Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 49. (2.12.1880)
- Date
- 1880-12-02
- Page
- Seite 413 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wahrheiten und befriedigt selbst sein religiöser Bedürfniß. Und eine solche Gesammtheit und Genoffenschaft — oder nennen Sie sie wie Sie wollen, meinetwegen auch Judenraffe — soll Ihnen erst ein Zeugniß vorlegen, daß sie religiös und tugendhaft sei? O sancta simplicitas!! R. Ein bedentfames Zeugniß. Unter den vielen sympathischen Kundgebungen von christlicher Seile, an denen es in den letzten Wochen nicht fehlte, ist der folgende Brief eines sehr bedeutenden christlichen Gelehrten, des Profeffors der protestantischen Theolog'e an der Rostocker Universität, vr. M. Baumgarten, von hochwichtiger Bedeutung, so daß wir ihn hier an hervorragender Stelle zum Abdruck bringen: „Gewiß kann und muß im Namen des deutschen Volkes und Reiches, wie im Namen deutscher Bildung und Gesittung viel Wahres gegen den graffirenden Antisemitismus gesagt werden. Aber dieser Prolest genügt nicht. Wie andere störende Phänoniene der Gegenwart, so hat auch das genannte schädliche Gewächs seine Pfahlwurzel in dem Boden kranker Religiosität. Die antisemitische Petition bewegt sich von Anfang bis zu Ende in dem Gegensatz von Chnäenthum und Jndenthum; als intellektueller Urheber dieser durch das ganze deutsche Reich verbreiteten Agitation gilt ein hochgestellter evangelischer Geistlicher und unter den Unterschriften jener Petition mehrt sich die Zahl der theologischen Namen von Tag zu Tag. Unter diesen Umständen halte ich 'als christlicher Theologe mich verpflichtet, öffentlichAnklage zu erheben wider einen unverantwortlichen Mißbrauch des christlichen Bekenntniffes. Wer gewissenhaft die großen Zeichen der Zeit beobachtet, dem kann es nicht entgehen, daß wir uns mitten in einer religiösen Krisis befinden, welche, wie Pater Hyacinth schon vor Jahren richtig gesagt, so schwer und tief ist, wie die christliche Welt noch keine gesehen hat. Wem die ewige Wahrheit des Christenthums in seinem Gewissen versiegelt ist, der weiß, daß die noch immer steigenden Gegensätze auf dem religiösen Gebiet die Geburtswehen einer neuen religiösen Aera bedeuten. Dann aber gilt es dem vollen entschlossenen Ernst, alle alten Jrrthümer und Sünden ausznrotten und dem göttlichen Geiste neue Wege zu bahnen. Nichts aber ist in solcher höchst verantwortlichen Lage u n ch r i st l i ch e r, als alte Schuld mit heiligen Namen zuzudecken und das, was für immer verurtheilt und abgethan sein sollte, als den Anfang eines neuen Heiles zu empfehlen. Die antisemitischen Petenten wissen recht gut, daß die K i r ch e den Juden gegenüber keineswegs reine Hände hat. Denn sie schreiben: „Nichts liegt uns ferner, als irgend welche Bedrückung des jüdischen Volkes wieder herbeiführen zu wollen." Aber dieser Satz ist eine heuchlerische Phrase. Evangelische Christen müssen wissen, daß die Kirche von dem Bann einer Gesammtschuld niemals eher und anders befreiet wird, als bis sie aufrichtig Buße gethan hat. Ich frage: wo und wann hat die Kirche Buße gethan für die an I s r a e l begangenen Mis sethat en^ Luther machteeinen guten Anfang, als ihm über die durch die Hierachie verschuldete Verweltlichung der Kirche die Augen aufgegangen waren. Da ward sein Herz gerührt beim Anblick des jüdischen Elends und er ermahnte die Christen, sich der verlorenen Schafe anzunehmen, und die Juden ihrerseits erkannten vermöge ihres angeborenen religiösen Instinktes, daß eine neue Zeit des religiösen Lebens in Anbruch sei. Aber Luther hielt sich nicht auf dieser Höhe: als er seine Gemeinde unter dem Schirmdach eines neuen Staatskirchenthums gesichert hatte, hat er in fälschlichem Eifer die Weltmacht zur Unterdrückung der Juden aufs Neue angerufen und die Wirkung seiner entsetzlich harten Worte ist nicht ausgeblieben. Ich frage: wo ist die Buße für diesen Rückfall in die alte Schuld und Ungerechtigkeit? i-^Das deutsche Reich hat an seinem Theil durch das Gesetz vom 3. Juli 1869 die Ungerechtigkeit abgethan. Aber wo ist die Buße der Kirche, die mit scheinheiligen Sprüchen den Dämon der Verfolgung citirt hat? Die antisemitische Petition beweißt, daß man in dem Wahn steht, ein christliches Werk zu thun, wenn man jenes Reichsgesetz wieder rückgängig macht. Diese Antisemiten haben noch niemals geseufzt und geweint über das durch eine verweltlichte Kirche vergossene Blut desjenigen Volks, aus dem der Heiland nnd die Propheten und Apostel stammen. DerselbeGeist, der in den Juden-Massacren der Kreuzfahrer rast, waltet in dieser Petition, nur freilich in dem Stil des 19. Jahrhunderts; das wilde Feuer des Fanatismus ist nicht ausgelöscht, sondern glüht hier unter der Asche. Und nun bedenke man, daß unsere Heidenkirche, — denn das ist nach Paulus, Augustinus und Luther der richtige, bescheidene Name der gegenwärtigen Christenheit berufen ist, durch Offenbarung der Kraft Gottes die in dem untrüglichen Wort verheißene Zukunft Israels herauszuführen. Selbst der alte Eisenmenger, aus dessen Arsenal die Antisemiten ihre Hauptwaffen zu entlehnen pflegen, hat auf diese Verpflichtung der gegenwärtigen Christenheit yingewiesen. Was für einen Eindruck sollen nun die Juden empfangen von diesem jüngsten christlichen Bekenntniß? Vor einem solchen Ungeist, der zwischen fleischlichem Trotz und unmännlicher Feigheit und Verzachtheit hin und her taumelt, wird das stolze Blut des ältesten nationalen Adels sich niemals beugen. Nicht blos un christlich ist dieses schmachvolle Schriftstück, es ist wider christlich. Rostock, 17. November 1880. Professor vr. M. Baum garten." Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Von allen Seiten schneit's „Berichtigungen" der vielen falschen Angaben, die Herr Stöcker, der Apostel der (zu Berlin erscheinenden) „Wahrheit" in seiner Kammerrede gemacht hat. Das ganze Land, weiß nun,, was es von der Zuverlässigkeit der Stöcker'schen Angaben und Angebereien zu halten hat. Am intereffantesten bleibt das Quiproquo mit Schleiden. Herr Stöcker hat auch den Professor Schleiden fälschlicher Weise als einen Juden bezeichnet. Er wurde darauf aufmerksam gemacht, daß Schleiden weder Jude sei, noch jemals zum Judenthum sich bekannt habe. In seiner persönlichen Bemerkung erwiderte Stöcker hierauf: „Ich bm darauf angesprochen, daß Schleiden nicht Jude sei. Ich möchte nun erwidern, daß ein Mann, der im Aufträge eines jüdischen Gemeindebundes seine Schrift herausgiebt und nachher in einem andern Schreiben sich so ausspricht, wie ich verlesen habe, von mir so lange nicht für einen Christen angesehen werden kann, als bis der Nachweis geliefert wird, daß er wirklich dem Christenthume angehört." Nun ist der Schleiden'sche Auffatz: „Die Bedeutung der Juden im Mittelalter," in den bekannten „Wester - mann'schen Monatsheften" erschienen. Für dieses Blatt wurde dieser Aufsatz eigens geschrieben, und erst aus den „Westermann'schen Monatsheften" wurde der Separatabdruck auf Veranlaffung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes veranstaltet, nachdem von dem genannten Ausschuß bei der Westermann'schen Verlagshandlung und bei Herrn Professor Schleiden um die Genehmigung nachgesucht worden war. Es kann also nicht davon die Rede sein, daß Herr Professor Schleiden seinen Aufsatz im Aufträge des deutsch-israelitischen Gemeindebundes verfaßt habe. Die dahin zielende Unterstellung des Herrn Stöcker hat absolut keinen thatsächlichen Anlaß, der einzige Zweck ist die Tendenz. Herr Stöcker kommt aus seinen „Fehlern" nicht heraus und man sieht wieder einmal, wie „Lügen kurze Beine" haben. Zu seiner Entschuldigung hat er angeführt, daß Schleiden in den Listen des deutschen Parlaments im Jahre 1848 seine Religion nicht angegeben hätte. Er wollte glauben machen, die Unwahrheit in seiner Behauptung über Schleiden, die uns nicht gerade als eine unbewußte erscheint.