Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 45. (4.11.1880)
- Date
- 1880-11-04
- Page
- Seite 378 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584241--4322-9584245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 378 — Abgeordneten vom 12. März von der Regierung ernannt, bestehend aus 12 der Hauptstadt und 12 der Provinz angehörenden Mitgliedern. Die Ueberstcht der abgehaltenen Vorlesungen zeugt davon, daß die Anstalt auf der Höhe der Zeit steht, daß die Schüler in allen für einen jüdischen Theologen wichtigen und nöthigen Disciplinen unterwiesen werden. Gründlichen Unterricht in den biblischen Fächern und den damit zusammenhängenden Nebenstudien ertheilten die Professoren vr. Bacher und Deutsch. — Tiefeingehende Vorträge aus Talmud halten die Professoren Blojch und Brill; Ersterer auch aus den Codices. — Jüdische Geschichte. Religionsphilosophie und Homiletik ist vortrefflich vertreten durch Prof. Dr. Kaufmann, der in diesem Jahre den Bericht durch eine sehr werthvolle Abhandlung: „Die Spuren Al BatlajusiS in der jüdischen Religionsphilosophie." Nebst einer Ausgabe der hebräischen Uebersetzungen seiner „Bildlichen Kreise", geschmückt hat.*) — Tüchtige Kräfte leiten den Gymnasialunterricht. — Don Jahr zu Jahr mehrt sich die Anzahl der Schüler, im verstoßenen Schuljahre besuchten die Anstalt 39 Schüler. — Ein Verein „Ez Chajim" wurde zur Unterstützung der hilfsbedürftigen Schüler gegründet, der im ersten Jahre seines Bestehens schon an ordentlichen Jahresbeiträgen 1460 fl. 50 Kr., an Gründungsbeiträgen 1496.50 fl. erhalten hat. Das Vermögen des Vereins beläuft sich gegenwärtig auf 4654.16 fl. in Baarem, und 5350 fl. in Werth- Papieren. Der Minister für Cultus u. Unterricht bewilligte für das vergangene Schuljahr zur Unterstützung der Zöglinge aus dem isr. Lande-- Schulfonds 15,00 fl.; 5 Schüler wurden von dem isr. Landes - Stipendienverein mit Stipendien von je 50 fl. bedacht; ein Hörer der oberen Abtheilung erhielt ein Freiherr v. Königswarter'fchers Stipendium vom Vorstande der Wiener isr. Cultusgemeinde im Betrage von 470 fl. und die B a j a e r Cultusg. gründete eines von 30 fl. An Unterstützungen verausgabte der Ez Chajim-Verein 180Z 65 fl. Von Nah und Fern, aus dem In- und Auslande wurden der Bibliothek namhafte Schenkungen gemacht, die in einem besonderen Anhänge genau verzeichnet sind. — Die Lehrmittel wurden sehr bereichert; für die Bibliothek bewilligte das hohe Ministerium alljährlich 1000 fl.; ansehnlich ist bereits das physikalische und naturhistorische Kabinet ausgestattte; erstereS ist durch Ankauf, letzteres sowohl durch Ankauf als durch Schenkungen erweitert worden. — Nach allen Richtungen zeigt sich der erfreulichste Fortschritt und das beste Gedeihen; möge das so herrlich begonnene und fortschreitende Werk stetig wachsen und gedeihen zum Heile des ung. Juden- Ihums und zur Freude aller seiner Bekenner. Nußland. Petersburg. „Hameliz" legt die Gründe klar, welche Herrn Lederbaum bewogen haben, den Lutostansky zur Disputation aufzufordern. Darunter ist auch der: L. hat die Gunst eines hochgestellten Herrn gewonnen, der das Geld für den Druck der Schmachschrift hergiebt, die er auch in's Deutsche übersetzen lassen will! Mit Recht weist Herr Z. darauf hin, wie diese Ausgeburten der Lüge im Volke verbreitet werden und ohne Widerlegung bleiben, da die Gegenschriften nicht gelesen und selbst von den Zeitungen kaum erwähnt werden. Deshalb war es ihm darum zu thun, die Unwiffenheit des Menschen, der nicht einmal hebräisch lesen kann, zu erweisen — da dieses Faktum in alle Zeitungen in Rußland wäre verkündet worden. Wie Lut. die Disputation abgelehnt, wissen wir schon. Durch eine Mittelsperson versuchte er Herrn Z. durch Drohungen zu erschrecken und endlich wurde zu verstehen gegeben, für eine anständige Summe dürfte L.'s Schweigen zu erkaufen sein. L. hat Z. wirklich wegen Beleidigung verklagt und ist der Termin bereits anberaumt. — Der Friedensrichter hat am 6' October L.'s Anklage als eine„v erleumderisch -"erklärt und der Vertheidiger Zederbaums dieGelegenheit benutzt L.'s unsauber» Lebenslauf in allen Details zu enthüllen. Wir gratuliren Herrn Zederbaum zu diesem Erfolge! — An demselben Tage wurde in der Synagoge in der Straße Qouchowsky die Schule feierlichst eingeweiht, welche ehemalige und active Soldaten für etwa 100 Kinder errichtet haben. Besonders bemerkenswerth ist dabei, daß ein Unteroffizier der Leibgarde, Abraham Blüthenthal, alle 100 Kinder hat neu kleiden lassen, was ihm eine Ausgabe von mehr als 30 JO Rubel verursacht hat, und einen Kronleuchter nebst ewigem Lichte zum Andenken an die verstorbene Kaiserin gestiftet hat. Petersburg. Der Bericht des Vereins zur Verbreitung der Bildung unter den Juden Rußlands bezeugt das wohlthätige Wirken desselben. Für die Uebersetzung von Graetz sind 1500 Rubel bestimmt, für die jüd. Bibliothek (russisch) 500 und aus Privatmitteln ebensoviel; 6 andere Werke wurden in mehreren Exemplaren für etwa 300 Rubel angekauft. Lehrer an 15 Schulen wurden mit 1486 Rubel, Schüler und Schülerinen an 9 Hochschulen und verschiedenen anderen Anstalten mit 4575 Rubel unterstützt. Daneben schenkte man an Rabbiner, Lehrer, Schüler und Bibliotheken 1455 Werke, 20 Landkarten, 20 naturwissenschaftliche Zeichnungen, 1 Rechenmaschine, 1 Tellurium und Lunarium. (Hameliz.) Das jüd. Theater in Petersburg, von dem alle politischen Zeitungen Deutschlands gesprochen, existirt nicht, sagt der wohlunterrichtete „Hameliz", der iu Petersburg erscheint. Nicht „Postmeister", wie Arch. isr. gemeldet, sondern Posthalter dürfen Juden in Rußland werden, d. h. sie stellen die der Post nöthigen Pferde, damit erlangen sie nicht die Stellung eines Beamten. — Ein Soldat schildert im „Hameliz", wie leicht und angenehm jetzt der Soldatendienst gegen früher ist. In 4 Monaten werden die Rekruten au-gebildet. Thätliche Mißhandlung sind strengstens untersagt. Nur weil die Juden zumeist Dexterität besitzen, (! O, „Ausland!") wird ihnen das Lernen leicht. Dann lernen sie Schreiben und Lesen und werden im zweiten Jahre schon Unteroffiziere. Nach 3 Jahren werden sie wieder entlassen. Die 1877 Eingetretenen sind bereits zu Hause und sind berechtigt, nach kurzem Besuche der Militärschule das Offizierexamen zu machen. — Nach dem „Golos" ist das Gesuch aus Kiew, dort Synagoge und Bethaus bauen zu dürfen, rundweg abgeschlagen worden. Palästina. Jerusalem. Im „Hamaggid" ertönt wieder die St'mme aus Palästina, welche vort die „hebr. Sprache" als Unterrichtssprache forvert. Sicherlich ist es keine Utopie, sondern eine einer ernsten Beachtung werthe Forderung: Die hebr. Sprache soll wieder lebendig werden, nicht in Europa oder sonst in fremden Landen, sondern in ihrer Heimath. Jedoch der Prophet dieser Forderung macht sich's zu leicht. Er berührt die Fragen: wie wird's zu ermöglichen sein, wie steht's mit dem Elternhause, wie mit der praktischen Vorbildung für's Leben", gar nicht, denn von seinem pädagogischen Standpunkt aus ist's ein Leichtes, daß so ein jüdisches Kind neben dem Hebräischen, Türkisch, Arabisch, Französisch und Englisch lernen soll. Denken wir uns einen Menschen, den Mutter Natur zum schlichten Handwerker, Ackerer oder Handelsmanne bestimm! hat und der als nothwendige Grundlage aller weiteren Bildung sich erst 5 Sprachen theoretisch und praktisch zu eigen machen muß! Die erste Forderung, die der Palästinenser andeutet, aber nicht auszusprechen wagt, ist: Laßet alle europäischen Sprachen aus dem Lehrplane der Volksschule fort. Erst in die höhere Schule nehmet diejenige derselben auf, welche dem Beamten und Großhändler rc. erfordert ist. Dann bleibt: Hebräisch, Türkisch und Arabisch. Nach unseren Begriffen noch immer viel zu viel für eine Volksschule. Könnte auch das Türkische gestrichen werden, dann ließe sich über den Plan, das Hebr. zu Unterrichts- (* Dieselbe wird im „Jüd. Literaturbl." näher besprochen werden.