Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 45. (4.11.1880)
- Date
- 1880-11-04
- Page
- Seite 377 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 377 — Stralsund. Der „N. St. Z." wird von hier geschrieben: ffg ist in Wahrheit ein große- Glück für unsere jüdischen Mitbürger, daß der fanatische Geist des Mittelalterdurch allgemeiner gewordene Bildung in dem Maße nicht mehr Grund und Boden finden kann wie früher. Wäre diese Errungenschaft nicht, die Gegenwart erlebte eine Verfolgung dieses Völkerstammes, wie sie nicht schauerlicher in der Geschichte der Vergangenheit erhalten ist. Nicht wenig betrübend ist es, die Anstachelung zur Unterdrückung der Judsn von Personen ausgehen zu sehen, die eine hervorragende Stellung als Verkünder des Christenthums einnehmen, defien Gebot die Liebe gegen den Nächsten ist. An vielen Straßenecken klebt hier seit wenigen Tagen eine Aufforderung zum Abonnement auf eine „Wahrheit" betitelte Wochenschrift, die sich als eine antisemitische bekundet und es als Pflicht jedes Patrioten hinftellt, ihren Abonnentenkreis zu erweitern. Von welchem Geiste dies Blatt erfüllt ist, mögen die zu demselben gehörtgen Lithographieen zeigen, die durch „Sonst" und „Jetzt" überschrieben zwei Situationen dem Beschauer darbieten, die die Vergangenheit und Gegenwart eines Gewerkes darstellenoffenbar um den Haß gegen die Bekenner des Judenthums anzustacheln. Auf einem Bild speist ein Schneidermeister mit seiner Familie, seinen Gesellen und Lehrlingen, die alle ganz^ behäbig aussehen, während aus dem andern ein verkümmerter Schneider einem protzenhaft dargestellten jüdischen Kleiderhändler eine angefertigte Arbeit demüthig überreicht. Das schöne Machwerk ist aus einer Buchdruckerei in Berlin hervorgegangen. Dürfte, jr müßte nickt eine solche Aufreizung zur Judenbetze als den öffentlichen Frieden störend und dem Geiste des Christenlhums entgegen, verboten werden?" Das die Menschen der Stimme der „Wahrheit" nicht immer zugänglich sind, ist eine alte Wahrheit. Red.) Cassel (Provinz Heffen), Anfangs Oct. (Or.-Corr.) In der gegenwärtigen Zeit, wo ein großer Theil der Preffe es sich zur Aufgabe macht, gegen das Judenthum in feindseligster Weise vorzugehen und Abänderungen der bestehenden preußischen Staatsverfaffung anzustreben, welche darauf hinauslaufen sollen, daß israelitische Staatsangehörige von öffentlichen Aemtern fern gehalten werden, ist es doppelt betrübend, zu erfahren, daß man, noch bevor in dieser Hinsicht eine Abänderung des Art. 4 und 12 der preußischen Staatsverfaffung ftattgefunden hat, schon begonnen haben soll, einen mit amtlichen schriftlichen und mündlichen Anerkennungen in Bezug auf Leistung und Qualification bedachten israelitischen angehenden Beamten von der Verleihung einer Local-Beamten-Stelle auszuschließen. Der Betreffende — resp. Betroffene — ist seit 15 Jahren (mit kurzer Unterbrechung) mittel- und unmittelbar für den Staat beschäftigt, seit 6 Jahren Regierungs - Superumerar bezw. Büreau-Hülfsarbeiter bei hiesiger königlicher Regierung und im Besitze der besten Zeugnisse von königlich preußischen Behörden. Demselben soll, wie man erfährt, vor einigen Wochen die Mittheilung geworden sein, daß er als Jude eine Stelle als Kreissecretair, um die er sich beworben habe, nicht erhalten könne, obwohl die königliche Regierung, Abtheilung des Innern, unterm 14. September cr. seine zureichende Vorbildung dazu anerkannt hat. Da derselbe auch in anderer Beziehung bei (Besetzung von Steuerempfänger-Stellen), zu welchem Posten seine Qualifikation ebenfalls schriftlich nachgewiesen ist, schon zurückgesetzt worden, so hat er sich mit einer Beschwerdeschrift an das königliche Gesammt- Staat-ministerium gewandt. Man ist auf Entscheidung sehr begierig, umsomehr als esich um eine wichtige Principienfrage handelt, an welcher verfassungsmäßig das ganze Judenthum in Preußen betheiligt ist; sie darf darum der Oeffentlichkeit nicht entzogen werden, doch enthalten wir uns aus Vorsicht jeder Namennennung. E. Marburg, im Oktober. (Or.-Corr.) Mit diesen Zeilen sei eS mir gestaltet, eine- Vereins zu erwähnen, dessen Zweck die größte Förderung verdient. ES ist dies der seit 2 Jahren in Cöln a. Rh. bestehende „Cölner Unterstützungsverein für Israeliten", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, in die blutenden Herzen seiner armen Brüder und Schwestern Balsam zu gießen; d. h. denselben monatliche Unterstützungen zukommen zu laffen. und ferner insbesondere darauf bedacht ist, momentane Unglücksscenen, wie Todesfälle, langwierige Krankheiten rc. den Leidtragenden durch fortwährende Unterstützungen zu erleichtern. Daß der Zweck dieses Vereines von vielen hoch geschätzt und geachtet wird, möge daraus hervorgehen, daß es diesem Vereine bereits möglich war, in dem ersten Jahre seines Bestehenetwa 500 Rm., und wie derselbe bereits bis jetzt sehen kann, in dem zweiten Jahre bedeutend mehr an Arme und Leidtragende zu vertheilen. Doch wenn dieser Verein allen an denselben gerichteten Ansprüchen entsprechen soll, so ist es unbedingt erforderlich, daß mitleidige begüterte Glaubensgenoffen denselben in jeder Weise unterstützen. In der That hat derselbe bereits in letzter Zeit mehrere größere Geschenke aufzuweisen, doch mögen mit diesen Zeilen alle diejenigen unserer Glaubensgenoffen, welche ein wahrhaft jüdisches Herz haben, gewonnen werden, diesen heiligen und schönen Zweck zu fördern. Wenn es diesem Vereine gelingt, noch viele Mitglieder zu sammeln, so wird derselbe auch im Stande sein, Arme aus allen Gegenden zu unterstützen. Der Mitgliedsbeitrag, minimmn 20 Pf. pro Monat; (natürlich ohne der Mildthätigkeit Schranken zu setzen) ermöglicht es einem Jeden, selbst denjenigen, welche noch so sehr in Anspruch genommen sind, diesem schönen Vereine beizutreten. Der Verein, vom königlichen Polizeipräsidium zu Cöln genehmigt, erfreut sich wegen seines jüdisch parteilosen Standpunktes eines sehr guten Rufes, und werden die Herren Rabbiner Dr. Frank und Dr Plato daselbst gerne bereit sein, diesem Vereine die besten Zeugniffe auszustellen. Diejenigen Damen und Herren, welche gesonnen sind, diesem Vereine beizutreten, werben höfl. ersucht, sich entweder an den Präsidenten des Vereines: Herrn Edmund Moritz, Cöln, (Lungengaffe 28), oder an den Cassirer Herrn Isaak Wolfs, (Mauritiussteinweg 15) zu wenden, dieselben werden gerne bereit sein, nähere Auskunft zu geben, oder event. Zustellung der Statuten als auch nähere Bestimmungen über die Abhaltung der Versammlungen rc zu bewerkstelligen. Außerdem werden alle Blätter, in welchen dieser Artikel steht, die Güte haben, neue Mitglieder aufzunehmen, sowie Geschenke für diesen Verein entgegenzunehmen und werden alsdann den verehrten neuen Mitgliedern, als auch den Gebern, die nöthigen Copialien seitens des Vorstandes übermitteln. Oesterreich. Budapest. Die von Jahr zu Jahr erscheinenden Berichte der ungarischen Landes-Rabbinerschule sind vollkommen geeignet, auch dem der Anstalt Fernerstehenden einen genauen Einblick in die inneren Verhältniffe, sowohl in didaktischer als in administrativer Hinsicht zu gewähren. Zweck und Absicht des Lehrkörpers kann ebenso gut als besten Lehrthätigkeit, wie auch die Lage um die Verhältniffe der Hörer daraus entnommen werden. — Sicher schreitet die Schule, in ihren sich selbst vorgezeichneten Bahnen und legt den Keim zu reichern Erträgniffe; von den Besten des Landes wird sie gefördert, die Regierung hat sie mit der größten Liberalität ausgestattet und greift überall unterstützend ein, wo es etwa Noth thut. Die höchste Unterrichtsbehörde des Landes wendet ihr ein stetes Augenmerk zu, und der Minister für Cultus und Unterricht beehrt sie alljährlich mit seinem Besuche. Das verflossene Schuljahr brachte ihr die Anerkennung des gesetzgebenden Körpers, des Hauses der Abgeordneten; in öffentlicher Sitzung wurde es betont, daß „das Erblühen der Anstalt einen Gegenstand von vaterländischem Interesse bezeichne". Ein Leitung-- und Beaufsichtigungscomits wurde im Sinne des BeschluffeS der