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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-28 · N° 44. (28.10.1880) · p. Seite 373

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 44. (28.10.1880)
Date
1880-10-28
Page
Seite 373 (sequence 7)
Language
German
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— 373 — her nahmst Du ihn, Kind?" „Es ist mein eigener Morgentrank, laßt ihn Euch schmecken." „Und wirst Du Dir einen andern fordern?" „Ich? Seid unbesorgt," rief der Knabe, „mir g.nügt auch der Saft einiger Orangen, laßt's Euch nur schmecken." „Wie gut Du bist," sagte der Fremde und legte wie unwillkürlich seine Hände auf des Knaben Haupt. „Bitte lobt mich nicht, Ihr beschämt mich mit Eueren Worten." Der Fremde sah den Knaben mit scharfen, durchdringenden Blicken an. Dieser senkte die Augen. „Ich muß Euch einen Verdacht abbitten;" sagte das Kind, „denkt Euch nur, ich bildete mir ein. Euer Gesicht so recht finster und unheimlich gestern dicht an unserem Fenster gesehen zu haben. Jetzt, wo Ihr so freundlich mit mir sprecht und mir Euere Hand wie segnend auf's Haupt gelegt habt, schäme ich mich, so böse von Euch gedacht zn haben." Ueber die Züge flog eine tiefe Bewegung. „Nun lebt wohl, ich will in's Haus zurück, ehe man meine Abwesenheit bemerkt." Der Fremde schien die Worte des Knaben kaum zu hören, als dieser aber die Stufen hinaufgesprungen war und schon die geheime Thüre öffnen wollte, da fühlte er sich plötzlich von zwei Armen umschlungen, heftig an die Brust gedrückt und seine Wangen von einer heißen Thräne benetzt. Ein leiser Schauer durchrieselte die Glieder des Knaben. Die jähen Uebergänge in dem Betragen des Fremden erfüllten ihn mit einer unabweisbaren Furcht. Er überwand sie muthig und kehrte, so oft er sich unbemerkt fortschleichen konnte, zu dem Fremden zurück. Er fand ihn niedergeschlagen und wortkarg, die Nähe des liebenswürdigen Kindes schien ihm wehe zu thun. „Ihr denkt gewiß an Euere Kinder daheim," sagte Alfonso, „die sich um den flüchtigen Vater ängstigen werden und ja nicht wiffen können, daß Ihr hier, wenn auch nur unter dem Schutz eines Knaben, vor dem bösen Gonzales und seinen Schergen sicher seid." Ein seltsamer Ton, wie ein unterdrückter Schrei, entfuhr den Lippen des Fremden. „Knabe!" sagte er mit erstickter Stimme, „Knabe! Hüte Dich und lebe wohl!" „Ihr wollt schon fori?" fragte Alfonso. „Nein!" sagte der Fremde dumpf, „aber ich will nicht, daß Du noch einmal zu mir kommst; Dein Anblick macht mich traurig, er erschwert mir — die Flucht." Die letzten Worte klangen weich und flüsternd. „Wollt Ihr mich nicht vor Euerem Fortgang segnen?" fragte der Knabe. Einen Augenblick zögerte der Fremde, dann legte er beide Hände auf das Harpt des Kindes, und während heiße Thränen über seine Wangen rollten, sagte er feierlich: „Der Herr segne Dich und behüte Dich! Der Herr taffe sein Angesicht über Dir leuchten und sei Dir gnädig! Der Herr wende sein Angesicht zu Dir und gebe Dir Frieden!" Der Knabe sah mit glücklichen Augen zu dem Fremden auf. „Amen!" sagte er und ging. Kaum hatte er den Raum verlaffen, als der Zurückgebliebene wie vernichtet auf sein Lager sank. (Fortsetzung folgt.) Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehuugszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung.) „In dieser Hinsicht," entgegnete Ester in kummervollem Ausdrucke, „werden wohl jene Scheinfrommen die traurigste Wahrheit gesagt haben. Der fürchterliche Bescht hat meinen Mann, das unterliegt wohl keinem Zweifel, in seinem eifersüchtigen Wahne, Chaim sei ihm ein Hinderniß, aus dem Wege geschafft oder schaffen laffen. Wäre er am Leben, würde der lüsterne Bescht es doch nicht so weit getrieben haben, mir durch Chaskel jenen Vorschlag zu machen. Eisikel Schachet hat man aufgespürt. Der mordbelastete Bescht hat sich in der Ukraine an das Tageslicht gewagt. Auch Chaim würde — wäre er unter den Lebenden — nicht verfehlt haben, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Was mich aber für den Entschluß, mich nicht wieder zu vermählen, bestimmte, ist ein gewiffes peinliches Gefühl, eine gewisse ängstliche Empfindsamkeit, worüber ich mir keine Rechenschaft zu geben vermag, als ob ich mich bei einer Wiederverheirathung einer Untreue wider meinen unglücklichen, so früh Heimgegangenen Gatten schuldig mache." „Weiter nichts also, als eine Aengstlichkeit," rief der Rabbi aus, „ein gewiffes dunkeles Gefühl, das wir selbst uns eingeben, in uns groß ziehen und dann vermeinen, es käme von Außen — nun das kann mich in meiner Ansicht nur bestärken, daß Sie, um sich von diesem krankhaften Zustande zu befreien, wieder verheirathen müssen." Ester seufzte. Die Frauen, die mit aller Macht ausgerüstet nnd wie geschaffen sind, die Männer am Gängelbande zu führen, verrathen sich sehr, wenn sie in Gegenwart dieser sich ihnen in Dienstfertigkeit überbietenden Geschöpfe seufzen. Sie bekunden hierdurch, daß sie die ihnen innewohnende souveräne Potenz ganz verlaffen hat und ermuthigen hierdurch das seine Fessel sicherlich nur ungern tragende Männerwolk, die Gelegenheit beim Schopfe zu erfassen und sich seine Gebieterin zu erobern. Rabbiner Beer wäre daher ein Stümper, wenn er diese Einsicht nicht hätte gehabt Er begann auf sein Ziel loszusteuern und wendete sich daher an Ester mit den Worten: „Verehrenswerthe Ester, es ist noch ein Umstand in Erwägung zu ziehen, der, wenn, wie zu erwarten steht. Sie Ihren Entschluß ändern sollen, nicht übergangen werden muß und sehr schwer in die Waagschale fallen wird. In welchem Verhältnisse soll der Glückliche, dem Sie, von der Vorsehung begünstigt, Ihr edles jüdisches Herz schenken werden, zu dem ansehnlichen Vermögen, das zum größten Theil Ihren Kindern gehört, dereinst stehen? Es müßte sich denn Einer vorfinden, der von vornherein auf Ihr und Ihrer Kinder ansehliches Vermögen verzichtet. Wie wäre es, verehrenswerthe Ester, wenn ich es wagte, mich Ihnen als diejenige Person vorzuschlagen. Sie kennen Rabbiner Beer nicht von heute und wissen zu gut, was Sie von ihm zu halten und was Sie von ihm zu erwarten haben und wissen, daß selbst wenn Sie „Nein" sagen würden, er Sie für diesen Freimuth nicht weniger achten werde." Diese Art von Rabbiner Beers Brautwerbung war ganz dazu geeignet, die streng sittliche Ester für sich zu gewinnen und verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie wollte durch einen liebevollen Blick dem Rabbi das ausdrücken, was sie ihm zu sagen beabsichtigte. Aber jene Schamhaftigkeit, die die Frauen mit der jüdischen Nationalität gemein haben, zwang sie ihren Blick zu senken und hielt auch das Jawort, das einen Menschen überglücklich gemacht hätte, zurück. Nur vielsagende Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Dem Rabbi, der jetzt auf Esters leisesten Athemzug wie auf eine himmlische Melodie lauschte, entging dieser für ihn so bedeutungsvolle Vorgang in Esters Innern nicht. Auch wußte er zu gut, wie schwer es diesem schamhaften Geschlechts fällt, ein solches Geständniß einem Manne gegenüber.mit Worten auszudrücken Er wollte sich ihr noch dadurch verbindlich machen, daß er sie aus dieser Verlegenheit reiße. Er fragte sie daher: „Soll ich Jentele rufen?" Ester blickte ihn mit dankbarer Miene an und antwortete in schier bittendem Tone: „Thun Sie das." „Darf ich ihr auch masel towh (Glück auf!) sagen?" fragte sie der Rabbi weiter. Ester nickte bejahend. Der Rabbi war schier außer sich vor Freude, wie ein Jüngling in dem ungeschwächten Feuer seiner Jugend Er eilte zur Thür hinaus, um seine Schwester, die sich absichtlich so lange mit dem Knaben zu schaffen machte, herein zu rufen. „Jentele!" sagte der Rabbi zu seiner Schwester, mit ihr eintretend; „Jentele! umarme und küsse Deine zukünftige Schwägerin." (Schluß folgt.) Offeubachnna. Während „Arch. isr." mehr als gebührlich seinem Aerger darüber Luft macht, daß der katholisch gewordene Operetttendichter von einem Priester die letzte Oel. ung erhalten und mit einem Kreuze in der Hand begraben wurde, erzählt „Hameliz", wie Offenbach regelmäßig am Jahrzeittage seines Vaters Minjan gemacht und Kaddisch gesagt habe. Wann werden wir endlich so weit sein, den Meschumad als uns nicht Angehörigen ganz bei Seite zu laffen? I

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