Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 44. (28.10.1880)
- Date
- 1880-10-28
- Page
- Seite 371 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584232--4314-9584237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
371 — lona) erschienen. Während man sonst bei lange vorher an- | gekündigten Werken bei ihrem Erscheinen insofern überrascht wird, als dieselben den gehegten Erwartungen meist nicht entsprechen, ist bei dem vorliegenden Buche gerade das Gegen« Iheil der Fall, es bietet viel mehr, als man erwartet hatte. Man braucht blos das Jnhaltsverzeichniß anzusehen, um auf's Angenehmste überrascht zu sein; es enthält 239 hebräische und 26 deutsche Piecen. Welch' reiche Auswahl! Jeder besondere Sabbath, jeder Festtag ist mit den ihn characterisirenden Melodien bedacht, alte und neue Weisen berücksichtigt, Alles wohlgeordnet, so daß auch die mit der Liturgie nicht sehr vertrauten Gemeindemitglieder sowohl, wie die Schuljugend mit Leichtigkeit sich darin zurecht finden werden. Dar Buch, welches vor Allem die Förderung des Gemeindegesanges tendirt, dürfte eine große Zukunft haben. Der Preis — 2 Mark — ist, zumal bei Abnahme mehrerer Exemplare bis 25 Proz. Rab. bewilligt sind, ein sehr billiger. Eine Recenston aus fachkundiger Hand werden wir in unserem „Litera turbl." bringen. R. Worms. (Or.-Corr.) Nach einer kurzen aber mühe- und kampfvollen Pilgerfahrt in kaum vollendetem 48. Lebensjahre verschied vor einiger Zeit fern von der Heimath zu Reichenhall Herr Max Maier, Lehrer zu Tauberbischofsheim, nachdem seit geraumer Zeit der ehedem so körperlich wie geistig frische Mann plötzlich von bedenklichen Beschwerden heimgesucht wurde, oie seine Auflösung so schnell herbeiführten. Ihres schützenden Genius beraubt ist dadurch eine alte, braoe.Mutter, eine edle Gattin, die mit ihm in treuer Liebe zwei De« cennien durch's Leben wandelte. An ihrer Seite trauert eine unversorgte Kinderschaar, 7 an der Zahl, die statt des geheilt heinckehrenden Vaters nur seine Bahre schluchzend umstehen konnten. Maier war ein edler Mann, ein höchst berufstreuer und wissenschaftlich gebildeter Lehrer. Die Gedanken, welche er ausgesprochen, die Gesinnung, welche er bethätigt, der Geist, in welchem er gehandelt, dies Alles bleibt denen unvergeßlich, die ihm näher standen. Er war in Baierthal bei Heidelberg geboren, besuchte die höhere Bürgerschule zu Sinsheim und absolvirte mit außerordentlichem Erfolge das ev. Lehrerseminar zu Karlsruhe. Ueberall wo er als Lehrer wirkte, war er äußerst bestrebt, sich in alle» Zweigen des Wissens weiter auszubilden. Besonders widmete er sich den philologischen und mathematischen Studien mit einem Erfolge, der selbst von hoher Stelle anerkannt wurde und der ihm eine große Anzahl auswärtiger Schüler zuführte. Wie durch einen sanften, menschenfreundlichen Charakter, so glänzte er auch durch wahre ungeheuchelte Religiosität als ein Vorbild seiner Gemeinde, der er die letzten 20 Jahre seines Lebens gewidmet. Er ruhe sanft! Oesterreich. Wien, 19.Oct. (Or.-Corr.) Heute Abends 7 Uhr fand die Eröffnung der von der „isr. Allianz zu Wien" daselbst errichteten Anstalt zur Heranbildung isr. Religionslehrer in Gegenwart des Präsidenten der Allianz. Herrn Joseph Ritter v. Wertheimer und anderer Herren vom Curarorium in feierlicher Weise statt. Nachdem Herr Rabbiner vr. Gübemann kurz den Zweck der Anstalt hervorgehoben hatte und einige Worte der Aufmunterung an die Hörer gerichtet hatte, ergriff der altersgraue und um das gelammte Judenthum hochverdiente Wertheimer sichtlich gerührt das Wort. Er hob in kurzen, aber markigen Zügen hervor, wie Lernen und Lehren doch der höchste Lebenszweck des Menschen sei und wie gerade unsere Vorfahren, trotz der furchtbarsten Unterdrückungen von Seiten ihrer Gegner, jenes hohe Ziel nie aus den Augen ließen. Und treu dem vom Judenthum stets hochgehaltenen Panier des Wiffens sei die israel. Allianz, um den Volksunterricht unter den Juden zu heben, zur Errichtung der neu zu eröffnenden Anstalt geschütten, die, wenn auch von kleinen Anfängen ausgehend, dennoch bestimmt sein kann, eine hohe Bedeutung im Judenthum einzunehmen. Wertheimer fordert schließlich die von seinen Worten sichtlich tiefergriffenen Hörer, in deren Hände eine bedeutungsvolle Mission gelegt fei, auf, mit Gott frisch anS Werk zu gehen, ihr Streben werde vom Erfolge gekrönt fein. Hierauf eröffnet« den Unterricht der a. ö. Professor der semitischen Sprachen an der Universttät Wien, Herr vr. David Heinrich Müller, mit einer vortrefflichen Einleitung in die hebräische Grammatik. Was die Zahl der Hörer betrifft, so beträgt dieselbe bis heute 13, zumeist der Universität und dem Pädagogium angehörend. Der Lehrkörper besteht außer dem bereits oben genannten Prof. Müller, aus den Herren Rabb. vr.Güdemann, vr. Friedländer,Breuer und Friedman n (Lector am 6et-Ramidra8eli). Die Zahl der Unterrichtsstunden beträgt wöchentlich 12. Die Unterrichtsgegenstände sind: hebr. Grammatik (Prof. Müller), Jüdische Geschichte (Friedländer), Siphre (Friedemann), Raschi (ders.), Talmud (Breuer), Exegese (Güdemann). — An den Gymnasien iu Böhmen wird bekanntlich der Religions-Unterricht für die jüdischen Schüler von den Lokal - rabbinern ertheilt. Seit jeher ertheilten ihn dieselben auch an den czechischen Gymnasien in der ihnen und den jüdischen Schülern geläufigen deutschen Sprache, welche in Böhmen durchwegs die Muttersprache der Juden ist. Neuestens ist aber an die Rabbiner, die an czechischen Gymnasien unterrichten, die strengste Weisung gekommen, unvorzüglich den Religionsunterricht anstatt in deutscher, in czechischer Sprache zu ertheilen, die ihnen zumeist ganz fremd und den Schülern jedenfalls minder geläufig ist, als die deutsche. Wie man dies durchzuführen hofft, »st schwer begreiflich, da die meisten Rabbiner gar nicht Czechisch vorzutragen im Stande sind. Ueberdies besteht nicht ein einziges jüdisch-czechisches Religionsbuch, und auch die Bibel ist für die Zwecke des jüdischen Religionsunterrichts nicht ins Czechische übersetzt. Die bisherigen „christlichen" Uebersetzungen ins Czechische werden vom religiösen Standpunkte der Juden auf das entschiedenste verworfen und deren Gebrauch verpönt, weil sie gegen den Geist des Judenthums gerichtet Nnd. Es existirt also kein einziges Lehrmittel, mit Hilfe dessen der jüdische Religions-Unterricht in czechischer Sprache ertheilt werden könnte; aber das thut Alles nichts — meint die „Czechomanie" in blindem Eifer. Großbritannien. London. Die judenfreundliche Strömung hat auch hier zu literarischen Plänkeleien geführt. Der „Family Herold" hat es sich nicht versagen können, unter einen Blumenkranz zweideutiger Belobigungen der jüdischen Race, dem jüdischen Charakter, Uebles nachzusagen. Doch ist ihm die gebührende Antwort geworden. Und wie immer, ruft der Ankläger auch den Verlheidiger zur Thätigkeit auf. So hat das „Saturday Review“ einen den Juden günstigen Artikel gebracht und das „University Magazine“ hat eine glänzende Apologetik des Talmud veröffentlicht. Glücklicherweise haben diese literarischen Scharmützel keinen Einfluß auf die günstige friedliche Verbindung, welche die englischen Juden mit ihren Mitbürgern verknüpft. So ist am 28. September dem Mr. Serjeant Simon in einem Meeting liberaler Wähler die öffentliche Anerkennung in hohem Maße ausgesprochen und beschlossen worden, durch einen besonderen Akt der Dankbarkeit für seine parlamentarische Thätigkeit feierlichen Ausdruck zu geben. — Die Gebetreformfrage hält noch immer die Gemüther in Spannung und die energischen und sachlich ruhigen Darlegungen des braven und gelehrten Herrn Zimmer haben es wohl mit bewirkt, daß in einer Sitzung des Comits's für die Verwaltung der großen Synagoge mit 5 gegen 3 Stimmen beschlossen wurde, die vom Chiefrabbi sanctionirte Reform den Betern dieser Synagoge nicht zu unterbreiten, also die Pijutim in 8tatn quo zu belasten. Gerade dieses Factum beweist, wie weise der ehrwürdige Oberrabbiner daran gethan hat, die geforderten Reformen zwar zu genehmigen, aber sie nicht anzuordnen, noch sie direkt zu empfehlen. sondern den Beschluß über Einführung derselben den einzelnen Synagogen zu überlasten. So ist der Friede ge