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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-11-04 · N° 45. (4.11.1880) · p. Seite 376

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 45. (4.11.1880)
Date
1880-11-04
Page
Seite 376 (sequence 2)
Language
German
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— 376 — die Gesammtheit der Juden repräsentirt, in so weit ihr hin» durch keine finanziellen Schwierigkeiten erwachsen. Dir Regierung würde alsdann mit der Constituirung der einzelnen Gemeinderepräsentanten, mit den Verhandlungen über Errichtung von Schulen, Einrichtung des Religionsunterrichts u. dgl. m. in den einzelnen Gemeinde-Arbeiten, welche für die Verwaltungsbehörden oft recht unerquicklich und zeitraubend sind, nichts mehr zu thun haben, vielmehr die Sache an die jüdischen Behörden verweisen können. Er wird dagegen die größte Schwierigkeit haben, seitens der Juden beziehentlich deren Gemeinde selbst geeignete Vorschläge formuliren zu lassen, und wäre es erforderlich, hier die Hebel anzusetzen und auf diesem Gebiete eine Agitation hervorzurufen, wenn auch vorläufig nur durch Aeußerungen der Presse. _ Metz. Baurath Edwin Oppler. Edwin Oppler todt. Am ersten Tage unseres Neujahrfestes hat er allzufrüh seine irdische Laufbahn beschloffen. Und wenngleich viele Leser dieses Blattes, wie jüdischer Blätter überhaupt, bis zu dieser Trauerkunde den Namen Oppler's kaum früher gehört haben werden, so verliert dennoch das Judenthum in ihm einen seiner genialsten, besten Söhne, besten Namen noch fortleben wird, wenn viele weit populärere längst der Vergessenheit anheim gefallen sein werden. Oppler's Namen gehört in hervorragendster Weise der Kunstgeschichte der Jetztzeit an, er war — wie das von Fachgenosten uneingeschränkt zugestanden wird, — einer der talentvollsten, vielseitigsten und gesuchtesten Baumeister der Jetztzeit, ein Künstler auf breitester Grundlage; für uns, sein Volk aber, war er noch mehr. Für uns Juden war er der Bahnbrecher auf einem bis dahin von uns ganz unbebauten Gebiete, der echte Nachkomme Bezalel ben Uri's, der Mann, der ein Jahrhunderte altes Vorurtheil,— als fehle uns das Talent für diesen Kunstzweig — mit einem Hiebe zu Boden schlug. Und das rechtfertigt es wohl, auf sein Leben und Wirken an dieser Stelle des Specielleren einzugehen. Es war im Anfang der fünfziger Jahre, als, angelockt von dem gutem Rufe des unter des berühmten Karmarsch Leitung stehenden Pelitechnikums in Hanover ein kleinerziemlich schmächtiger junger Mann in die Thore Hanovers einzog, um speciell zu den Füßen des Meisters Haase seinen architectorischen Studien zu obliegen. Haase galt schon damals in der Architectur-Wissenschaft für einen Meister ersten Ranges, der die mittelalterliche deutsche Kunst zu neuem Leben erweckte. „Ein glücklicher Stern" sagt mit Recht, ein competenter Beurtheiler des „Hann.-Cour." dem wir das Nachstehende entnehmen, „führte Oppeler eben hierher wo sich derselbe mit regem Eifer dem Studium der Archiuctur hingab. Sein ungewöhnliches Talent zum Zeichnen und Aquarelliren erweckte das Jnterefie seiner Lehrer, hauptsächlich war es Haase, der die fruchtbringenden Keime in die Seele des Jünglings legte, welche sich später zu eigenartiger Meisterschaft entfalten sollten. Nach Absolvirung des Polytechnicums arbeitete Oppler längere Zeit auf Haase's Büreau, verließ dann, nachdem er mehrere Bauten für denselben ausgeführt, auf längere Zeit Hannover, um seine Studien bei Oudinot, Viollet le Duc u. A. in Paris zu vollenden. Die künstlerische Anregung, welche er dort erhalten, die mannigfachen Detail-Studien, zu welchen ihm bei Viollet le Duc Gelegenheit gegeben wurde, sowie auch der feine Sinn für decorative Ausstattung, welchem er überall in Frankreich begegnete, wirkten zusammen, um die künstlerische Ausbildung Oppler's zu vollenden. Kaum zurückgekehrt nach Hannover, welches ihm zur zweiten Heimath geworden war, erschloß sich für ihn eine ausgedehnte praktische Thätigkeit, welche ihm Gelegenheit gab, sein reiches Talent zu verwerthen. Ueberall offenbart sich in seinen Bauten ein echt künstlerischer Sinn und ein I weise- Maßhalten, Schatten und Licht, Ruhe und Bewegung finden sich überall harmonisch in schöner Wechselwirkung. Auch auf f dem Gebiete des Synagogenbaues hat Oppler Hervortragendes geleistet. Hier wendete derselbe den romanischen Baustil an, I denselben in phantasievoller Weise mit Motiven aus der morgen- ' ländischen Architektur verbindend. Fünf Synagogen sind es, welche er erbaute: Die Synagogen zu Hannover, Breslau, Schweidnitz, Hameln und Bleicherode; sie gehören zu dem Besten, was die Neuzeit auf diesem Gebiete hervorbrachte. Oppler hat hier seiner reichen Phantasie den freiesten Spielraum gestattet, und Werke geschaffen, aus denen das Geheimnißvolle und farbenreiche Leben des Orients zu uns spricht. In den Synagogen sind selbst die Vorhänge (Porauches) genau nach seiner Zeichnung und somit dem Ganzen angepaßt. ' (Schluß folgt) Berichte und Corr espoudeuzen. Deutschland. Berlin. Heute, am 22. October, wurde aus dem bisherigen Friedhofe der jüdischen Gemeinde Herr A. H. H e y m a n n, der Begründer des hier unter dieser Firma bestehenden Bankhauses, zur Ruhe bestattet. Sein Tod ist nicht nur für die jüdische Gemeinde, in welcher er Decennien hindurch die einflußreichsten Gemeindeämter bekleidete, sondern besonders auch für die Nothleidenden, ohne Un:erichied des religiösen Bekenntniffes, ein harter Verlust. Mit Bescheidenheit und tiefer innerer Religiosität verband der Verewigte nicht nur ein zum Wohlthun stets geneigtes Herz, sondern er suchte und fand seinen Lebensberuf darin, Noth und Elend aufzusuchen und selbst helfend einzutreten, wie Andere zum Geben zu veranlassen. Eine Anzahl der jetzt bedeutendsten Wohlthätigkeits- und Humanitäts-Institute verdanken seinen Bestrebungen überhaupt ihre Existenz; keine Sammlung zu wohlthätigen und humanen Zwecken ist ohne reiche Gabe von ihm geblieben, und zahlreiche Familien verdanken seiner Einwirkung ihre Existenz. Das fast tausend Personen umfaffende Trauergefolge, alle Bekenntnisse repcäsentirend, welches sich zu seiner Bestattung auf dem Friedhofe einzefunden hatte, gab hiervon ein redendes Zeugniß. Sein Andenken bleibe zum Segen! Magdeburg. Wenn man auch so manche Verirrungen und TacciosigkeUen, die hier und da auf dem Gebiete des iscaelit. Gemeinde- und Schullebens Vorkommen, mit Stillschweigen übergehen möchte, so kann es doch da nicht geschehen, wo man Hand an die Wurzel des Religioslebens anlegt. So erzählte uns ein Reisender ein Pröbchen religiöser und pädagogischer Tactlosigkeit von dem jüd. Director an einer von einem jüdischen Mäcen vor Jahrzehnten gestifteten höheren Schule. Da derselbe vernommen, daß der Hausvater und Religionslehrer die älteren Knaben, welche das 13. Lebensjahr längst überschritten haben, in geeignetester Weise zum Fasten jüngst am Versöhnungslag angehalten und ermahnt hatte, so begab er sich am Rüsttag zum Versöhnungsfeste in die hebräische Stunde des Religionslehrers und fragte die Knaben, wer von ihnen fasten wolle? Diese schwiegen. Darauf fuhr er fort und bemerkte, zu den Kindern gewendet: „Ihr könnt es damit halten, wir ihr wollt, ich zwinge Niemanden dazu; denn ich faste auch nicht." Darauf sagte der wackere Neligionslehrer: Jungen, ich zwinge Euch auch nicht, aber 'rh „Wer es mit Gott hält, der faste mit mir." War das nicht eine feine Schulscene? War das Rüstung oder A b rüstung zum heiligsten Tage? Wie sehr empfänglich die Jugend aber für die religiöse Praxis G. s. D. noch ist, konnte der kleine Schulmonarch aus dem Umstande erkennen, daß alle Barmizwa-Knaben mit Freude den Fasttag hielten. Sonst fasteten in der Regel nur 12—15 Knaben, diesmal aber alle religiöspflichtigen, etwa 80 an der Zahl. Der Stifter jener Schule, obwohl freisinnig, hatte den Jomkippur stets hochheilig gehalten, er betete selbst vor in seinem Tempel und würbe, lebte er noch, solches Vorgehen sicherlich nicht dulden.

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