Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 49. (2.12.1880)
- Date
- 1880-12-02
- Page
- Seite 412 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 412 — —• noch Hai der Blitz jnicht eingeschlagen — ist eine Warnung für Alle. Noch ein Anderes hat die Interpellation gezeigt. Die Liberalen fochten für die Juden, weil sie wisien, daß ein Sturz derselben aus ihrer politischen Gleichberechtigung der Idee des christlichen Staates und der oppositionslosen Annahme aller Regierungsvorschläge wegen das Vorzeichen zur Unterdrückung des Liberalismus ist, die Ul tramontanen sprachen nicht für eine Beschränkung der Juden, weil die Bedrückung einer religiösen Minorität auch die Ka, tholiken in tieferes Leid stürzen würde, die Polen ha» den nicht gegen die Juden gesprochen, weil sie als nationale Minderheit sich fühlen und nicht dazu beitragen wollen, die ihnen als national erscheinende jüdische Minderheit zu knechten. Soweit ist auch das klar geworden, daß keineswegs Freundschaft für die Juden, wohl aber die Grundsätze der Parteien um ihrer eigenen Gefahr willen eine Majorität für die Juden in der Belassung ihrer politi» schen Gleichberechtigung ergeben haben. Und das war es auch, was diese Frage, wie keine andere, zu einer solche» Bedeutung erhob, was die Redner so erhitzte. Somit scheint es, daß, so lange Liberale, Centrum und Polen die Parteien bilden, die Juden nichts zu fürchten haben. Wie aber, wenn Centrum und conservative Partei sich in strengem Confeffionalismus einigen, wenn das Centrum keine Oppositions-, son' dern Regierungspartei ist? Daß auch dies eine Frage ist. die noch nicht gelöst ist, auch dies hat die Interpellation gezeigt. Darum ist das Eine aus Allem zu entnehmen, daß die Juden, sowie die Parteien, welche die Verfaffung vertreten, gewarnt sein mögen. Vor Allem mögen die Juden einsehen, daß sie das siegreiche Jetzt nicht Menschen, sondern der Fü, gung verdanken, die der völkerlenkende Gott herbeigeführt hat. Mögen sie dankbar zu dieser höheren Macht aufblicken und sehen, daß über aller Menschenmacht und Menschenklugheit eine höhere Macht waltet. Sie warnt durch den Mund der Ankläger. Vertraue man nicht aus Gesetze und nicht auf Parteien und nicht auf Gönner, ein Hauch und sie sind dahin. Mögen alle Israeliten erkennen, daß, wie der Prophet es bezeichnet: 'sx antr tib'n „Affur ist die Ruthe meines Zornes", auch diese neue Plage eine Gottesgeißel ist, die wohlthun will. Es werden, das ist keine Frage, alle die Judenfeinde wie sie die Chauuka-Hymne aufzählt, Aegypten, Affur, Baby, lon, Haman und Antiochus vergehen, — aber auch Israel wird, wenn es die Umkehr versäumt, schmerzvolle Läuterung erfahren, bis daß der Tag kommt, „wo sich der fromme Rest Israels und die aus dem Hause Jakob Geretteten nicht mehr stützt auf den, der es schlägt, sondern auf den Ewigen, den Heiligen Israels in Wahrheit." (Jes. 10, 20.) Darum: „Haus Jakob, auf! Laßt uns wandeln im Lichte des Ewigen", der da ijh'nyw' 112 nyo „Der Schutzfels unseres Heils!" Kr. Plaudereien aus Baden. I. Es ist der 21. November und ich nehme mit großer Spannung die Zeitung zur Hand, denn gestern war ja das große Redetournier über die Judenfrage. Statt daß sonst ein kurzer Auszug von den Parlamentsreden telegraphisch gemeldet wird, füllte dieser diesmal zwei große Spalten, ein Beweis, daß es sehr heiß hergegangen sein muß. In der Thal platzten auch die Geister aufeinander, die Gemüther schienen sehr erregt gewesen zu sein, denn es fielen von gegnerischer Seite Ausdrücke, die uns die Schamröthe ins Gesicht treiben müßten, wenn sie aus Wahrheit beruhten. Den Dank der Judenheit haben sich sicherlich die Abgg. Hänel und Träger. Virchow, Richter und Rlckert erworben, denn sie sprachen würdig und mit vollster Ueberzeugung, wie es nur der Wahrheitsdrang eingeben konnte. Lasten Sie mich aber, geehrter Herr Redacteur, meinem Herzen Luft machen über die böswilligen Redensarten der Abgg. Reichensperger und des Frhrn. v. Heydebrand und von der Lasa. Nach dem fanatischen Centrumsmann ist die antisemitische Bewegung der Ueberzeugung des Volkes entsprungen, daß das emanzipirte Judenthum schädlich wirke. „Die Juden, sagte er, müßten die Emanzipation erst verdienen. Man habe sie ihnen keineswegs als eine Anerkennung ihrer Tugenden gegeben" u. s w. Sehet, sehet, ihr Brüver alle, höret und staunet! Ihr müßt euch nach Herrn Reichensperger erst die Emanzipation verdienen! Euch können die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts nicht so in den Schooß geworfen werden, auch kann man nicht so ohne Weiteres die Vortheile des Eisenbahn- und Telegraphenverkehrs genießen, es sei denn, ihr habt besondere Verdienste aufzuweisen. Doch die Sache ist nicht spaßig! Was versteht eigentlich Herr R. unter Judenemanzipation? Etwa, daß der Leibzoll aufgehoben wurde und der Jude seine Steuern in einer weniger beschämenden Weise entrichten kann? Nun dazu brauchen wir keine besonderen Verdienste aufzuweisen. Auch der niedrigste Mann im Volke bekömmt heute einen anständigen Steuerzettel ins Haus geschickt und er wird höflichst ersnchl, den Betrag an die Kaffe abzuliefern. Das Jahrhundert ist einmal anständiger und das allgemeine Anstandsgefühl verbietet von selbst, den Juden mit Spitze und Schimpfnamen anzureden. Also dafür brauchen wir uns bei Herrn v. R. nicht zu bedanken. Ferner ist der Jude emanzipirt, wir bestachen wie sie Volks- und Bürgerschnlen, höhere Lehranstalten, Universitäten u. s. w. Hierfür bringen wir aber auch wirklich Verdienste mit, denn diese Anerkennung wird Herr R den Juden nicht versagen, daß sie an Intelligenz hervorragen. Man sollte es kaum für möglich halten, daß in einem juristischen Kopfe solch verworrene Rechtsbegriffe vorhanden sein können. Es scheint, sobald es sich um Juden handelt, verläßt diese Leute die formale Logik und sie werden geradezu urtheilsunfähig. Warum in aller Welt wirft man immer den Juden ihre Emanzipation vor? Auch der Christ ist ja mit der Neuzeit emanzipirt worden, vielleicht noch mehr als der Jude, der gewiß schon längst emanzipirt war und nur geringen Antheil an der heutigen Forlschrittsbewegung hat. Der beschränkte Unterthanenverstand hat Platz machen müssen einer allgemein verbreiteten Preffe und einem aus Volkswahlen hervorgegangenen Parlamente. Warum mißgönnt man dem christlichen Bürger die Zeitungslectüre und das Wahlrecht nicht, und warum gerade dem jüdischen? Warum müssen wir uns besonders Hervorthun, um uns der Fortschritte des 19. Jahrhunderts zu erfreuen! „Man hat uns nicht wegen unserer Tugenden emancipirt", sagt Herr von Reichensperger. Du lieber Himmel! Wenn einem Volke die Geschichte ein gutes Sittenzeugniß ausgestellt hat, so ist das das j ü d i s ch e. Wenn ein Volk berechtigt ist, auf Tugenden und Vorzüge hinzuweisen, so ist es das — jüdische. Gehen Sie einmal. Herr v. R.. an Sabbathen und Festtagen in die Synagoge und sehen Sie, wie andächtige Beter 3—5 Stunden auf einem Platze ausharren am Versöhnungstage gar von Morgens bis Abend, und an ihrem Guste sich erholen. Und dabei ist zum Theil kein Prediger und Redner im Gotteshause, der einen Sturmlauf auf das Gemüth unternehmen könnte, der die in Andacht versunkenen Zuhörer durch der Rede Gewalt feffelt und zu einer momentanen Begeisterung hinreißt. Jeder Einzelne in der Gemeinde betet inbrünstig und mit Gefühl, mit Verständniß für die überlieferten Glaubens-