Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 44. (28.10.1880)
- Date
- 1880-10-28
- Page
- Seite 372 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 373 — wahrt und es läßt sich gewiß nichtdagegen sagen, wenn aufrichtig fromme Männer, welche den großen Schatz der in dem Pijutim niedergelegten religiösen Gedanken treu festhalten, ihrerseits die durch Jahrhunderte langen Gebrauch theuer und ehrwürdig gewordnen Liturgien nicht misten wollen. — Neugierde erregte die bis jetzt nach ihrem weiten Verlaufe noch unbekannte Audienz, welche eine Deputation der Anglo-Jewish-Affociation und des Board of Deputier bei Sir John Drummond Hay der Juden in Marocco wegen hatte. Das Loos der letzte ren ist in der Thal durch die Madrider Conferenz in gar Nichts gebessert, eher verschlimmert worden. England vor allem kann Hilfe bringen und darum wäre zu wünschen, daß diese Audienz von gutem Erfolge gewesen sein möge. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg, 25. October. Die vielfachen Anfragen von Collegen, jüd. Rechtsanwälten und Vorständen bezüglich des in Nr. 42 besprochenen Prozestes: „Küster (nicht Cantor) contra Rabbiner" sind wir vor der Hand außer Stande zu beantworten, da selbstverständlich Berufung eingelegt ist und die Acten noch nicht geschloffen sind. Es wird die Angelegenheit mit dem ganzen Ernst, den das Durchkämpfen eines Prinzips erfordert, betrieben. Das Erkenntniß ist bis heute noch nicht in unfern Händen. — Zur Ehre der deutschen Gemeinden können und wollen wir schon jetzt mittheilen, daß es kein deutscher Gemeindevorstand war, der jenen perfiden Vertrauensbruch beging, sondern ein rumänischer, und daß leider der Sohn eines geachteten rumänischen Rabbiners — aus Achtung vor diesem nennen wir den Namen nicht — Ephialtes - Dienst dabei geleistet hat. Man sieht, der Satz: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", ist umgekehrt nicht minder wahr. Danzig. Am 2. November findet hier eine Vorbesprechung zur Constituirung eines Verbandes der Rabbiner Ost- und Westpreußens statt. Königsberg. O/Pr. Die Wittwe des Rabbiner Malbim hat keinBrod! Das zeigt wieder auf die Schattenseiten der Stellung der Rabbiner rc. hin. Malbim, einer der anerkannt geistvollsten jüd. Gelehrten der polnischen Schule, starb auf der Reise nach Krementschug in Rußland, wo er als Rabbiner angestellt worden, nachdem er hier 4 Jahre bei der polnisch-russischen Gemeinde beamtet war. Rechtsansprüche an die Gemeinde hat die Wittwe des Rabbiners nicht. Aber selbst die moralische Verpflichtung lehnen beide Gemeinden ab, die hiesige, weil Malbim hier die Stelle aufgegeben, die in Krem., weil er sie noch nicht angetreten hatte! So ist die alte Frau der öffentlichen Wohlthätigkeit anheimgesallen. Fordert der Einzelfall Hilfe — so erheischt das System Aenderung, Abhilfe, daß nicht die Wittwen und Kruder der Gelehrten die Bettlerschaaren vergrößern! Meiningen, 19. Oktober. Die hiesige jüdische Gemeinde nimmt zu einem Synagogenbau ein Anlehen von 40,000 Mark auf, wozu die Regierungsgenehmigung ertheilt ist. Paris. Vor einem gewiffen Glaubermann, der etwa 30 Jahre alt ist und eine Brille trägt, wird gewarnt. Er hat prachtvolle Atteste und verlangt darauf hin die Erlaubniß, in den Synagogen Vorträge zu halten. Aber er hat in London sich zum Christenlhume bekehrt und den Miffionaren Helfersdienst geleistet. Paris. Die ruffisch-polnische Gemeinde hat Reb Hillel aus Sklow als ihren Rabbiner mit 3000 Frcs. Fixum und 3000 Frcs. verbürgten Nebeneinnahmen berufen. Wenn's auch das nicht eintragen sollte, meint der Corr. des „Hazeonphira", so schadets doch dem Raw nicht, der seine Kinder in Polen läßt, denn Paris ist doch immerhin schöner, als Sklow. Paris. Frau Ester Rothschild. Gattin von L. M. Rothschild, welche die „Gebete eines isr. HerzmS" ins Englische übersetzt hatte, ist 8 Tage nach Emweihung ihreneuen HauseS Hierselbst verstorben. Paris. Gin polnischer Jude, Namens Erner, wurde hier wegen Bigamie — er hatte in Polen eine Frau sich religiös antrauen laffen, der er noch rechtzeitig den Scheidebrief ge. geben hat, daneben aber in Breslau und in Paris sich verheirathet — zu 5 Jahren Zwangsarbeit verurtheilt. Warschau. Heißt's in Deutschland Juden, Polen und Franzosen, so wird hier geschimpft auf „Juden und Deutsche", die Polen verschluckt haben! Hier könne der Schmul und der Stöcker dieselbe Prügel bekommen. Horadn». Der Chaffidimrabbi Henoch von Rodsin hat bei Gelegenheit des Besuches seiner Naterstadt Drosnenick dem Herrn der Stadt für die Propinazia (Branntweinschank), welche bisher Herr Finn für 2500 Rubel gepachtet hatte, 1000 Rubel mehr geboten, da er seinen Anhängern Branntwein schenken wollte O'pfe' s" »"» vamx iprorfc lautet das Wortspiel!). Auf die Frage, wie er so das Verbot von Mäßig Gewul übertreten dürfe, erklärte der Zaddik: Einem Manne gegenüber, der. wie Herr Finn, seine Söhne in's Gy mnasium schicke und sie als Freiwillige im Heere dienen laffe, sei das Uebertreten dieses Gebotes gestattet!! In Dulcigno ist das Grab der PseudomeffiaS Sabbatai Zewi, der dorthin nach seinem Uebrrtritt zum Islam verbannt, am Versöhnungstage 1676 starb. Jerusalem. Außer dem Baune hat den armen Lehrer Steinhardt, weil er hier Unterricht ertheilte, auch der Blitzstrahl des Mainzer „Libanon" (hebr. Ableger deS „Israelit") getroffen. Ganz bezeichnend für den Satelliten des vr. Lehmann ift's, daß er versucht, den Charakter des jungen Lehrers in schlechtem Lichte zu zeigen. Er erzählt von ihm, daß er seinen kranken Vater hilflos in Berlin verlaffen habe. Herr St. weist nach, daß sein Vater 10 Monate mit ihm in London von dem ihm ertheilten Stipendium gelebt, darauf allein nach Ems gereist sei, von wo aus er ihm, wie auch von Berlin, wohin er von Ems sich begeben, liebevolle Briefe geschrieben habe. Hier ist der Vater gestorben, was dem Sohne durch vr. Hildeshe imer am 19 Januar 1879 nach London milgetheilt wurde. Bagdad. Die Theuerung wird wieder größer. Daher haben nichtsnutzige Menschen sich vereinigt, um die „Kornwucherer" todlzuschießen. Innerhalb der jüd. Gemeinde ist die Ausfuhr von Getreide verboten worden. Trotzdem wurde ein angesehener Kaufmann, der im rorigcn Jahre all' sein Getreide billig zur Linderung der Noth hergegeben hatte, auf offener Straße angefallen und verwundet. 2 der Attentäter und 8 Spießgesellen sind verhaftet. Der Verwundete ist wiederhergestellt. (Hamaggid.) Syrien. Der Rabbiner Moses Kohn, Oberhaupt der Rabbinen von Aram Zowa, hat vom Sultan Titel und Rang des Mulla Efendi erhalten, der bisher nur höheren muhamedanischen Geistlichen verliehen worden ist. Die höchsten Beamten haben dem Rabbiner Gratulationsvisite bei dieser Gelegenheit abgestaltet. Feuilleton. Das Gewürzbüchschen. Eine Marannengeschichte. (Fortsetzung) Die Gestalt schlüpfte lautlos, wie sie gekommen war in den Garten zurück und schien in die Mauer des kleinen Kiosk zu verschwinden. Als am andern Morgen der heimliche Gast Alfonso's die Augen aufschlug, stand sein kleiner Wohlthäter schon vor seinem Lager. „Seid mir nicht böse," sagte der Kleine innig, „ich hatte vergeffen, Euch eine warme Decke zu bringen, Ihr habt sicherlich sehr gefroren in der Nacht. Nehmt rasch diesen warmen Trank, er wird Euch wohlthun." „Schickt mir Iren Dein Vater?" fragte der Fremde. „Eil wo denkt Ihr hin, mein Vater weiß ja nicht." „Wo-