Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 47. (18.11.1880)
- Date
- 1880-11-18
- Page
- Seite 394 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 394 — von Kapphengst die Aeußerungen anhören muffen. Von der Uebung entlassen, hat er die Angelegenheit vor das Ehrengericht gebracht; das Ehrengericht hat ein Duell für unerläßlich erklärt, und der Referendar Goldschmidt hat den Lieutenant von Kapphengst tödlich verwundet. Der „B. B.-C." schreibt über dieses traurige Ereigniß: „Die Wind gesät haben werden Sturm ernten. In Hanau wird ein antisemitischer Officier von einem jungen Mann, den er seines Glaubens wegen gedemüthigt und moralisch gemißhandelt hat, erschossen. In Berlin wird ein Oberlehrer wegen unwürdiger Hetzereien geohrfeigt. Denjenigen, die, zu den Angegriffenen zählend, muthig sich ihrer Haut wehren, wird Niemand einen Vorwurf machen können und machen wollen. Es giebt Fälle, in denen die Ehre angegriffen ist, und in denen ein Kampf auf Leben und Tod als das einzig mögliche Mittel erscheint, solche Angriffe zu sühnen. Man wird es Niemandem verargen, wenn er zur Waffe greift, um im Duell die beschimpfte Ehre seines Vaters zu rächen. Der Lieutenant, der den Referendar Goldschmidt einen „Judenjungen" betitelte, beschimpfte seine Abstammung, beschimpfte sein Herkommen, seine Geburt. Wenn jener Referendar den Lieutenant von Kapphengst niederschoß, so wird es nicht fraglich erscheinen können, auf welcher Seite die menschliche Sympathie stehen muß. Der Referendar Goldschmidt soll, wie uns versichert wird, eine Darstellung der Sachlage an den Kaiser gerichtet haben. Wir zweifeln nicht daran, daß selbst der Kaiser, da das Duell in der preußischen Armee eine anerkannte Institution ist, dem Vorgehen des Referendar Goldschmidt Zustimmung ert heilen wird." Erfurt, 10. Novbr. Die hiesige conservative „Thüringer Post" schreibt: „Man übersandte uns die gelegentlich schon signalisirte, an des Herrn Reichskanzlers Adreffe gerichtete Antisemiten-Petition*) begleitet von einem Schreiben, deffen Eingang also lautet: „Indem wir Ihnen hierdurch eine Petition, betr. die Einschränkung des Einflusses der Juden, überreichen, sprechen wir die ganz ergebene und dringende Bitte aus, Ihre Kraft und Ihren Einfluß dahin aufzubieten, das Schriftstück möglichst zu verbreiten und wirksam zu machen. Es handelt sich vor Allem darum, das Jntereffe für die in der Petition vertretene Angelegenheit in die weitesten Kreise zu bringen und eine möglichst große Zahl Unterschriften von Leuten aller geachteten Lebensberufe zu sammeln. Der generelle Erfolg unserer Adreffe, sofern sie den Charakter einer Petition hat, ist schon jetzt völlig gesichert; da sie aber zugleich auch an Form und Inhalt ein Aufruf an die deutsche Nation fein will, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie durch eine Verbreitung über alle Stände und Parteien, in allen Gegenden Deutschlands, den Charakter eines Plebiscites erhalte." „Hier unsere Gründe, weshalb wir der Petition im Papierkorbe ihren Platz anwiesen: Discutirbar als eine politische Frage ist unzweifelhaft die gegenwärtige Machtentwickelung des Judenthums im christlichen Staate; allein sie hörte auf discutirbar zu sein von dem Momente an, da der religiöse Fanatismus sie in die Hand nahm, und sich, von diesem angestachelt, der Racenhaß und der gemeine Neid herzudrängten. Von dem Moment an haben wir uns aufgefordert gefühlt, den Semitismus und diesen Antisemitismus in Bezug auf g e f ä h r l i ch e Substanzen gegen einander ab - zuwägen, und ersahen, daß der erstere weit weniger gefährlich ist, als der letztere. Auf solche Weise sind wir in die Stellung gedrängt worden, welche wir einnehmen und aus wel¬ *) Die Petition enthält, wie bekannt, folgende 4 Punkte: 1) die Einwanderung ausländischer Juden nach Deutschland einzuschränken; 2) möglichste Fernhaltung der Juden von den juristischen Verwaltungsämtern, ganz besonders von dem Amt des Einzelrichters; 3) an christlichen Schulen, selbst wenn jüdische Kinder dieselben besuchen, Juden nicht als ordentliche Klassenlehrer, und andere jüdische Lehrer an den erwähnten Schulen nurin besonders molwirten dringenden Ausnahmesällen anzustellen und 4) eine amtliche Statistik über die Berufsstellungen der Juden in Deutschland wieder einzuführen. (R:d. d. ,Jsr- W."j cher uns der an sich nicht unsanfte Tenorlder Petition nicht herauslockt. Zudem giebt das Datum, welches die Nummer unserer Zeitung trägt und welches uns den Tag zurückruft, an welchem Luther das Licht der Welt erblickte, zu denken. Es heißt nicht, der historischen Größe des Mannes zu nahe treten, wenn wir uns an diesem Tage des Bundes zwischen Religion und Politik erinnern, aus welchem die Greuel eines Krieges entsprangen, wie man -sie sich fluchwürdiger, entsetzlicher nicht denken kann. Wir mögen keinen „modernen Luther!" Das Fähnlein, das ihn möchte — das ist nicht das unsere!" Danzig, 3. November. Gestern von Bormittag 10 Uhr ab hielten im Gewerbehause 141 Rabbiner Ost- und Westpreußens eine Versammlung ab behufs Gründung eines Verbandes zur Wirsamen und einheitlichen Förderung der ihnen anvertrauten Jntereffen. Nächst diesem allgemeinen Zwecke der in § 1 der Statuten ausgedrückt ist, stellt sich der Verband noch die Aufgabe, alle gemeinsamen Angelegenheiten in Bezug auf die rechtliche und sociale Stellung der Bekenner der jüdischen Religion und die Abwehr von Angriffen auf dieselbe wahrzunehmen. Auch will der Verband das Jntereffe für den Religionsunterricht, namentlich in den Gemeinden, die eines solchen entbehren, wecken, besonders soll durch Herstellung eines möglichst einheitlichen Schul- und Lehrplanes und durch die Ausbildung geeigneter Lehrkräfte diesem Ziele zugestrebt werden. Von diesem Gesichtspunkte aus soll auch Anregung zur Anstellung von Wanderlehrern für benachbarte Gemeinden, die nicht im Stande sind, aus eigenen Mitteln für den Religionsunterricht zu sorgen, von Seiten des Verbandes gegeben werden. Endlich sollen die Ziele des deutsch - israelitischen Gemeindebundes und der allgemeinen israelitischen Allianz unterstützt werden. Die Sitzung wurde Nachmittags 3 Uhr vertagt und es vereinigte dann ein gemeinschaftliches Diner die Mitglieder des Verbandes, worauf um 5 Uhr Nachmittags die Verhandlungen wieder ausgenommen wurden. Abends um 7 Uhr schloß die Versammlung, nachdem alle Paragraphen des Statuts durchberathen und angenommen worden waren. Die Versammlung erklärte schließlich, daß der Verband stets nur die drei wichtigsten Angelegenheiten des Religionslebens; Religionsschule, Armenpflege und Glaubensvertheidigung in den Kreis seiner Berathungen ziehen werde. Als Ort für den nächsten Verbandstag wurde T h o r n und zu Ausschußmitgliedern wurden die Herren Rabbiner DDr. Bamberger - Königsberg, Oppenheim - Thorn und Rosenstein - Graudenz gewählt. Abends 7'/, Uhr folgten die Mitglieder der Einladung zu einem von Seiten der hiesigen israelitischen Gemeinden veranstalteten Souper. Dasselbe fand im neu erbauten Kaisersaale statt. Gegen 120 Personen nahmen an demselben Theil, und es herschte die fröhlichste harmonischste Stimmung bei allen Theilnehmern. Dazu würzten die theils ernsten theils humoristischen Tischreden und Toaste, von denen das erste Wort dem Kaiser und seinem Hause galt, das Mahl in anregendster Weise. -- Heute Morgen um 9 Uhr trafen die Mitglieder des neubegründeten Verbandes zu einer nochmaligen Sitzung zusammen, in welcher noch verschiedene Berufsangelegenheiten besprochen wurden. (Danz. Ztg.) Stettin. (Or.-Corr.) Am 4. Oktober fand Hierselbst die Generalversammlung der Mitglieder des „Vereines jüdischer Lehrer in Pommern" statt, an welcher sich eine beträchtliche Anzahl von Lehrern und Rabbinern der Provinz und mehrere Vorstandsmitglieder und Repräsentanten der Stettiner Gemeinde betheiligten; auch der Rabbiner und ein Repräsentant von Prenzlau waren erschienen. Aus dem Berichte, den der provisorische Vorsitzende des Vereines, vr. Vogel st ein, erstattete, geht hervor, daß der Verein bereit- 28 ordentliche Mitglieder zählt, (26 aus Pommern, 2 aus Brandenburg) und daß 8 Synagogen Pommerns und 12 Privatpersonen — 11 aus Pommern, 1 aus Brandenburg — dem Vereine als außerordentliche Mitglieder beigetreten sind. (Inzwischen sind noch 20 neue außerordentliche Mitglieder hinzugekommen.)