Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-11-25 · N° 48. (25.11.1880) · p. Seite 403

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 48. (25.11.1880)
Date
1880-11-25
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584270--4350-9584273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

bittere Wahrheiten sich gefaSen lasse» mußte, schnurrten Tagelang Gerüchte über bcticatc Geldangelegenheiten durch die Luft, die nicht zur Ruhe komme« wollten. Da wurde die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich von diesen Dingen abgelenkt durch ein in der letzten Ssnntagsnummer der „Schles. Presse" umter dem Name« Sr. Exc. veröffentlichtes Eingesandt, welches voll der aLergröbsteu Jnvective« gegen die jüdischen Bürger, und namentlich die jüdischen Soldaten, war. Gröberes hat man wohl in der „Schles. Bolksz." «och nicht gelesen, die Feder des Verfassers schien in Koth und Geifer getaucht. Ei« ehemaliger Licefeldwebel jüdischen Glaubens, unser Mitbürger Herr Carl Schlesinger, fühlte sich in seiner Soldatenebre durch jenes Schreiben so gekränkt, daß ec kurz entschlossen sich Sr. Exc. vorstellte, seiner Indignation entrüsteten Ausdruck gab und fragte, wodurch und auf welche Weise Sr. Exc. ihm Genugthuung zu geben gedächte. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er erfuhr, daß der Brief eine grobe Mystification, nach den Worten des Herrn v. W., ein „infamer Schurkenstreich" war, den zu entlarven allen Confessionen in gleicher Weise gelegen sein müsse. Herr Schl, ließ sich eine schriftliche Erklärung des Herrn v. W. geben, und diese Erklärung durch die Zeitungen veröffentlicht, wirkte einigermaßen beruhigend auf die aufgeregten und erbitterten Gemüther. Ob auch auf Sr. Excellenz? das ist billig zu bezweifeln. Dieselbe hat ja durch diesen Streich eine Ahnung von der Gesellschaft bekomnten, in die sie durch die Unterzeichnung der Petition gerathen! (Die Polizei hat den betr. Brief in der Druckerei confiscirt.) Der zweite Unterzeichner jener bekannt gewordenen famosen Petition ist der Profeffor an dem hiesigen confessionslosen Gymnasium. Herr Prof. Dr. Fechne'r. Ueber die Antecedentien dieses — Ehrenmannes nur so viel, daß derselbe sich von einer streng confeffionellen Anstalt, an der er Jahre lang in Erfurt thätig gewesen, hierher an eine Schule gemeldet hat, die er, wie sich jetzt herausstellt, in Princip verdammt. Sein Ehrgefühl schon hätte den Mann, der drei jüdische Collegen in seiner nächsten Umgebung hat, von diesem verwerflichen Schritt zurückhalten sollen. Wer allerdings das bisherige Gebühren des Mannes beobachtet hat, der fand in diesem Schritte wenig wunderbares. Ein eifriger Mitarbeiter der „Schles. Ztg.", des Blattes, das hier die Judenhetze salonfähig gemacht hat, ergreift er seit lange die Gelegenheit gern, den Juden etwas am Zeuge zu flicken. Die Chiffre Fr. im Feuilleton der Schles. Ztg. hat in diese Beziehung schon manche recht bemerkenswerthe Leist -ng aufzuweisen. Derselbe Herr hat in einer Schrift: über „Gelehrsamkeit und Bildung" öffentlich bekannt, wie wenig er von den Leistungen der Realschule halte. Das hat ihn aber nicht davon abgehaltcn. allen Ernstes und Eifers sich um das durch den Rücktritt Kletke's vacant gewordene Directorat an der hiesigen simultanen Realschule zum Zwinger zu bewerben. Solche Vorgänge bleiben natürlich dem großen Publikum unbekannt, daher ist die ungemeine Ueberraschung und Entrüstung erklärlich, die sich unzweideutig kundgab, als die Unterzeichnung Fechners bekannt wurde. Roch an demselben Tage hatte eine Anzahl Väter von jüdischen Schülern des Johanneums ihre schweren Bedenken gegen die Thätigkeit eines solchen Mannes in einer Schule, die der Versöhnung der Confefficnen ausdrücklich bestimmt ist, in einer Beschwerde an den Dnector der Anstalt und Tags darauf an den Magistrat kund gegeben. Ter letztere hat den Beschwerdeführern bereits geantwortet, in einem Schreiben, in welchem er die Handlungsweise Fechners unumwunden und schonungslos in scharfen Ausdrücken verurlheiit und mittheilt, daß er dem Director anheimgegeben habe, das Disciplinarverfahren gegen ihn beim Provinzial-Schulcollegium zu beantragen. Die gestrigen und die heutigen Blätter bringen diese Schriftstücke ihrem" Wortlaute nach. Selbst die „Schles. Bolksz" hält die Stellung Fechners an der, wie sie schreibt, simultanen Anstalt für unhaltbar. Ob sie richtig urtheilt, das ist allerdings noch zu bezweifeln. (Man vergleiche, was oben über die Unterzeichner der „Freien-Vereinigung" gesagt worden.) Jedenfalls ist auch dieser zweite Unterzeichner der Petition — gerichtet. Noch interessanter erging es dem dritten der bekannt gewordenen Namen, dem des AmtsgerichtSraths Milde in Lublinitz. Derselbe veröffentlicht in der gestrigen Nummer der „Brest. Morgenztg.," daß er nicht wisse, wie sein Name unter die Petition komme. Also die zweite Fälschung hier in BreSlau! Eine schöne Sippe! Und die will deutsche „Eigenart", deutsche „Treue" und „Redlichkeit" schützen. Wahrlich, Gott schütze die deutsche Eigenart vor ihren Freunden!*) Hoffen wir, daß, durch diese üblen Erfahrungen belehrt, derjenige Theil der sonst anständigen Gesellschaft, welcher von der augenblicklich in Deutschland herrschenden Seuche ergriffen ist, allmählich zur Besinnung kommen werde. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Herr Professor v. Treitschke fühlt sich durch eine Stelle in der „Erklärung" der Berliner Notabilitäten persönlich verletzt und zwar durch nachstehende Worte: „An dem Vermächtniß Lessings rütteln Männer, die auf der Kanzel und dem Katheder verkünden sollten, daß unsere Kultur die Jsolirung desjenigen Stammes überwunden hat, welcher einst der Welt die Verehrung des einigen Gottes gab." Einer der Unterzeichner — so erzählt er — habe ihm auf briefliche Anfrage erklärt, daß dieser Satz auch gegen ihn (Treitschke) gerichtet sei, nachdem zwei andere Unterzeichner — die Namen nennt der Herr Professor nicht — ihm versichert, der Eine, daß er jenen Satz gar nicht bemerkt, der Andere, daß er dabei nicht am Entferntesten an ihn (Treitschke) gedacht habe. Auf Grund jenes Eingeständnisses erachtet es der Herr Prof, als seine Pflicht, um seiner Zuhörer und seiner akademischen Ehre willen, „alle die Verleumdungen seiner Lehrthätigkeit, welche aus jenen Worten bereits abgeleitet worden sind und noch fernerhin abgeleitet werden können, öffentlich zurückzuweisen." „Was er, so fährt er fort, alsPublicist vor Jahresfrist über die gegenwärtige Stellung des deutschen Judenthums geschrieben habe, halte er aufrecht, bis man ihn durch Gründe eines Bessern belehrt haben werde. Volltönende Worte pathetischer Entrüstung betrachte er nicht als eine Widerlegung." Es wäre wahrlich ein Wunder gewesen, wenn Herr v. Treitschke jetzt geschwiegen hätte, denn daß die „Erklärung" gegen ihn mit gerichtet war, auch wenn jener ihm fatale Satz nicht darin gestanden hätte, darüber brauchte der Herr Geschichtsforscher wahrlich keine besondere Nachfrage zu halten, und ebensowenig konnte man darüber zweifelhaft sein, daß Herr v. Treitschke jetzt seinen Gesinnungsgenoffen Stöcker und dessen Anhang beispringen und auch diesesmal ihnen wieder das Stichwort in den Mund legen würde. — „Volltönende Worte pathetischer Entrüstung betrachte ich nicht als eine Widerlegung!" ruft er den Unterzeichnern der Erklärung zu. Als ob es nicht auch auf's Gründlich st e widerlegt und vielfach ad absurdum geführt worden wäre. Alle, auch die gründlichsten und sachlichsten gegen seine Broschüre erschienenen Widerlegungen — wir erwähnen nur die der Herren Dr. 3oeI, Grätz, Lazarus, Breßlau, Oppenheim, Prof. Fischer in Frankfurt — ignorirt Herr T. und ruft pathetisch aus, er stehe unwiderlegt auf seinem bekannten, früheren Standpunkt. Wer so der Wahrheit einen Faustschlag ins Gesicht versetzt, der ist keiner Widerlegung werth! Prof. Mommsen veröffentlicht nun gegen T. eine Erklärung, worin er offen sagt: „Ich bin nicht unter den B e f r a g t e n, aber wohl unter Len Unterzeichnern, und halte es angemessen, diese Auslegung meinerseits zu bestätigen. Die Fassung der Worte rührt nicht von mir her, wie wohl behauptet worden ist; aber ich wenigstens habe sie unterzeichnet in dem vollen bcach einer später» Version soll Herr Milde die Unterschriften Elle doch daruntergesetzt haben. (Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.