Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 44. (28.10.1880)
- Date
- 1880-10-28
- Page
- Seite 370 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584232--4313-9584236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
L. Stettin,*) 17. October. (Or.-Corr.) In dieser Zeit des Rischus ist es gut, an eine Sache zu erinnern, die im Jahre 1872 begonnen und jetzt zu einem Ende geführt ist. Damals zur Zeit der Gründerperiode sollte auch unsere Provinz mit einer neuen Bahn beglückt werden und zwar von Wangerin nach Conitz. Nicht Juden waren es, die dieses Projekt ausgedacht; nicht Juden waren es auch, die die finanziellen Unterstützer waren. Der Geheimrath Wagner, damals Vortragender Rath im Ministerium, war der Concessionsinhaber, er wurde später abwechselnd Direktor und Aufsichtsrath. Die „Gewerbebank H. Schuster u. Co." in Berlin war die dafür gewonnene finanzielle Kraft, ihre Direktoren Schuster und Oder waren strenggläubige Christen. Die Reklame arbeitete gerade für diese Gründung mehr als man sonst gewöhnt war; alle frommen Herren unserer Provinz wurden dafür gewonnen und uuter dem Namen „Pommersche Centralbahn" erfolgte die Eintragung in's Handelsregister. Viele kleine Leute, die sich einen Nothgroschen erspart, glaubten denselben nicht bester, als in Aktien dieser Bahn anlegen zu können, war doch dafür der Name des Geheimrath Wagner zu verlockend. Da kam der Krach; da kam auch jene berühmte Rede des Abgeordneten Lasker, die ihm heute von gewisten Seiten noch nicht vergesten ist und wie so vieles dadurch zu leiden hatte, so auch genannte Bahn. Die vorhandenen Geldmittel waren bald zu Ende, ebenso ging auch die „Gewerbebank H. Schuster u. Co." bald den Weg alles Fleisches und die armen Actionaire hatten nichts mehr zu hoffen. Es hieße zu weit gehen, wollten wir hier die Geschichte der Bahn schreiben; nur das will ich noch sagen, daß jetzt erst die Liquidation der Bahn, zu der sie gezwungen war, beendet ist. Auf die Aktien von 600 Mk. entfällt nichts, denn die 3 M. 10 Pf., die jetzt an die Aktien- Inhaber pro Aktie in Höhe von 600 Mk. vertheilt werden soll, ist doch gleich Nichts zu rechnen. Und das ist die Bahn, die von Christen protegirt und die von christlichen Finanzträften unterstützt wurde. Was würden wohl unsere conservatiren Kreise und Zeitungen, was würden wohl die Hetzer ä la Stöcker rc. noch heute angeben und eifern, heute wo die Schlußvertheilung bekannt geworden, wenn es Juden gewesen wären? So schweigt Alles darüber, wir aber hielten uns für verpflichtet, diese Sache gerade jetzt nochmals zu erwähnen. Wie schrieb doch nach der Laskerschen Rede der Kladderadatsch i „Cb Wagener, Oder, Schuster, Das Geschäft bleibt immer duster." Aus Oberschlesten. Sensation ruft in den jüdischen Kreisen Oberschlesiens die Besetzung des Cantorpostens einer stets des besten religiösen Rufes sich erfreuenden Gemeinde hervor. Als dieselbe einen Concurs zur Besetzung der Cantorstelle ausgeschrieben hatte, liefen etwa 30 Meldungen ein. Von allen Probecandidaten hatte nur einer sich eines durchschlagenden Erfolges zu erfreuen. Die Repräsentanten der Gemeinde engagirten sich für denselben mit überwiegender Majorität. Weniger entgegenkommend verhielt sich der Vorstand. Ihm fiel es auf, daß die Zeugniste des qu. Candidaten für eineu gewisten Zeitraum eine bedenkliche Lücke aufwiesen. Den Ermittelungen des Vorstandes gelang es, zu eruiren, der Candidat habe sich während jener fraglichen Zeit in einer größeren deutschen Handelsstadt aufgehalten. Die Polizeibehörde dieser Stadt constatirte auch bald, der betreffende N. N. sei Sänger gewesen in einem sog. „Tingel-Tangel-Locale" der Vorstadt. Unter diesen Umständen versagte natürlich der Vorstand der Wahl N. N.'s die Bestätigung. Wer sich damit nicht zufrieden gab, waren viele Repräsentanten und Mitglieder der Gemeinde. Man wurde bei der Regierung vorstellig, das Veto des Vorstandes zu castiren. Im Aufträge der Regierung hatte eine Commistion, aus dem Schooße der Gemeinde hervorgegangen, die Sache zu revidiren. Die *) Aus Versehen in der Druckerei ist in der vor. Nr. eine Redactionsnote, die das Verfahren der Fleischeommistion als das religi« onS-gesetzlich wie praktisch richtige, der Anschauung unseres gesch. Corresp. gegenüber rechtfertigte, ungedruckt geblieben; wir tragen sie heute nach. (Red.) Commission schloß sichdemVotumdesVorstandes an. Darauf erneuter Sturmlauf der Gönner N.'s mit Petitionen bei der Regierung, über Vorstand und Commistion hinweg die Wahl N.'s gut zu heißen. Zu allgemeiner Ueberraschung entschied schließlich die Regierung zu Gunsten der Petenten. Ob wohl auch schon ein Organist durch so humane Rücksichten zur Function beim Gottesdienste in der Kirche berufen worden sein mag? Sonach erfreut sich die bisherige schlesische Mustergemeinde des etwas zweifelhaften Glückes, einen musikalisch virtuosen Sänger, der ehedem in einem obskuren Vorstadt-Theater auftrat zum Cantor zu haben. Eine solche Leistung hat bisher noch keine oberschlesische Gemeinde, nicht einmal das in religiöser Hinsicht so arg verrufene Leobschütz, fertig gebracht. Es ist dies ein trauriges Zeichen der Zeit. Ob der so brüsk desavouirte Vorstand nunmehr von seinem Ehrenamte zurück - getreten ist, wissen wir nicht.— Das Beispiel Nicolai's', die Simultanschule in eine konfessionelle zu verwandeln, hat bereits Nachahmung gefunden. Auch die Simultanschule in Grottkan ist laut Entscheidung der Regierung in eine konfessionelle übergegangen. Auch in Ro s e n b er g ist man ernstlich bemüht, die Aufhebung der dortigen Simultanschule herbeizuführen. Die Regierung sah sich veranlaßt, einen Schulrath zur Prüfung der Bedürfnißfrage an Ort und Stelle zu entsenden. Zu welcher Ueberzengung der Regierungsbeamte gelangt ist, darüber ist noch Nichts in die größere Oeffentlichkeit gedrungen. Köln, 20. Oktober. „Heute feierte Hr. Banquier Frhr. Simon v. Oppenheim nebst Gemahlin das Fest des goldenen Ehe-Jubiläums. Wir verzichten darauf, alle Ovationen aufzuzählen, welche dem Jubelpaare zu Theil wurde, und beschränken uns darauf, anzuführen, daß heute Morgen von Paris, Berlin, Frankfurt und anderen Städtchen so viele Bouquets und ähnliche Zeichen der Theilnahme eintrafen, daß zwei Perronwagen nöthig waren, um dieselben von den Zügen bis vor den Bahnhof zu befördern. Der Vorstand des Central Dombau Vereins ließ eine Glückwunsch-Adresse überreichen, und der israelitische Frauen-Verein, dessen Vositzende die Jubilarin ist, übergab dieser in einer prachtvollen Mappe eine Adreste, welche in erster Reihe die allbekannte große Wohlthätigkeit des Jubelpaares feiert. Vormittag kamen aus allen .Kreisen und Berufsklasten Deputationen zur beglückwünschung. Vorstand und Repräsentant der Synagogengemeinde, Oberbürgermeister von Cöln in Amtstracht, Dombauverein, Maurergesaugverein u. A. Nachmittags um 2 Uhr fand die häusliche religiöse Feier statt. Der Synagogenchor trug 2 Choräle vor, die nach einem von dem Rabbiner gegebenen Text von dem Hoforganisten Edm. Kretschmer (Componist der Folkunger) componirt waren. Der Rabbiner hielt die Festrede und sprach das Schehechejanu und ein ad hoc verfaßtes hebräisches Gebet. Die ganze Feier, der der Regierungspräsident v. Bernuth, der Gouverneur von Cöln, General von Cranach und andere Spitzen der Behörden beiwohnten, war erhebend und hinterließ auch bei den Mitgliedern der Familie, die leider nicht mehr dem Judenthum angehören, einen vorzüglichen Eindruck. — Aus Dresden berichtet die „Dresd. Ztg.": „Bon dem königlichen preußischen Geh. Commerzienrath Hrn. Simon Frhrn. v. Oppenheim zu Köln am Rhein, zeitweilig in unserer Stadt wohnhaft, ist dem Armenamt die Summe von 5000 Mk. mit der Bestimmung zugegangen, selbige am heutigen Tage, dem Tage seiner goldenen Hochzeit, an Arme hiesigen Orts, ohne Unterschied der Confestion, zu vertheilen. Mit einem Geschenke von derselben Höhe des Betrags und zur Verwendung für verschämte Arme hiesiger Stadt wurde von dem hochherzigen Geber auch der Verein zu Rath und Thal bedacht". Leipzig. Das in dies. Bl. bereits früher von uns angekündigte „Israelitische Schul- und Gemeinde - Gesangbuch" herausgegeben von den Cantoren Liebling und Jacobsohn ist in trefflicher Ausstattung im nunmehrigen eigenen Verlage des Ersteren (in Firma: Hermann Uflacker in Al-