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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-11-25 · N° 48. (25.11.1880) · p. Seite 404

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 48. (25.11.1880)
Date
1880-11-25
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
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— 404 Be wußtsein, daß dieser Tadel sich in erster Reihe auf Herrn v. Treitschke bezieht." — M. sagt ferner: „Wir beschuldigen Herrn v. Treitschke, daß er an dem Vermächtniß Leffings rüttelt. Wir bedauern, daß er auf dem Katheder das Evangelium der Toleranz nicht predigt, welches Leffing gepredigt hat; denn wir nehmen an. daß er als Lehrer nicht gegen diejenigen Sätze sprechen wird, die er als Publicist vertritt. Daß er das Evangelium der Intoleranz, we er es in den „Preußischen Jahrbüchern" gepredigt hat und zu dem er auch heute noch sich bekennt, auch auf das Katheder bringt, ist mit keinem Worte gesagt und sicherlich auch nicht gemeint. Wer zugleich akademischer Lehrer und Publicist ist, thut nicht wohl daran, einen Angriff, der gegen den Publicisten sich richtet, auf das erstere Gebiet hinüberzuspielen rc." Herr Treitschke replicirt natürlich hierauf, aber er kaut nur Frühergesagtes wieder; neu ist darin nur, daß er es nicht verschmäht, seinen „Collegen" Mommsen bei den Juden durch ein Citat aus desien „Römische Geschichte" III, 550, das den kosmopolitischen Charakter des Judenthums etwas scharf zeichnet, als Judenfeind zu denunciren. Run, wir Juden wiffen bester, wo wir unsere Freunde und wo unsere Feinde haben. Ist denn — es soll dies durchaus kein Vorwurf sein — die christliche Lehre vom Messias- oder Himmels reiche nicht auch der reine Kosmopolitismus? Berlin. Der am Sonntag veröffentlichten Erklärung schließen sich täglich Persönlichkeiten aller Stände an, z. B.: Profestor Anton v. Werner; Wegner, Rechtsanwalt; Günther, Oberlehrer; vr. E. Anger stein, prakt. Arzt und städtischer Ober-Turnwart; Gehm. Postdirector a. D.; Böhme, Königl. Seminarlehrer; Pastor vr. Ad. Sydo w; Profestor vr. August Müller in Halle; Stadtrath Gilow in Berlin. Ferner die Herren Grub er, Pastor zu Reichen - bach i. Schl.; vr Hermann Kletke; Roodt, Oekonomierath; Knauert, Prediger an St. Thomas; vr. Patschkowski, prakt. Arzt; vr. Alfred Bernard, Apotheker; Prof. vr. Dielitz, Stadtv; Louis Böger; E. I. Einsiedel; Julius Löwel, Stadtv. und Mitglied der Brandend. Provinzial-Synode; vr. Louis Müller; Prof. vr. Rammelsberg, Mitglied der Akad. der Wistensch.; Cornelius Koch, Bez.-Borst.; Wollny, Geh. Ober.Finanzrath a. D.; vr. Hermes, Director des Berliner Aquariums; Prof. vr. Pappenheim; D. Frank, Verlagsbuchhändler; Prof. vr. Dieterici; Prof. vr. Röthig, Oberlehrer; vr. Kotelm a n n, Oberlehrer; vr. Zermelo, Oberlehrer; Uhlbach, Oberlehrer; Hempel, Oberlehrer; vr. Alt haus, Oberlehrer; vr. Parow, ordentl. Lehrer; Weltzien, ordentl. Lehrer; Prof. Röber; vr. Carl Ohrt mann, Oberlehrer; vr. E. Z e t t n o w, Oberlehrer; auch Karl Blind in London u. v. A.*) Wir wollen ferner nicht unerwähnt lasten, daß in den Vereinen der Umgebung von Berlin die Angelegenheit bereits zur Sprache gekommen ist. So wurde beispielsweise zu Rixdorf in einer großen Versammlung unter lebhaftem Beifall beantragt, daß die Versammlung die „Erklärung" der 74 angesehenen Männer Berlins acceptire und zu der ihrigen mache. Ein diesbezüglicher Beschluß wurde von den 500 Anwesenden einhellig gefaßt. Aus Frankfurt a. M. wird geschrieben: Ich bin in der Lage, Ihnen von folgendem Hochinterestanten Vorkommniß Mittheilung machen zu können, welches sich bei Gelegenheit eines Besucheden der aus Wiesbaden herübergekommene deutsche Kronprinz jüngst der hiesigen Maurerloge „Socrates" abstattete, ereignete. Der hohe Herr, welcher u. A mit dem ihm vorgestellten Herrn vr. rneck. Stein, ferner mit den Meister vom Stuhl, vr. Jacob Auerbach, Verwandter Berthold Auerbach's, und Anderen längere Gespräche führte, lenkte das Gespräch alsbald auf das *) Die Zeitungen bringen jeden Tag neue Anschlußertlärungen von Privaten und Vereinen, die vollständig wiederzugeben es uns leider an Raum gebricht. (Red.) Thema, welches heute die öffentliche Meinung so ungemein beschäftigt, auf die sogenannte Judenfrage! Das Gespräch, welches der erlauchte Gast, besten denkwürdige Äußerung ja bekanntlich das Treiben der „Antisemiten" für einige Zeit verstummen machte, mit der erwähnten Persönlichkeit führte, soll ungefähr zwanzig Minuten gewährt haben. Dies Ereigniß — denn als ein solches darf es ohne Frage angesehen werden — verdient der weitesten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Die wiederholte Parteinahme des Kronprinzen in Sachen der „Judenfrage", und zwar zu einer Zeit, in welcher die schnöde Propaganda mit provocirender Frechheit ihr Haupt erhebt, daß die rührigsten und besonnensten und gleichzeitig die besten Männer nicht länger passiv zu bleiben vermochten und in der Commune wie in der Landesvertretung gegen die Schürer des Klastenhaffes auftreten — diese Parteinahme der hohen Persönlichkeit ist gerade im gegenwärtigen , Momente ein Ereigniß im wahrsten Sinne des Wortes. Daß > der hohe Herr die Stelle, welche in idealster Weise der Humanität dient, zu jener ungemein werthvollen Kundgebung auserwählte, erhöht die Bedeutung derselben. Kassel, 10. Rov. (Or.-Corr.) In körperlicher Rüstigkeit und voller Geistesfrische feierte heute der Herr Landradbiner vr. Adler seinen 70. Geburtstag. Schon am Abend vorher wurde ihm vom Sängerchor des hiesigen „Beamtenverein" unter Leitung seines Dirigenten Herrn Gutkind ein Ständchen gebracht, was umsomehr hervorzuheben ist, als gerade an diesem Tage in einem hiesigen conservativen Blatte die berüchtigte Petition an den Reichskanzler in einer neuen Fassung abgedruckt war. Am Tage selbst liefen Depeschen, Gratulationsschreiben und Adressen von allen Seiten ein. Unter den Adreffen sind diejenigen des Vorstandes des deutsch-israel. Gemeindes in Leipzig und die des Rabbiner-Semmars in Breslau, sowie die der israelitischen Lehrerschaft Heffens besonders bemerkeuswerth. Da letztere auf die Zeit- und localen Verhältniste am meisten Rücksicht genommen hat, so mag * sie hier folgen. „Hochehrwürdiger Herr Landrabbiner! Wenn wir zur Feier , Ihres 70. Geburtstages uns gestatten, Ihnen Namens der israel. Lehrerschaft Heffens die innigsten Glückwünsche entgegen zu bringen, so mischt sich erfreulicherweise in unsere Gratulation jene Bitterkeit nicht, welche sonst wohl an diesem Tage das Herz beschleicht. Erinnert doch derselbe gar zu leicht an das Maß menschlichen Lebens, welches uns nach dem Ausspruch des Psalmisten auf Erden zugetherlt ist. Ew. Hochehrwürden jedoch sehen wir zu unserer größte« Freude in fast jugendlicher Kraft und Geistesfnsche vor uns, so daß wir von der Gnade Gottes erhoffen dürfen, daß Sie noch eine lange Reihe von Jahren werden Ihres Amtes warten und dem israelitischen Lehrerstande Heffens Ihr Jntereffe zuwenden können. Mit wirklicher Wehmuth erfüllt uns der Gedanke nur, daß der Abend Ihres Lebens nicht in eine solche Zeit fällt, welche der Morgenröthe deffelben gleicht. Ja, die erste Hälfte unseres Jahrhunderts war die Morgenröthe wahrhaft menschlicher Kultur und ungeheuchelter Frömmigkeit. Noch wirkten die Ideen der Humanität und Gerechtigkeit fort, welche von den großen Geistern unserer klaffischen Literatur-Epoche erzeugt und durch die Weltereigniffe am Anfänge unseres Jahr- * Hunderts in alle bürgerlichen und sozialen Verhältnisse verpflanzt wurden; noch wirken innerhalb nnserer Glaubensgemeinschaft diejenige« Männer, welche die Krone der Religion wieder Herstellen und der veralteten Hülle derselben neue und ansprechende Gestalt geben wollten. Leider sehen wir jetzt, wie man in Deutschland die Menschlichkeit wieder bekämpft und Anschauungen verbreitet, die definstersten Mittelalterwürdig sind; leider sehen wir auch, wie von vielen unserer Rabbinen die mittelalterlichen Religionsformen wieder hervorgesucht und die Saaten der Unkultur wieder au-gestreut werden. Hochverehrter Herr Landrabbiner! Wir können an die-

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