Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 43. (21.10.1880)
- Date
- 1880-10-21
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 362 — zu beginnen, während der ganzen hiesigen Gemeinde der Beginn des Gottesdienstes um 8 Uhr angemessener erscheint. Ebenso hat das der strengsten Orthodoxie ergebene Vorsteheramt den hiesigen Gemeinde-Aeltesten deshalb seines Amtes enthoben, weil derselbe auf die Anfrage des Vorsteheramts: ob der Hülfsvorbeter seinen Bart abrasire oder abkneife, um Ang abe der Merkmale ersuchte, an welchen man denn den Unterschied dieser Entbartungs-Methoden zu erkennen vermöchte. Da die unten verzeichneten Mitglieder der Synagogen-Gemeinde Hersfeld nicht gesonnen sind, sich in dieser Weise von Fulda aus maßregeln zu lasten, so haben dieselben beschlosten und sich gegenseitig bei einer Conventionalstrafe von 300 Mark verpflichtet, aus der hiesigen Synagogen-Gemeinde auszutreten. Hersfeld, im October 1880. (Es folgen 16 Unterschriften) Schöne Folgen des Fanatismus der jungen heißspornigen Orthodoxie! Leipzig. Dem „Protokoll-Auszug" der letzten beiden Sitzungen des D.-Jsr. Gemeindebundes entnehmen wir folgende Punkte: Bewilligung von Subventionen an zwei Lehrer in Thüringen behufs Eintritts in die Achawa. Berathung über eine ohne vorherige Anfrage dem Ansschuste dedicite Schrift und Beschluß: künftig Widmungen abzulehnen, zu welchen die Erlaubniß nicht vorher nachgesucht worden. Beschluß, den Abdruck des von Herrn Adv. Lehmann-Dresden daselbst gehaltenen Vortrags über Gabriel Rießer zu veranlassen. B erathung über etwa zu treffende Maßnahmen gegen die von ultra-clericaler Seite in Umlauf gesetzte Maffen-Petition an den Reichskanzler wegen Beschränkung der Rechte der Juden. Es wird auf Grund von Gutachten und Berichten mehrerer Delegirten beschlosten, von dagegen zu ergreifenden Maßnahmen abzusehen. Beschluß auf Antrag des Ausschußmitgliedes Sanitätsrath Dr. Fürst, die Verwendung der noch vorhandenen circa 300 Exemplare des Lesting-Mendelssohn-Gedenkbuches zur Vertheilung von Prämien an würdige Schüler zu empfehlen, unter Gewährung eines Extrarabatts. Referat des Herrn vr. Fürst über das beantragte Uebereinkommen mit der Versicherungsgesellschaft „Victoria" zu Berlin und Beschluß: Den Bundesgemeinden unter Bezugnahme auf den vom 3. ordentlichen Gemeindetage gefaßten Beschluß mitzutheilen, daß die „Victoria" sich bereit erklärt hat, dem Gemeindebunde ange hörigen, bei ihr sich Versichernden besondere Vortheile zu gewähren. Beschluß über den Erfolg der im vorigen Jahre bei dem königlich sächsischen Justizministerium erhobenen Beschwerde gegen einen Hetzschriftsteller Erkundigungen einzuziehen. Aus Württemberg. (Or.-Corr.) Die Wühlereien gegen die Juden durch die Presse zeigen sich zwar jetzt in Württ. weniger als in Norddeutschland, doch ergreifen auch bei uns die conservativ-kirchlichen Blätter und Blättchen jede Gelegenheit, um den Juden zu schmähen und zu verdächtigen. Das „deutsche Familienblatt" (redigirt von Pfarrer Weitbrecht in Schwaigern) denunzirt L6on Gambetta als vaterlandslosen Juden, dem das Wohl Frankreichs und Deutschlands gleichgiltig sei. Die in Kopenhagen stattgefundene Katastrophe zwischen dem Gesandten v. Magnus und Sara Bernhardt findet es durch die Abstammung beider erklärlich. Diesen Umtrieben gegenüber kann ich Ihnen von einem Akte schöner Toleranz Mittheilung machen, den der Stadtschultheiß inTübing e n gegen die erst in letzten Jahren dort sich gebildete kleine israel. Gemeinde übte. Dieselbe erbat sich von ihm ein städtisches Lokal zur Abhaltung des Gottesdienstes an den Festtagen, und er stellte ihnen den Zeichensaal der Realschule nebst Subsellien zur Verfügung für den ganzen Monat. — DieVeit - Weilsche Firma (Leimfabrik) in O b e r d o r f. die unter ihrem Gründer und Besitzer, der auch in der jüd. Literatur sehr bewandert ist, demnächst ihr 50jähriges Bestehen hat, hat für ihre zahlreichen Arbeiter sehr nützliche Einrichtungen getroffen, wodurch dieselben zu anhaltender und geordneter Arbeit und zu Sparsamkeit angehalten werden, weßhald auch alle Blätter von derselben in anerkennender Weise berichten. Alsfeld (Oberheffen), 9. Oct. Unser Städtchen hat durch den Tod seines hochgeachteten Bürgers Meier Wallach einen schweren Verlust erlitten. Der Verstorbene, ein Ehrenmann in des Wortes vollster Bedeutung, hat, w:nn wir nicht irren, über ein halbes Jahrhundert, mit opferfreudiger Hingabe für alle öffentlichen Jntereffen, mit der reinsten und edelsten Menschenliebe unter uns gewirkt und nicht nur an der Hebung unserer Stadt, deren zweiter Bürgermeister er war, sondern ganz besonders an der Förderung und Erhaltung der Eintracht unter den Bekennern aller Glaubensbekenntnisse redlich gearbeitet, so daß das seltene Bild religiösen Friedens, das Alsfeld bietet, hauptsächlich sein Werk ist. Das hat auch die gesammte Einwohnerschaft tief empfunden, das brachte vor einem überaus zahlreichen Auditorium der Rabbiner vr. Salfeld aus Mainz, der den langjährigen Freund des Verstorbenen Herrn Rabb. Or. Levy aus Gießen, welcher zu erscheinen amtlich verhindert war, vertrat, in seiner Trauerrede treffend zum Ausdruck. Nachdem der Männer-Gesangverein ein ergreifendes Lied vorgetragen hatte, schilderte Redner, anknüpfend an die Worte der Sidra 1 B M. 1, 3, den vierfachen Lichtstrom seiner liebevollen, gewissenhaften, ächt jüdischen Thätigkeit. wie sie sich äußerte in seiner Familienliebe, in seiner Wohlthätigkeit und Menschenfreundlichkeit, in seiner Berufstreue und in der Wahrung und Schirmung seines Judenthums. — Die Hinterbliebenen verewigten das Andenken ihretheuren Entschlafenen, der mehrere junge Männer zu Rabbinern und Lchrern ausbilden ließ, durch Festsetzung einer ganz bedeutenden Summe für eine Stiftung zur Unterstützung studirender Theologen und Lehrer ohne Unterschied des Glaubens Mainz. 13. Oct. (Or.-Corr.) Den „Mainzer Nachrichten" vom heutigen Tage entnehmen wir folgende Mittheilung : „Ein fast unübersehbares Trauergefolge begleitete gestern die sterblichen Ueberreste unseres so rasch in der vollsten Manneskraft verstorbenen Mitbürgers Herrn Or. August Levi zur letzten Ruhestätte und gab ein beredtes Zeugnrß von der Liebe und hohen Achtung, die sich der Verstorbene zu erwerben verstanden hatte. Am Grabe gab Herr Rabbiner Or. Salfeld in schwungvoller Rede ein treues Bild des Wirkens des Entschlafenen, seines biedern, anspruchslosen Charakters und seiner im Stillen wirkenden Wohlthätigkeit. Nach dem Rabbiner ergriff Herr Rechtsanwalt Or. Levita das Wort, um im Namen und im Aufträge des Barreau's den Gefühlen der Trauer um den geliebten Collegen Ausdruck zu geben, indem er den vielen Kränzen, die den Sarg schon schmückten, einen weiteren im Namen der Collegen zufügte." Wir übersenden Ihnen diese Notiz mit dem Bemerken» baß vr. Levy, gebürtig aus Worms, dessen prächtige Synagoge ein Geschenk seines Vaters ist, mit seltener Liebe dem Judenthume, das er mit überzeugungstreuem Freimuthe allüberall bekannte und vertheidigte, ergeben war. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Die Rede, die der Ministerpräsident Tisza in Beantwortung der Miklos'schen Petition im Reichstage gehalten, lautet nach der „N. Fr. Pr" wie folgt: „Geehrtes Haus!" Vor Allem wünsche ich zwei Bemerkungen zu machen; die erste besteht darin, daß ich nicht weiß, welches Motiv Jemanden zur Meinung veranlassen kann, daß sich mit der vom Abgeordneten Jstoczy befolgten Tendenz, sei es die liberale Partei, sei es die Negierung identificirt hätte. Sowohl die Haltung der Preffe der liberalen Partei als die der Regierung selbst und der liberalen Partei liefert gegen jede solche Supposition den unzweifelhaftesten Beweis. Die zweite Bemerkung ist, daß überall in freien Ländern, also auch bei uns, sehr viele Bewegungen durch Einzelne inscenirt werden, welche Bewegungen die Regierung nicht billigt; aber sowohl bei uns wie in anderen freien Staaten gibt es kein Mittel und vielleicht würde es für viele Tendenzen gefährlich