Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 48. (25.11.1880)
- Date
- 1880-11-25
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 402 — nicht gelangt ist und sie nicht in der Lage war, den Inhalt , derselben in amtliche Erwägung zu ziehen. Gleichwohl nimmt die Staatsregierung nicht Anstand, die am Schlüsse der Interpellation an sie gerichtete Frage dahin zu beantworten, daß die bestehend «Gesetzgebung die Gleichberechtigung der religiösen Bekenntnisse in staatsbürgerlicher Beziehung ausspricht und daß die Staatsregierung nicht beabsichtigt, eine Aenderung diesesRechtszustandeS eintre' ten zu lassen. Wir vermissen allerdings in der Antwort ein Wort des Tadels und der Mißbilligung der ganzen antisemitischen Agi» tation, — „sie hätte, um mit Virchow zu reden, doch etwas wärmer sein können, sie war kühl bis an's Herz hinan" — aber wenn man bedenkt, daß es ein conservativ-reactionäres Ministerium ist, die sie festgestellt hat, so kann und muß man sich schon damit befriedigt erklären. Sie ist correct und wird ihre Wirkung thun. Die Regierung steht auf dem Boden der Verfassung und verheißt, von den durch dieselbe festgestellten Rechtsbestimmungen nicht abzuweichen, mit andern Worten: die bekannten vier Petita der Antisemiten haben, falls die Petition dem Reichskanzler oder preuß. Ministerium überreicht werden sollte, seitens der Staatsregierung keine Aussicht erfüllt zu werden. Damit ist das Schicksal der Petition von vornherein besiegelt — sie .ist nach dieser Erklärung in's Wasser gefallen. Diesem Theil der Agitation ist sonach die Spitze abgebrochen; wir sind auf die weiteren Schritte der Petenten begierig. Es hatten sich sodann eine große Anzahl von Rednern der verschiedensten Parteischattirungen — Fortschrittler, Secestionisten, Couservative und vom Centrum (nur die eigentlichen Nationalliberalen hatten sich merkwürdiger Weise fern gehalten), — zum Worte gemeldet, 9 für und 18 gegen, allein es kamen nur je acht von jeder Seite zum Wort. Wir können in unserem Blatte unmöglich, und ser's auch nur im engsten Auszuge, diese 16 — mit der trefflichen Begründung der Interpellation 17 — Reden, welche zwei Sitzungen mit zusammen 12 Stunden füllten, wiedergeben; es ist viel Herrliches und Anerkennendes über das Judenthum gesagt worden, aber auch manches Falsche und Unrichtige, dem jedoch zumeist die Widerlegung auf dem Fuß gefolgt ist; er sind sodann von unfern Gegnern auch Anklagen, Beschuldigungen und Vorwürfe gegen die modernen Juden erhoben worden, die von der andern Seite sofort theils zurückgewiesen, theils auf das richtige Maaß zurückgeführt und geschichtlich motivirt, zum kleinen Theil nur als richtig anerkannt wurden — wie z. B. die auch von uns oft gerügten und verurtheilten frivolen Ausschreitnngen von Zeitungsscribenten, die den jüdischen Namen mißbrauchen; wir haben manche „bittere W a h r h e i t" zu hören bekommen, aber keine, die nicht schon von den Besonneneren in unserer eigenen Mitte ausgesprochen worden wäre; man hört die wohlmeinenden, warnenden Stimmen der Prediger im eigenen Kreise nicht und muß es sich nun gefallen lasten, dasselbe mit weniger Liebe von den Gegnern vor aller Welt in übertriebener und gehäffiger Weise gerügt zu sehen, so erfüllt sich das Wort der Weisen: „Wer den Namen Gottes — das Judenthum — heimlich entweiht, wird dafür öffentlich zur Verantwortung gezogen." Und leider Gottes werden wir noch immer Alle für die Frivolitäten Einzelner verantwortlich gemacht. (Wir behalten uns vor, auf Einzelnes in späteren Artikeln eingehend zurückzukommen.) „Die Interpellation war eine Leuchtkugel, welche die Nacht erhellte" — und mancher dunkle Punkt ist bei dieser Beleuchtung an uns gefunden worden, den durch Selbstläuterung auszumeffen wir bestrebt sein müssen. Wenn wir vor acht Tagen in unserem Leitartikel auf den Kampf Jacobs mit dem feindlichen Geiste der Nacht, der vor dem nahenden Morgen fliehen will, — den Jacob aber festhält mit den Worten: „Ich laste Dich nicht, bis Du mich gesegnet!" — vorbildlich hinwiesen, so haben wir heute im Hinblick auf die Ergebnisse der zweitägigen Judendebatte Zweierlei hinzuzusüaen: 1) Wenn der feindliche Nachtgeist noch nicht ganz gewichen, so ist das nur ein Beweis dafür, daß es noch nicht völlig Tag um uns her ist, daß die Sonne der Aufklärung, der Liebe und Versöhnlichkeit noch nicht über Alle aufgegangen. 2) Der Segen, der Jacob an jener Bibelstelle ertheilt wird: „Nicht mehr Jacob, sondern Israel soll dein Name sein, denn Du hast gerungen mit Gott und Menschen, und hast obgesiegt!" — dieser Segen einer richtigen Erkenntniß und Würdigung unseres Berufes als Israeliten kann uns auch aus diesen neuesten Verhandlungen über die Judenfrage ersprießen. Ringen und kämpfen wir fort und fort im edelsten Wettstreit um die heiligen und i de aIsten Güter der Menschheit, arbeiten wir unermüdlich an unserer Selbstveredlung, dann — mit Gottes und aller guten Menschen Hilfe! ü'B'JK OPI dv6x dv — kann das Urtheil der unparteiischen Geschichte dereinst nicht anders lauten, als: „Du hast ob gesiegt!" Briefe aus Breslau. Hier hat mit der Jagdsaison auch wieder, nachdem er den Sommer über einigermaßen geruht, der seit einigen Jahren hier grastirende Judensport begonnen und nimmt alle Gemüthe r in Anspruch. Die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen tragen das Ihrige zur Erhöhung des Eifers bei. Natürlich haben sich unsere Antisemiten, die hier in einer Anwandlung von Schamgefühl sich unter dem Namen „Freie Vereinigung" maskiren und zu der außer den Ultramontanen, Conservative und Mitglieder des Neuen Wahlvereins gehören, sich zusammengethan, um Juden und Judenfreunden ihre Plätze in der Stadtverordneten-Versammlung streitig zu machen. In einem Circular, unter dessen Unterschriften außer den Klerikalen auch ein Regierungs- und Schulrath nicht fehlt, fordern sie die Wähler auf, bei den nächsten Stadtverordnetenwahlen Männern ihre Stimme zu geben, die der durch die gegenwärtigen Zustände gefährdeten christliche n Bürgertugend aufhelfen sollen. Große Erfolge wird diese „Freie Vereinigung" weiter nicht haben, und ehe diese Zeilen in die Hände der Leser d. Bl. kommen, wird sich wohl herausgestellt haben, daß der Ausfall der Wahlen trotz alles aufgewirbelten Staubes an der Physiognomie der Körperschaft keine nennenswerthe Veränderung hervorgebracht hat. — Nachhaltiger, wenn auch von nicht minder kläglichem Erfolg, ist die den socialen Frieden unterwühlende Thätigkeit für die berichtigte Stöcker Petition. Die zuerst bekanntgewordenen unserer Provinz angehörigen Unterzeichner derselben haben entschieden Unglück. Da ist zuerst der General-Lieutenant v. Wulfsen Exc. Nachdem eine Reihe piquanter Anekdoten von einem Briefwechsel zwischen der genannten Excellenz und einem hiesigen, sehr achtbaren Kaufmanns bekannt geworden, in dem die Exc. sehr