Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 47. (18.11.1880)
- Date
- 1880-11-18
- Page
- Seite 396 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 396 zelner kann in solchen Dingen wenig thun. Die Schuld trifft vielfach solche Männer, die heute unsere Anklagen nicht mehr hören. Die Zeit und die vereinigte Anstrengung der Herren Rabbiner wird hoffentlich Manches beffern. .r Homburg v. d. H., 9. Nov. (Or.-Corr.) Unser Cantor Herr A. Braunschweig feierte am Sabbath Lech-lecha, das ist am 16. v. M. sein 25jäbriges Amtsjubiläum in hiesiger Gemeinde. Der löbliche Cultusvorstand ließ schon am Vorabend sein Betpult bekränzen und mit Zierpflanzen umgeben, ließ ihn zur Thora rufen — wobei der Herr Rabbiner in einem Mischeberach des Jubilars besonders gedachte — und überreichte ihm nach Schluß des Gottesdienstes in seiner Wohnung einen schönen silbernen Pokal mit paffender Inschrift. In seiner Antwort auf die Ansprache des Herrn Obervorsteher und Stadtrath W. Ackermann und auf die des Herrn Rabbiner Dr. Appel, erwiderte der Jubilar in schönen und gediegenen Worten. Letzterer wurde außerdem noch am genannten Tage von Freunden und Bekannten durch Geschenke und Besuche erfreut. In jetziger Zeit ist es doppelt erfreulich für eine Gemeinde, das Jubiläum eines Cultusbeamten zu feiern, da leider in die meisten der letzteren ein spekulativer Wandertrieb gefahren ist. Früher war das anders, die Stellen wurden provisorisch vergeben, aber die Inhaber wurden alt darin, unterrichteten, beriethen und trösteten mehrere Geschlechter. — Als Bestätigung meiner in meiner früheren Mittheilung gemachten Bemerkung über das schöne, beide Theile ehrende Verhältniß, das zwischen unserer Gemeinde und unserm jetzigen Herrn Rabbiner obwaltet, kann ich auf die vielen Aufmerksamkeiten Hinweisen, die dem Herrn Rabbiner vr. Appel gelegentlich der Rückkehr von seiner kürzlich gefeierten Hochzeit, von einer großen Anzahl der hiesigen Gemeindemitglieder durch Ueberreichung kostbarer Geschenke erwiesen wurden. (Schluß folgt) München, 12. November. Die heutige Nr. der hiesigen „Neuesten Nachrichten" bringen ebenfalls einen scharfen Artikel des Nedacteurs H. Vecchioni gegen die antisemitische Petition, deffen Schlußsätze wir hier wiedergeben: „Ob man gegen die Juden wegen ihrer Religion oder wegen ihrer Race hetzt, beides ist gleich schändlich und gleich lächerlich, beides ziemt sich gleich wenig für jene, die sich mit ihrem Christei thume ganz besonders brüsten. War doch Christus selbst ein Jude, hat er doch nur unter Semiten seine Apostel und seine Jünger gesucht und hat er doch selbst erklärt, daß es vor seinem Vater, mit dem er eins sei, keinen Unterschied des Standes, noch der Race gebe. Zur Zeit des deutsch-französischen Krieges erklärte das ganze civiUsirle Europa die Verfolgung und Vertreibung der Deutschen in Frankreich für eine Barbarei; und dennoch konnten die Franzosen zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie mit den Deutschen im Kriege seien; bei uns aber verfolgt man muten im Frieden deutsche Bürger, die zum weitaus größten Theile in Deutschland geboren sind, die bis jetzt mit uns die Leiden und Freuden, die Gefahren und den Ruhm, die Pflichten und die Rechte des Vaterlandes redlich gelheilt haben — man beschimpft und verfolgt sie lediglich, weil ihre Väter vor zehn, vor hundert, oft vor mehr als tausend Jahren in Deutschland einwanderten, weil sie „keine Arier" sind — als wenn heutzutage überhaupt noch Jemand seine directe ununterbrochene Abstammung von Ariern auch nur behaupten könnte: man verfolgt und beschimpft alle Juden, weil es unter ihnen ebenso wie unter den Christen einige schlechte Menschen giebt. Wenn sich die Judenhetzer die Mühe geben wollten, die statistischen Nachweise über Verbrechen, Vergehen und Polizeiübertrrtungen zu studiren, wenn sie nebenbei sich erkundigen wollten, in welchem Maaße sich die Juden bei öffentlichen Sammlungen für wohlthätige Zwecke belheiligen, sie müßten beschämt sich wenigstens selbst gestehen, daß sie den Splitter im Auge des Nächsten, nicht aber den Balken im eigenen Auge sehen. Uns will scheinen, daß alle jene, welche fürchten, daß die vielen Millionen christlich - getaufter Deutschen unter die „Fremdherrschaft der deutschen Juden" fallen, der Intelligenz der Deutschen ein so schmähliches Armuthszeugniß ausflellen, wie es sich kaum die Rumänen, welche ja auch die Judenhetze cultiviren, gefallen laffen dürften. Oesterreich. Wien, 3. November. (Or.-Corr.) Sonntag, den 24. v. M. fand bekanntlich, wie die meisten hiesigen Blätter berichteten, in Anwesenheit sämmtlicher Zöglinge und Beamten der Anstalt und in Gegenwart anderer zahlreicher, auch nichtjüdischer Gäste im israel. Taubstummeninstitute die feierliche Enthüllung des Hirsch-Kolisch-Monumentes statt. Wir wollen hier nicht die Lebensgeschichte und Verdienste des Mannes erörtern, dem diese Ehre zu Theil geworden, auch nicht auf die Schilderung der Vorgänge bei der Feier selbst uns einlaffen, sondern wollen uns vielmehr im Anschluß an dieses Ereigniß einige principielle Erwägungen erlauben, die auch in weiteren Kreisen des Interesses nicht entbehren dürften. — Es hi-ße Eulen nach Athen tragen, würden wir hier die fast unglaubliche Anschmiegung der Juden an fremde Sitten und Gebräuche besonders hervorheben. Aber nicht genug oft zu betonen ist es, daß diese Accommodationsfähig« keit unserer Glaubensgenossen nebst den unschätzbaren Vortheilen, die sie dem Judenthum und deffen Bekennern gebracht hat, auch nicht unbedeutende Nachtheile in sich berge. Der völlige Anschluß an das Fremde mit leichter und unbesonnener Hinwegsetzung über das Traditionelle, wird selbst von den entschiedenen Freunden des Fortschritts im Judenthume nicht gebilligt werden. — So hat aus Anlaß des erwähnten monumentalen Ereigniffes Herr vr. Jellinek in seiner Predigt am letzten Sabbath (Chaje-Sarah) mit der ihm eigenen Meisterschaft den seil Kurzem bei unfern Glaubensgenoffen, namentlich unserer Residenz. von Tag zu Tag immer mehr einreißenden Todtenkultus einer herben Kritik unterzogen. Er hob hervor, daß diese Sitte echt heidnischen Ursprungs sei und ihr Entstehen eben nur Religionen verdanken konnten, die aus Mangel an andern Mitteln der wahren Seelenbefriedigung ihre Bekenner auf die finstern Gräber und die in ihnen ruhenden Tobten verweisen mußten; eine Sitte aber, die den Princ pien der Religion des Judenthums, der Religion, die das „Es werde Licht!" auf ihr Panier geschrieben, ganz und gar widerspreche. Er radelte in scharfer Weise das Auflegen kostbarer Kränze auf die noch kostbareren Stein- und Melallsärge, er zog nicht minder heftig los gegen die Errichtung kostspieliger Denksteine und den Bau prachtvoller Mausoleen. Noch entschiedener aber sprach er sich gegen das Aufstellen von Statuen zu Ehren großer Männer in Israel aus, denn die „guten Werke!" das seien die „Denksäulen", die man sich in den Herzen der Mit- und Nachwelt iür alle ewige Zeiten errichte. Und wenn auch, meinte der schlagfertige Kanzelredner, seine Stimme die Eitelkeit und Denkfaulheit der Bewohner unserer Residenz nicht übertönen werde, so habe er es dennoch für seine Pflicht erkannt, diesen dem Judenthum neu erwachsenden Uebelstand hervorzuheben und entschieden zu verwerfen. — Die Rede hat wohl sicherlich auf sämmtliche Zuhörer und zumeist auf die davon Betroffenen die größte und nachhaltigste Einwirkung ausgeübt. 8. vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg, 14. Nov. Wie wir erfahren, hat sich die Fraciion der Fortschrittspartei in ihrer gestrigen drei Stunden währenden Abendsitzung mit der Angelegenheit der antisemitischen Bewegung und den neuesten skandalösen Vorgängen beschäftigt. Die Fraktion entschied sich für die Einbringung einer Interpellation, in welcher die an die Regierung zu stellenden Fragen unter Bezugnahme der einzelnen Punkte der gegen die Juden gerichteten bekannten Petion scharf und präcis markirl werden sollen. Die Abgeordneten vr. Virchow und 0r. Hänel sind mit der Redaction dieser Interpellation