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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-21 · N° 43. (21.10.1880) · p. Seite 364

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 43. (21.10.1880)
Date
1880-10-21
Page
Seite 364 (sequence 6)
Language
German
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— 364 — Petersburg. „Hameliz" fordert in ergreifender Weife Angesichts der schon deutlich hervortretenden Theuerung und der schlimmmen Aussichten, welche die Ernte bietet, alle Gemeinden auf, Fonds (theils als Geschenke, theils als unverzinsliche Darlehen gegeben) zu sammeln und damit rechtzeitig Getreide anzukausen, um es dann den Armen billig abzulaffen! Petersburg. Unter den diesmal in's Conservatorium aufgenommenen 150 sind 50 Juden. Besonderes Aufsehen erregte ein 9jLhriger Knabe Namens Stein berg, der nicht allein gut bestand, sondern von einem Nebenzimmer aus jeden der wirr durcheinander gespielten Töne aufs Genaueste bezeichnete. so daß der Direktor ihn herzte, küßte und auf seinen Armen trug, indem er ries: Machet dem künftigen Professor Platz! Der Vater des talentvollen Knaben — zugleich sein Lehrer — ist Komponist und Musiker, hat aber nicht die Erlaubniß, in Petersburg zu wohnen. Es ist im Werke, ihn durch das Conservatorium als Privatmusiker anerkennen zu lasten, wodurch er diese Erlaubniß und auch Schüler erlangen würde, um seinem Lebensunterhalt zu gewinnen. Petersburg. Mit solcher Bagage soll man sich abgeben! Der berüchtigte Lutostansky hat auf die Aufforderung des Herrn Zederbaum (zu einer Disputation) 2 Antworten veröffentlicht. Die eine, anständig gehaltene in der „Nowo Wremja" schiebt die Festsetzung derselben bis dahin hinaus, wo L. den 4. Band seines Buches „der Talmud und die Juden" wird veröffentlicht haben. Die Andere in der Petersburger „Gasetta" verweigert die Annahme der Aufforderung, ist voller Schlmpfreden und droht mit dem Friedensrichter. Herr Zederbaum lhut dem Menschen zu viel Ehre an, wenn er noch weiter Notiz von ihm nimmt. Kowno. Hier, wie für die anderen 7 Gymnasien des Wilnaer Schulinspektionsbezirkes soll ein Neligionslehrer angestellt werden (wohl auch für die 5 Progymnasien) der 12 Stunden wöchentlich (etwas wenig für 8 Klaffen!) ertbeilen soll. Die Besoldung wird von den Zinsen der Poliakoff'schen 100,000 Rubel bestritten. Hier hat die Gemeinde außerdem einen Zuschuß von 3OO Rubel jährlich bewilligt, wenn ihren 10 Delegirlen die Wahl des Lehrers unter Genehmigung des Gymnasialdirektors zugestanden wird. (Hameliz) Tiflis. Hier wohnen etwa 200 jüd. Familien, meistentheils Handwerker, wenige Kaufleute. Die Gemeinde besitzt 4 Synagogen, 2 Aschkenas und 2 Sfard, die erstern modern und schön, die Letztern altertbümlich. Leider herrscht viel Streit. Seit einem Jahre wirkt als Regierungs Rabbiner hier Herr Lewin aus Wilna. Er hat die Schule sehr gehoben, durch seine Reden zu Wohlthun angefeuert, und überall, Ordnung geschaffen. In Mytilene wurde vor einigen Wochen ein Jude auf Betreiben einiger Griechen wegen Christenkinderraubes ins Gefüngniß gesetzt. Herr Fernandez, Vizepräsident der Alliance in Constantinopel bewirkte, daß der Minister nicht nur die Freilaffung des Verhafteten telegraphisch anordnete, sondern zugleich befahl, es dürfe fortan Niemand wegen einer solchen Anklage verhaftet werden. Mexico. Herr F. Kahn aus Durmenach im Elsaß hat, nachdem er 15 Jahre hier gewohnt, die bürgerlichen und politischen Rechte erhalten. Nach „Arch. isr." ist er der erste Jude, dem dies zugestanden worden ist. Asien. Eine große Karavane von Juden aus Balkh und Afghanistan aus 90 Personen mit 300 Kameelen bestehend. hat vor Kurzem — wie wir berichtet — in voller Bewaffnung, um sich vor den räuberischen Turkomanen zu schützen, Palästina einen Besuch abgestattet. Es ist eine erfreuliche Verbindung zwischen den Beni Israel, welche ihrer Tradition noch als Nachkommen der Zehnstämme sich erklären, und den englischen Juden Indiens herbeigeführt worden. Es sind Predigten von Dr. Adler und Mocatta's „biblische Nachlese" in die Sprache der Mohrati übertragen, auch eine jüdische Geschichte von M. Joseph Ezekiel für sie geschrieben worden. Man wird durch schulische Einrichtungen sie dem Judenthum zu erhalten suchen. Feuilleton. Das Gewürzbückschen. Eine Marannengeschichte. (Fortsetzung) Don Jos6 und seine Gattin nahmen mit dem Ausdruck innerster Befriedigung auf dem weichen Divan Platz, vor dem ein reich mit Silbergeschirr gedeckter Tisch stand. Die Fenster des Zimmers gingen nach dem Garten und Alfonso's Augen richteten sich oft zerstreut und befangen dahin. Frau Juditha hatte ihre prächtigen schwarzen Locken mit einem golddurchwirkten Häubchen bedeckt, Don Jos6 eine mit bunter Stickerei geschmückte Mütze auf den Kopf gedrückt. Auf einen Wink des Vaters bedeckte sich auch der Knabe und murmelte auffallend zerstreut dem Vater die Worte nach, die dieser jetzt halblant und innig aussprach. worauf er einige Züge funkelnden Weines aus dem Becher that und von dem vor ihm liegenden Gebäck, nachdem er es angeschnitten, einige Bisten aß- Er hatte während dieser Ceremonie gestanden und wollte sich eben setzen, als die Mutter auf den Knaben blickend erschrocken ausrief: „Was fehlt dir. geliebtes Kind, du bist plötzlich so blaß geworden?" „Nichts, nichts, stotterte der Knabe und suchte seine angsterfüllten Blicke vom Fenster loszureißen. Die Mutter folgte der Richtung des Blickes. In der jetzt hereingebrochenen Dämmerung schien es ihr, als ob ein Schatten längs der Büsche hinschwände. Es war sicher nur eine Sinnestäuschung und sie lächelte im nächsten Augenblicke darüber. „Du bist zu aufgeregt, lieber Alfonso, sagte sie zärtlich." Der Knabe fürchtet noch immer, lächelte der Vater, daß der tückische Ganzales unsern Freund Perez und seine ^Kinder auffangen könnte. Sei unbesorgt mein Liebling, das Schiff, zu welchem wir sie sicher geleitet haben, trägt sie schon ihrer neuen Heimath zu und Ganzales Bosheit kann unsere Freunde nicht mehr erreichen. „Aber warum verfolgte er sie? fragte Alfonso." „Er hat sich zum Spürhunde der Inquisition gemacht, rief der Vater heftig, und er, der früher selbst ein Jude war, versteht sich auf die Jagd dieses edlen Wildes. Doch so lange ich lebe biete ich ihm Trotz. An mich getraut er sich nicht heran und ich entreiße ihm seine Opfer." Der Knabe blickte schweigend vor sich hin. Verdient aber auch Jeder den Schutz, den Du giebst? lieber Vater." „Welch eine Frage, mein Kin Kind? Der unschuldig Verfolgte, der um des Glaubens wegen leidet, verdient immer unseren Schutz. Du scheinst müde, mein Kind, sagte die Mutter, geh zur Ruhe. Der Knabe gehorchte und eilte in seine Schlafkammer. Als nach einiger Zeit die Mutter an das Belt des Schlummernden trat, wälzte sich dieser in unruhigem Schlafe umher. Was mag der Knabe haben, fragte Juditha besorgt den Gatten, „sollte während unserer Abwesenheit ihm etwas Ungewöhnliches wiederfahren sein?" Dann hätte er es uns sicherlich nicht verschwiegen entgegnete Don Jose. Jndeß war jener Schatten, den Frau Juditha für eine Sinnestäuschung hielt, von Keinem im Schlosse bemerkt worden und glitt lautlos über den nämlichen Weg, den der Knabe am selbigen Morgen zurückgelegt halte. Jetzt stand die schattenhafte Gestalt an der Gartenpforte, sie drehte vorsichtig den Schlüffel um und stieß einen Schrei, der wie der Schrei eines Adlers tönte, aus. Aus dem Gebüsch scholl ein ähnlicher Laut. „Seit Ihr hier?" fragte die Gestalt, näher auf das Buschwerk zuschreitend. „Ihr habt uns lange warten lassen", lautete die ungeduldige Antwort. „Pah, ich war überhaupt in Zweifel, ob ich kommen sollte." „Ihr habt Euch also geirrt?" „Dummkopf, ich habe soeben Don Jos6 den Freitag Abend begehen sehen." „So könnt Ihr Euerer Rache genügen." Die Gestalt zögerte einen Augenblick und murmelte dann: „Die Augen seines Kindes haben es mir angethan." „Hoho, er hat wohl die Augen seiner schönen Mutter?" „Schweig, Bube, oder ich mache Dich für ewig stumm. Der Knabe hat mir Gutes erwiesen." „Und wird Euch verrathen wie Euch die Mutter verrieth." „Du lügst, Du Elender!"

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