Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 47. (18.11.1880)
- Date
- 1880-11-18
- Page
- Seite 393 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wirklich College« sein, welche mit den antisemitischen Bestrebungen symxathisiren, so würden diese hier keinen Boden finden. Was nun das Thatsächliche anlangt, das unserer Anfrage zu Grunde liegt, so darf ich wohl voraussetzen, daß Sie das Wesentliche in den heutigen Zeitungen werdm gelesen haben. Es handelt sich um die Gymnasiallehrer vr. Förster und vr. Jungfer, welche Beide am Friedrichs-Gymnasium unterrichten. Der V'M ihnen in einem Pferdebahnwagen Beleidigte in ein in seiner Stadtgegend wohlbekannter und bescheidener Mann, Edmund Kantorovicz, einer von fünf oder sechs Brüdern, die sämmtlich dem Vaterlande gedient haben. Zur Charakteristik des Herrn vr. Förster glaube ich noch anführen zu müssen, daß er aus seiner antisemitischen Anschauung auch früher schon kein Hehl gemacht hat. Bei der letzten Sedanfeier erdreistete sich ein Obersecundaner der Anstalt, den Juden ein Pereat zu bringen. Während der Direktor der Anstalt, Herr vr. Kämpf, diesen unreifen Burschen sofort nach Hause schickte, konnte Herr vr. Förster nicht umhin, ihm sein Einverständniß mit dem Bemerken zu erkennen zu geben, daß die Zeit für so öffentliche Agitation gegen die Juden nur noch nicht gekommen sei. Ein solches Verhalten wirkt für die Jugend geradezu wie Gift, was hier um so mehr der Fall ist, als das Friedrichsgymnasium einen erheblichen Procentsatz von Schülern jüdischer Confession aufzuweisen hat. Unter den Schülern der Anstalt ist es denn auch eine belannte Thatsache, daß die beiden Herren antisemitischer Gesinnung sind. Die Folge davon ist denn auch, daß tnanche Schüler die Anstalt verlassen. Die antisemitische Petition des Herrn Hofprediger Stöcker ist von diesen beiden Herren unterzeichnet, und als dritter gesellt sich zu ihnen ein Herr Oberlehrer Brecher, der sich nur „Lehrer der Kriegsakademie" nennt. Mit der Unterzeichnung dieser Petition, welche die National- Zeitung mit Recht eine ungeheuerliche nennt, sind diese Herren einfach Agitatoren, die nicht auf derjenigen sittlichen Höhe stehen, welche wir von einem Lehrer unserer Jugend beanspruchen dürfen. Sie gehören nicht in unsere Anstalten, in denen der Geist des Friedens, der Freiheit, der Eintracht und Toleranz mit Rüäsicht auf die confessionellen Verschiedenheiten ihrer Besucher walten muß. Mögen sich die Herren einen anderen Wirkungskreis, vielleicht an einer christlich-socialen Anstalt des Herrn Stöcker, suchen — bei uns kann ihres Bleibens nicht mehr sein. Diese Stöcker'sche Agitation mit allen daran sich knüpfenden Consequenzen ist ein Auswuchs unserer Zeit, die jeder anfrichtige Freund der Menschheit aufrichtig bedauern muß. Ich schließe mit den Worten einer hochgestellten Person: (des Kronprinzen) „Diese Judenhetze ist eine Schmach für das neunzehnte Jahrhundert " (Großer Beifall.) Stadtschulrath vr. Cauer: Er erkläre sich vollständig einverstanden mit Allem, was der Herr Vorredner über den höchst bedauerlichen Vor all gesagt habe. ^Beifall.) Derselbe sei aber noch so wenig aufgeklärt, daß der Magistrat als solcher noch nicht habe Stellung dazu nehmen können. Er seinerseits könne versichern, daß der Bericht in den Zeitungen in allen Hauplzügen als correct von den betreffenden Personen anerkannt sei, nur habe Kantorowicz sich in beiden Personen geirrt, er habe dieselben mit einander verwechselt. Er (Redner) habe einen ausführlichen schriftlichen Bericht von Kantorowicz in Händen und außerdem einen Bericht vom Direktor Kempf erhalten, von dem er übrigens soeben komme. Derselbe habe ebenfalls einen Bericht an das Provinzial-Schulcollegium gerichtet mit dem Anträge auf Einleitung einer Disciplinar- Untersuchung Er könne versichern und Herr Direktor Kemps habe ihn gebeten, dies hier zum Ausdruck zu bringen, daß er außerordentlich entrüstet sei über die Haudlungsweise seiner Lehrer. (Beifall.) Darin sei also die Stellung des Direktors völlig conform mit derjenigen, welche jeder redlichdenkendeMenschin dieser Angelegenheit einneh men müsse Die Disciplinarbehörde über die höheren Lehranstalten sei bekanntlich das Provinzial-Schulcollegium und der Magistrat könne seinerseits wenig thun. Er werde den Bericht einreichen mit der dringenden Bitte aus eingehende Untersuchung und event. strengste und nachdrücklichste Bestrafung der beiden Lehrer. Ein Auftreten dieser Art, d. h. ein Eintreten in eine so verwerfliche Agitation gefährde allerdings die Stellung der Lehrer im höchsten Maaße. Der Magistrat werde also Alles thun, um Sühne zu erlangen, er bitte aber die Entrüstung nicht über den einzelnen concreten Fall auszudehnen und sich versichert zu halten, daß dies eben nur einzelne Ausnahmen seien, denn er habe schon Beweise in Händen, daß das Gros des Lehrerstandes sich ebenfalls mit Entrüstung fern halte von falschen Agitationen. Er vertraue, daß auch die höhere Schulbehörde diesen Standpunkt theilen werde! (Beifall.) Auf Autrag des Stadtv. vr. Langer Hans wird eine Besprechung der Interpellation beschlossen. Stadtv. vr. Lang erhans: Er habe diese Besprechung nicht beantragt, um diese für alle gebildeten Leute so trübe Angelegenheit noch weiter aufzurühren, sondern um Zeugniß abzulegen, daß die Berliner Bürgerschaft jede Gemeinschaft mit jener wüsten Antisemiten-Agitation weit von sich weise. (Bravo!) Also, soweit seien wir schon gekommen, daß unsere jüdischen Mitbürger auf offener Straße und von Leuten, welche doch zu den Gebildeten gezählt sein wollen, mit Jnjektiven angefallen werden! Er halte die Versammlung für verpflichtet, öffentlich zu erklären, daß sie diese Art der Behandlung unserer hochgeachteten jüdischen Mitbürger für eine niedrige und schmachvolle hält. (Sehr wahr!) Es sei Pflicht jeder gebildeten Gesellschaft, gegen derartige Unfläthigkeiten aufzutreten. In der Versammlung und im Magistratskollegium sitzen auch hochverdiente lüdische Mitbürger. die sich Jahre lang in vollster Selbstlosigkeit und mit Opferung ihrer besten Kräfte dem Dienste der Stadt weihen; auch sie müsse man energisch gegen solche Unfläthereien in Schutz nehmen. (Sehr richtig!) Es sei bedauerlich, daß sogenannte gebildete Leute solchen Hetzereien sich anschließen. Die Säle, in denen dieser Judenhaß gepredigt werde, seien stets voll, wie ja die Säle immer voll seien, wo Haß, Neid und Jntriguen die Hauptrolle spielen. Der wahre Grund der Judenhetze sei der Neid darüber, daß Diejenigen, die Jahrhunderte lang verfolgt sind, sich so weit herausgearbeiter haben, daß sie geachtete Stellungen einnehmen und an der Mission der Geschichte nach Kräften Mitarbeiten. (Lebhafter Beifall.) Daß dieser Vorfall fast in der gesammten Berliner Presse lebhaft discutirt wird, ist selbstverständlich. Die „Bost Zkg." kommt zu dem Resultat: „Es wirft sich von selbst die Frage auf. ob diese beiden Herren geeignete Lehrkräfte an einer Anstalt sind, die von christlichen wie jüdischen Schülern besucht wird. Daß ein so ausgesprochener und fanatischer Judenhaß es den Herren ermöglichen sollte, mit gleicher Unparteilichkeit und Hingabe jüdischen wie chriiilichen Kindern gegenüber ihr Lehramt zu bethätigen, das ist schwer zu glauben, und man darf gespannt darauf sein, nachdem die Angelegenheit beim Direktor der Anstalt anhängig gemacht ist, wie die Schulbehörden sich dazu stellen werden." Sogar die „Germania" verurtheilte das Benehmen der Herren vr. Förster und vr. Jungfer. Sie schreibt: Mit einem überraschenden Mangel an Anstand und Männlichkeit scheinen — wenn man den Berichten der jüdischen Gegenpartei und der „liberalen" Blätter trauen darf — zwei Herren, welche zu den Faiseurs der antisemitischen Petition zählen, ihre Agitationen zu betreiben, vr. Förster, Lehrer an der Kunstschule in Charlottenburg. und vr. (Jungfer, Gymnasiallehrer, sollen in einem Pferdebahnwagen in verletzendem Tone die Judenfrage discutirt haben, um zwei anwesende Juden zu kränken. Bei dem entstandenen Wortwechsel — so wird berichtet — sei vr. Förster von Herrn Edmund Kantorowicz, wegen einer persönlichen Grobheit geohrfeigt worden; das Publikum, welches für den Juden Partei nahm, habe ihn an der Erwiderung der Ohrfeige gehindert, vr. Jungfer habe als Cartellträger dem Herrn Kantorowicz für den nächsten Tag seinen Besuch angekündigt. Statt besten aber sei Letzterem ein grober Brief von Herrn Förster zugegangen, worin derselbe seinen Gegner („theils auf Grund Ihres heutigen Benehmens, theils auf Grund anderer Mittheilungen, nach dem Urtheile aller sachkundigen Männer") für völlig satisfactionsunfähig erklärt und die Civilklage in Aussicht stellt. — Wenn diese bisher nicht dementirten Angaben des Herrn Kantorowicz richtig sind, so haben die beiden Lehrer, welche sich zu Verlheidigern des Deutschthums aufwarfen, die schärfste VerurtHeilung verdient. Abgesehen von dem schwer begreiflichen Benehmen nach empfangener Ohrfeige, haben die H'rren durch die gehässige Kränkung von Leuten, die ihnen persönlich keinen Anlaß gaben, sich gröblich gegen die gute Sitte und das christliche Gebot der Nächstenliebe vergangen, wofür sie mit Rücksicht auf ihren Beruf doppelten Tadel verdienen." Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Ein Duell ist das Gespräch des Tages. Das Duell hat bei Hanau stattgefunden und der Premierlieutenant von Kapphengst i>t von dem „jüdischen Referendar" Herrn Goldschmidt tödtlich verwundet worden. Der Premierlieutenant von Kapphengst hatte auf die Nachricht, daß Goldschmidt sein Officier-Examen machen wollte, geäußert: „Der Judenjunge kann thun, was er will, in das Officircorps nehmen wir ihn nicht auf". Zu einer andern Zeit, als es sich um dre Quartiervertheilung der Einjährig-Freiwilligen bei dem Mannover handelte, hatte der Premierlieutenant von Kapphengst dem Feldwebel die Ordre ertheilt: „Die jungen Man* ner bringen Sie mir gut unter, was den Judenjungen betrrstt, so möge er sehen, wo er bleibt". Herr Goldschmidt hatte dabei gestanden und als Untergebener des Lieutenants