Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 48. (25.11.1880)
- Date
- 1880-11-25
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 406 — in Deutschland wären vorzugsweise dazu berufen, ihre energische Stimme dafür zu erheben und dem Centralcomit6 in Paris zu sagen: Unsere armen Brüder in Polen und Rußland verdienen nicht minder wie die im Orient, daß für ihre moralische Hebung Sorge getragen wird. Die Bitte des Grenzcomit6's ist eine sehr berechtigte. Hoffen wir, daß sie berücksichtigt wird. Louis Lehmann. Eßlingen, 15. Nov. (Or Corr.) Der Bericht über die hiesige israel. Waisenanstalt pro 1. Juni 1879/80 constatirt den segensreichen Fortgang in der Wirksamkeit dieser Anstalt. Die unverdrossene Arbeit des Hausvaters, Hrn. Oberlehrers Stern, blieb nicht ungelohnt, sie brachte recht erfreuliche Früchte der Lehre und Erziehung zur Zeitigung. Die Zahl der Zöglinge hat gegen früher bedeutend zugenommen, und ist deshalb ein jüdischer Aufseher und Lehrer, Herr Heimberg aus Westfalen. Zögling des Seminars in Münster, angestelll worden. Dank der werkthätigen Theilnahme ihrer Gönner ist eS der Anstalt gelungen, auch ein finanziell günstiges Resultat zu erzielen. Obschon es Heuer galt, mehr Kinder als früher zu nähren und zu kleiden, auch am Gebäude ein größerer Bauaufwand zu bestreiten war, so hat das Vermögen doch um 4000 Mk. zugenommen und beträgt jetzt außer 28.800 Mk. Grundbesitz 187.000 Mk. Von den Einnahmen notiren wir 3200 Mk. Stiftungen zum Grundstock, 8853 Mk. Zinsen, 196 Mk. Kost- und Kleidergelder von K. StaatSwaisenhäusern, 7400 Mk. Spenden und Beiträge, darunter 175 Mk. von Sr. Majestät dem König, und ca. 300 Mk. Beiträge von christlichen Bewohnern Stuttgarts. Die laufenden Ausgaben betrugen 20,171 Mk. Die Anstalt beherbergt jetzt 37 Zöglinge, so daß das für eine kleine Zahl bestimmte Haus bis auf den letzten Raum gefüllt ist. In unserer Nachbargemeinde Göppingen rückt der Bau der neuen Synagoge bedeutend voran; zu dem Bau gie'ot auch die städtische Gemeinde daselbst nach ihrem neuesten Etat einen Beitrag von 1000 Mk. Oesterreich. A Proßnitz, Nov. (Or.-Corr.) Ich freue mich, mittheilen zu können, daß das von unserer Gemeinde vor mehreren Jahren zu Ehren des nun in Gott ruhenden vr. Gideon Brecher errichtete Siechenhaus, „Brecher-Stiftung" genannt, vor wenigen Wochen'.vergrößert und verschönert wurde. Auf Anregung des hierortigen, ehemaligen Bürgermeisters Herrn Marcus Zweig, der ein intimer Jugendfreund des hier geborenen nnd vor Kurzem in Wien verstorbenen Herrn Josef Fröhlich war, hat nämlich die wohlthätige Wittwe Betti Fröhlich den Namen ihres Mannes dadurch geehrt, daß sie der hiesigen Gemeinde ein Capital von fl. 10.500 in österr. Renten mit der Bestimmung zusandte, daß fl 10,000 für die erwähnte „Brecher-Stiftung" und fl 500 für die andern hier bestehenden Wohlthätigkeits-Anstalten verwendet werden sollen. Im Sinne der Stifterin wurde auch ein Zubau des Siechenhauses vorgenommen, welcher am 24. v. Mts. feierlich eingeweiht wurde. Zuerst wurde im Tempel in Anwesenheit der gesammten Gemeinde-Repräsentanz und der eingeladenen Gäste das Mincha-Gebet mit Einschaltung eines besondern, hebräischen Seelenheilgebetes für den velstorbenen Herrn I. Fröhlich verrichtet. Hierauf begaben sich alle Theilnehmer an der Feierlichkeit in das dem Tempel nahe gelegene Siechenhaus, wo unser Herr Rabbiner Dr. E. Hoff eine kurze, aber tiesergreifende Weihrede hielt, die fast kein Auge thränenleer ließ. Nach Beendigung derselben bestieg der gedachte Herr M. Zweig, als Freund und Vertreter der Familie Fröhlich, die Tribüne und übergab in von Herzen kommenden Worten den neuerbauten Theil des Siechenhauses der Gemeindevertretung zur weitern Obhut. Nachdem der Herr Landtagsabgeordneter und jetziger Bürgermeister Herr vr. Trieschet dem greisen Vertreter der stifterischen Familie recht herzlich dankte, sprach noch der auf eine Einladung der hiesigen Gemeinde von Olmütz herbeigeeilte Hetr vr. Ad. Brecher, Sohn des sel. Herrn vr. G. Brecher, in schönen Worten der Gemeinde-Repräsentanz seinen tiefgefühlten Dank aus. — Sichtlich erhoben verließen die Versammelten die humanitäre Anstalt, die ein Ehrendenkmal vr. G. Brechers und unserer Gemeinde bleiben wird. Rußland. Kowno. Am 18. Oct. cr. entbot der neue Gubernator General Barawro, den hiesigen Rabbiner Rabbi Jizchak Elchonon Spekter zu sich und unterhielt sich mit ihm fast l1/. Stunde über Angelegenheiten der jüd. Gemeinde, besonders in Betreff des Krankenhauses und der Armenunterstützung. Er forderte den Rabbiner auf ein Comit6 zu gründen, welches die Armenpflege übernimmt um der Hausbettelei zu steuern und trug als Erster 25 Rubel dazu bei. Nachdem er ihu huldvzll entlaffen und seiner steten Hilfsbereitschaft versichert hatte, ließ der General am nä chsten Tage dem Rabbiner seinen Gegenbesuch ansagen. Das ist in Rußland noch nicht dagewesen, und erregt um so mehr Erstaunen, als der Rabbiner nicht Staatsrabbiner ist. (Hameliz.) Mosir (Bezirk Minsk). Das in Sa tri (Galizien) von einem Herrn Woloser aufgenommene etwa 12jährige Mädchen hat seine Eltern hier wiedergefunden. Vor 8 Jahren ist es von Zigeunern geraubt und an eine Kunstreiterbande verkauft worden. Diesen entlief es und, wissend, daß es das Kind jüdischer Eltern sei, flüchtete es sich zu einem Juden Herr W. hielt sie 3 Monate bei sich, aber alle Bemühungen die Eltern wiederzufinden. waren fruchtlos, bis er hörte, daß hier ein Kind verloren gegangen sei. Auf die Kunde reiste die Mutter nach Satri, wurde von dem Kinde erkannt, doch s i e erkannte es nicht wieder. Da aber die Lage der Heimathstadt am Flusse, das Wohnhaus und noch viele Einzelheiten von dem Findling genau beschrieben wurden, nahm die Mutter das Mädchen mit, ließ sie von der Schiffsbrücke allein das Elternhaus aufsuchen, in dem ihr ein fremder Mann als ihr Vater bezeichnet wurde. Den wollte sie nicht anerkennen, entdeckte vielmehr ihren Vater unter 30 fremden Männern. Liebau (Kurland). Auch hier regt sich bei den Deutschen der Judenhaß, der ein altes, längst verschollenes Gesetz neu beleben will, nach welchem Juden hier nicht wohnen dürfen. Natürl ich ist der Berger über die Concurrenz der Juden das treibende Motiv. Aber drastisch ist's, wie der Judenhaß hier bestraft wird. Die St. Petersburger „Wied." klagt die Deutschen wegen ihres Wüthens gegen die Juden — des Lande sverratb s on. Liebou's Hasen ist noch diesem Blatte zumeist durch die Rührigkeit jüd. Kaufleute Königsberg und Memel gleich, ja bedeutender geworden. Das könnten die Deutschen, die mehr für Deutschland als für Rußland fühlten, den Juden nicht vergeffen! Da bekommens die Judeophoben auch einmal zu fühlen, wie der Vorwurf der Vaterlandslosigkeit schmeckt. (Hazephira.) Serbien. H. Kann, Mitglied des Central - Comit6s, berichtet über seine ihm bei Anwesenheit des Fürsten von Serbien in Ischl von demselben bewilligte Audienz im jüngsten Alliance- Szülletin wie folgt: „Ich hatte eine Zusammenkunft von einer Stunde mit dem Fürsten Milan; er versicherte mich, daß er viel Zuneigung zu seinen jüdischen Unterthanen habe, über die er sich nur lobend aussprechen könne. Wenn seine Regierung die große Skupschtina noch nicht einberufen habe, um die Beschränkungen, die sie bedrücken, zu beseitigen, so sei dies hauptsächlich im Interesse der Juden selbst geschehen, denn man habe zu fürchten gehabt, daß die Opposition die Vorlage verwerfen könnte. Die beiden letzten Ernten seien schlecht gewesen und man konnte einwenden, daß die Israeliten die Roth der kleinen Landleute benutzen würden, um sich die Grundstücke derselben anzueignen; m diesem Jahre jedoch, in welchem die Ernte ausgezeichnet sei, falle dieser Grund der Opposition weg, uyd die Vorlage werde in diesem Herbst oder später im Frühling 1881 eingebracht werden, wodurch die