieb; sie gingen theils nach Buffalo, theils nach Canada, nur einige blieben dort, welche aber nicht jüdisch ausseden. Die ältesten Leute sind dort Mr. Marshal Phales und Capt. Jones. Ich erinnere mich auch eines alten ehrwürdigen, hochgelehrten jüd. Mannes, Reb Moshe Noah. Derselbe starb in seinem 80. Jahre hier im Hospital. Die jüdische Gemeinde in Buffalo bezahlte Jahre lang für seinen Unterhalt; er starb 1867 oder 68. Er war gesucht und besucht von Predigern aller Confessionen, selbst ein methodistischer Bischof disputirte Nächte lang mit dem Reb Moshe. Derselbe kam von Grand'Island. Ich werde mich also genau erkundigen, jedenfalls char besagter Reb Moshe einer solchen Idee fähig. — 1. November. Heute, Montag, bin ich im Stande, Ihnen etwas Näheres über jenen Reb Moshe oder, wie der Amerikaner ihn nannte. „Mayor Noah" zu schreiben, was etwas Licht in die Sache bringt. Gestern, Sonntag, Morgen 8 Uhr nahm ich meine Schaluppe und fuhr trotz eines heftigen Sturmes hinüber nach Grand Island. Ich erwartete nichtdaselbst einen Mann zu treffen, der den ehrwürdigen Herrn Noah in seiner Glorie gesehen hatte, aber — es kam anders. Um 10 Uhr landete ich bei vem Herrn Phales. Er fragte mich: „Was bringt Sie bei solchem Wetter hierher?" „Ich komme, um mich zu erkundigen nach der Geschichte von Grand Island." „So, so," eutgegnete Herr P., „das ist eine lange Geschichte und seit anno 13 oder 14, seit Perry dort oben (am Fort Erie) die Engländer versohlt hat. haben wir so ziemlich friedlich gelebt." — Ich fragte: „Haben Sie jemals von einem Herrn Moris Noah gehört?" Herr P. dachte nicht eine Minute nach. „Ja gewiß," sagte der Greis, „und ein feiner Herr war er, gelesen hat er Tag und Nacht in fremden Büchern, auch war er ein Jude und hat sein Möglichstes gethan, um die Juden hierher zu bringen und es gelang ihm theilweise. Einige kamen und sie nannten es „New-Jerusalem" oder „Ararat", hatten ihre Synagoge und waren gute, friedliebende und zuvorkommende Nachbarn, sie legten den Grundstein zu einem Tempel, aber ich kann nicht genau sagen, aus welcher Ursache die Sache nicht bestehen wollte; jedenfalls war der „Mayor" ein guter Mann und meinte es gut mit seinen Leuten. Den Grundstein haben wir später in's Nu86uw. ol' Rellics gebracht, wo er noch heute ist und ich glaube die Geschichte mit Einzelheiten notirt ist." Soweit für heute. Später, am Nachmittag, wollte ich noch nach dem Platze fahren, wo der Grundstein gelegt wurde, aber der Wind und die hohe See machten es mir unmöglich, dorthin zu kommen, ich mußte wieder nach Hause. Die Ge- I schichte ist so intereffant, daß ich nicht rasten will, bis ich jede Kleinigkeit darüber ausgefunden habe. Der Herr Noah — olow hascholaum! — mag vielleicht etwas excentrisch gewesen sein; aber das muß ich sagen, daß für Ackerbauzwecke (Fortsetzung in der Beilage.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.