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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-02 · N° 49. (2.12.1880) · p. Seite 416

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 49. (2.12.1880)
Date
1880-12-02
Page
Seite 416 (sequence 6)
Language
German
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— 416 — Januar 1879 dahin ausgesprochen, daß an dem Erfordernisse | einer besonderen Genehmigung zur Annahme ausländischer Juden für die vorerwähnten Berufsarten im diesseitigen Staatsgebiete fernerhin nicht mehr festzuhalten sei. Dagegen hat der Minister des Innern in seinem Erlaß ausdrücklich hervorgehoben, daß es bezüglich der Annahme ausländischer Juden als Rabbiner und Synagogenbeamte, oder als Dienstboten bei der Vorschrift des §. 71 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 bis auf Weiteres bewenden müsse. Berlin, 24 Nov. Das Auditorium VI. der hies. Universität sollte am heutigen Nachmittag der Ort einer Gegendemonstration gegen die am Freitag dem Herrn Prof. Treitschke dargebrachte Ovation werden. Herr Prof. L a s s o n wies in seinem von 5—6 Uhr stattfindenden Colleg über „Grundprobleme der Philosophie" gelegentlich darauf hin, daß die Griechen die Ersten gewesen wären, die die Fragen des Lebens in strenger, auf festen Gründen sich aufbauender Methode behandelt hätten, und knüpfte daran die Mahnung, daß auch seine geehrten Zuhörer nie von diesem Princip abweichen und nur von der Leidenschaft geleitet, hetzerischen Bestrebungen Folge leisten mögen, wie sie leider heutzutage gegen die Juden betrieben würben. Dem lebhaften Beifalle, der diesen Worten folgte, mischten sich einige Zischlaute bei. Da erhob sich Herr Prof. Läsion von seinem Sitze und erklärte, daß er es für seine Ausgabe halte, gerade in diesem Colleg, in dem die Fragen der Zeit fortwährend berührt werden müsien, als Freund zu den Freunden ein ehrliches Wort über die brennende Tagesfrage zu sprechen. und nun wies er mit kurzen, aber markigen Worten auf das Schändliche jenes hetzerischen Treibens hin, das nicht nur bei der rohen Masie seine Erfolge zu verzeichnen habe, sondern auch bei einigen Vertretern des Volkes nachdrückliche Unterstützung finde. Es hätten sich bei seinen Worten neben den Beifallsrufen auch Zischlaute erhoben Diejenigen, von denen sie herstammten, fordere er auf, den Saal zu verlassen, sie gehörten nicht hierher. Diesen Worten folgten nun nicht endenwollende Beifallsbezeugungen und von den circa dreihundert Anwesenden verließen zwei Zuhörer den Saal. Jetzt erst konnte Herr Prof. Läsion den Gegenstand seines Vortrags wieder aufnehmen, bei dessen Schluß sich der Beifall auf das Lebhafteste erneute. Wandsbeck, 19. November. (Or.-Corr.) Anbei theile ich Ihnen abschriftlich — das Original liegt mir vor — einen Brief eines verstorbenen sehr angesehenen christlichen Arztes, desien Sohn jetzt angesehener Arzt in Hamburg ist. mit. Dieser Brief ist an ein hiesiges Gemeindemitglied gerichtet, das demselben auf desien Wunsch ein jüdisches Gebetbuch mit deutscher Uebersetzung geborgt hatte, um die jüdischen Gebete kennen zu lernen. Vielleicht wollen Sie bei der jetzigen Judenhatz in Ihrer gesch. Zeitung Gebrauch davon machen. Der Brief lautet also: ..Ich wage es nicht, mein werther Herr, beigehendes Exemplar noch länger zn behalten und danke frenndlichst für bas mir gütigst gewidmete Vertrauen. Israel mag sich eines solchen — im allerhöchsten Sinne würdigen — Gebetbuches freuen, wenn gleich mehrere data aus der Geschichte der Annahme: „als ob die vorliegenden Gebete ganz ohne Abänderung von der Synagoge magna herrühren sollten" widersprechen möchten. Ich wünschte von Herzen, daß die Bekenner des Propheten von Nazareth den Geist und den Cultus der hochheiligen Mosaischen Religion etwas richtiger auffasien möchten, sie würden dann auch besier einsehen lernen, daß — auch ohne ein Gott zu sein — der gottbegeisterte Zögling aus der Schule der Esiäer (unser Rabbi Jeschuah ben Josef) nur auf den ursprünglichen und unvergänglichen Eichenstamm des heiligen Mosaismus habe propfen wollen und können, lieber den Altären, die wir Alle im devotesten Sinne unserm Einen und Einzigen Jeho. widmen, reiche als Christ ich dem treuen Bekenner der Mosaischen Lehre brüderlichst die Hand." Ans dem Reg.-Bez. CaHel. Gegenüber dem aus Ber» lin gemeldeten betrübenden Vorfall ist es Pflicht, darauf hinzuweisen. wie das Gros der deutschen Lehrerschaft die Beiheiligung an den in Scene gesetzten Hetzereien weit von sich weist. Einen Beweis hierfür liefert die jüngste in Homberg (Reg.-Bez. Casiel) stattgehabte Jahresversammlung des Hesiifchen Lehrer-Vereins. In der Eröffnungsrede des Vorsitzenden des Vereines. Herrn Lehrer Liebermann - Casiel, findet sich auch folgende Stelle: „Hier (in dem Vereine) finden Sie verschiedene religiöse Bekenntnisie und innerhalb derselben wieder verschiedene Standpunkte vertreten, ohne jeglichen Geist der Ausschließlichkeit. Wir fragen in unserm Vereine nicht, denn dazu haben wir, wie ich schon früher einmal sagte, ,keinen Beruf, wir fragen in unserm Vereine nicht: Was glaubst Du? sondern: Wer bist Du? Hier sind wir Gesammtvertreter des Standes, aber nicht einzelner Jnteresiengruppen;- — hier bilden wir keine Partei, noch Parteiung. Wem aber das Parteibedürfniß nun einmal unverbehrlich ist, der findet dafür hier seine Rechnung — denn er findet bei uns die Partei der Volksschullehrer, und in diesem Sinne heißen wir jeden Parteimann willkommen, wes Glaubens und Standes er auch sei." Die Versammlung hat denn auch durch die That bewiesen, daß sie mit den Ausführungen ihres Vorsitzenden einverstanden sei. indem sie auch einen Antrag, der nur speciell für israel. Lehrer von Interesse war, berieth, denselben auch annahm und so die Sache der israel. Lehrer zur Sache des Vereines machte. — Unter den sieben Mitgliedern des „Hauptausschusies" genannten Vereines ist auch ein jüdisches, Herr Dr. Stein -Casiel. und in den einzelnen Bezirksvereinen, aus denen der Gesammtverein zusammengesetzt ist, hat nicht selten — trotz der verschwindend kleinen Anzahl israel. Mitglieder — ein solches einen Sitz im Vorstande inne. Herr Liebermann ist nicht allein Vorsitzender des „Hessischen Lehrervereins", sondern auch zugleich des gesammten „preußischen Landeslehrerv.'reins" und seine Worte kennzeichnen demnach den Standpunkt der großen Majorität der preußischen und somit der gesammten deutschen Lehrerschaft. Das Gesagte liefert wohl auch einen Beweis dafür, daß der Geist der Ausschließlichkeit nur in einer kleinen Anzahl hirnverbrannter Köpfe spuckt, daß aber die große Masie des Volkes nichts damit zu schaffen haben will. Koschmin. (Or.-Corr.) „Die Folgen berechnen, dem Uebel Vorbeugen, ist der beste Lebensgrundsatz." Pirke Aboth 2.13. — Der in dem „offenen Sendschreiben an Herrn I. Rodenberg" in Nr. 43 der „Wochenschrift" von Herrn Isaak Misies mit beredten Worten dargethane faux pas eines sonst so achtungswerthen jüd. Literaten beweist wieder einmal zur Genüge, wie die bekannte Stelle der Pesiach-Hagada „Schütte aus deinen Grimm auf die Heiden u. s. w." eine andauernde Gefahr für Verkennung und Verketzerung des Judenthums, gleichviel ob des alten oder des modernen, enthält. Denn daß die von Herrn Misies mit Recht als Quelle dafür genannte Pfalmenstelle, 4, 79,5, falsch gedeutet werde, ist, wenigstens bei Unbefangenen, die geringere Gefahr, vielmehr ist es die heutigen Tages auch Nichtjuden schon zugängliche Stelle der Pesiach Hagada, die, weil sie nur Bruchstücke enthält. so leicht einer Mißdeutung unterliegt. Was soll nun geschehen? Bios mitleidiges Lächeln über die Unwiffenheit außerhalb des Judenthums Stehender thul es doch hier nicht. Angenommen auch, daß die „Deutsche Rundschau" in einem der nächsten Hefte ihre Spalten zu der gewünschten Berichtigung öffnet, wer steht uns dafür, daß nicht im Handumdrehen dieselbe schiene Auffaflung anderwärts in einem in Kreisen der Gebildeten vtelgelesenen Blattes wiederauftauche? Wer steht uns auch nur dafür, daß wir nicht bei den Unsrigen selber, wenigstens bei einem Theile, einer plumpen Auffasiung jener Hagadastelle begegnen, und von denen, die dem Bannkreis längst abgestorbener Ideen noch immer nicht

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