Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 43. (21.10.1880)
- Date
- 1880-10-21
- Page
- Seite 361 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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361 — Rabbi von Nazareth der uralten Spruchweisheit sei» nes Volkes entlehnt, das herrliche Wort: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Nachdem das hohe Bibelwort Jahrhunderte lang absichtlich von beflisiener Seite vergesien war und noch in neuester Zeit selbst ein John Stuart M»ll davon redet, als ginge nne Sage, daß es auf einem fernen Backstein eingegraben sei. mußte chm noch das Schicksal widerfahren, daß ein sonst so wackerer jüdischer Schriftsteller seinen Urheber nicht kennt. (Red.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. L. Stettin, 12. October (Or.-Corr.) Das Ihnen neulich von hier mitgetheilte Gerücht, daß ein hiesiger jüdischer Fleischer Fleisch, das nicht rituell geschlachtet war, verkauft habe, hat sich leider bestätigt. Die zur Beaufsichtigung des koschern Fleisches gebildete Schechita-Commission hat sich dieser Sache auch angenommen, doch findet die von ihr getroffene Entscheidung keinen Anklang und keine Billigung. Nach dem schon etwas sehr verbrauchten und bei religiösen Dingen gar nicht zuläffigen Sprüchwort: „Wasch mir den Pelz, doch mach' mich nicht naß" hat die Commission auch hier verfahren; sie wollte es Allen recht machen und nun fühlt sich Keiner befriedigt. Wir Juden gerade, die wir so oft und so gern nach Gleichberechtigung rufen, wir müßten zuvörderst gegen uns selbst resp. gegen unsere Glaubensgenossen sehr streng sein. Die Schechita-Commiffion hätte z. B. gegen beregten jüdischen Fleischer mindestens ebenso streng Vorgehen müssen, wie gegen 2 christliche Collegen im ähnlichen Falle, das wäre zu erwarten gewesen, nicht allein obgleich, sondern gerade weil er Jude ist. Doch wie hat die Commiffion entschieden? Es gab eigentlich nur zwei Fälle, entweder der Fleischer war schuldig, und dann mußte gegen ihn ohne jede Rücksicht vorgegangen werden, oder er war nicht schuldig und dann mußte jedes Verfahren gegen ihn eingestellt werden. Die Schechita- Commiffion hat jedoch folgenden Beschluß gefaßt: Damit für die Folge Derartiges nicht wieder Vorkommen kann, wird zur Controlle des Fleischverkaufs beim Fleischer Lewin auf deffen Kosten eine Person angestellt, die beaufsichtigen muß. daß Alles ordnungsmäßig vor sich geht. Wir können diesen Beschluß für keinen glücklichen halten, es sieht so aus, als ob damit der ganzen Sache nur ein Mäntelchen umgehängt worden um sie zu vertuschen; aber viele Mitglieder der Gemeinde lassen sich keinen Sand in die Augen streuen. Die Commiffion hätte bei mehr Entschiedenheit, sich die Rischus machenden Angriffe in den hies. öffentlichen Blättern ersparen können. — In Nr. 41 brachten Sie die Nachricht, daß der Herr Oberpräsident Freiherr v. Münchhausen die Abhaltung einer Hauscollecte zu Gunsten des „Vereins jüdischer Lehrer in Pommern" genehmigt hat Unser Rabbiner Herr Dr. Vogelstein, der Leiter und d'e Seele dieses Vereins, hatte am letzten Tage Succoth Veranlaffung genommen, in seiner Predigt darauf hinzuweisen und an die Mildthätigkeit der Gemeinde zu appelliren. Die gute Sache, um die es sich handelt, verdientes, daß die Beiträge recht reichlich fließen mögen. Bromberg, 5. October. (Or.-Corr.) Heute wurde in Gegenwart beider Gemeindebehörden, des Herrn Rabbiner vr. Gebhard, der Schulkinder der Religionsschule und sämmtlicher Gemeindebeamten Herr vr. Theodor in sein Amt als zweiter Rabbiner und Religionslehrer der hiesigen Gemeinde eingeführt. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Louis Aronsohn stellte nach warmen Begrüßungsworten den Kindern in Herrn vr. Theodor den Dirigenten und Lehrer der Religionsschule vor und sprach die Versicherung aus, daß die Gemeindebehörden jede Bestrebung zur Hebung der Religionsschule gern unterstützen werden. Herr vr. Theodor .sprach Worte des Dankes für seine Berufung sowohl wie für die vertrauensvollen Worte mit denen er begrüßt wurde und hielt sodann eine längere Ansprache über die Bedeutung des Religionsunterrichtes in der Jetztzeit. Hervorgehoben zu werden verdient gewiß der Satz, daß „die Schule im Dienste der ganzen Gemeinde stehe" wie es in der That als erfreulich zu verzeichnen ist, dißin der hiesigen Gemeinde die Religionspflege, die in der Religionsschule und im innigsten Zusammenhänge mit ihr an den höheren Schulen von Gemeindewegen organisirt ist, den Unterricht der gesammten jüdischen Jugend Brombergs umfaßt. Herr vr. Theodor forderte mit Berufung auf einen Wortführer der modernen deutschen Philosophie den Religionsunterricht wie für die niederen so auch für die höheren Schulen, wie für die zarte Jugend so auch für das vorgerückte Alter. Die Verschiedenheit im Unterrichte könne wohl die Form, nie und nimmer aber die Sache selbst betreffen. An eine Verschiedenheit des zu lehrenden Inhaltes der religiösen Wahrheiten für verschiedene Anstalten könne nicht gedacht werden, wie ja wohl auch in der Mitte des Jndenthums die Ansicht, daß zwischen dem Glaubensbedürfnisse des wissenschaftlich Denkenden und dem des nicht wiffenschaftlich Gebildeten eine unüberbrückbare Kluft bestehe, als überwunden zu betrachten sei. Die religiöse Entwickelung könne erst in reiferen Jahren vollendet und darum dürfen Die, welche sich Rechenschaft davon ablegen wollen, wie ihr religiöses Urtheil sich gebildet hat. welche in religiösen Dingen später vielleicht gar ihre Meinung laut äußern sollen, nicht zu früh dem Religionsunterrichte entzogen werden. Herr vr. Theodor wies sodann darauf hin, daß nicht der Glaube, sondern das Wiffen Grundprincip des Judenthums sei und daß die Religionsschule die Aufgabe habe, durch Wiffen den Glauben der Jugend zu schaffen und zu erhalten. Mit Worten, in denen der Segen Gottes über die Schule herabgefleht wurde, schloß Herr vr. Theodor seine wohlgelungene Ansprache. Nach ihm nahm Herr Rabb vr. Gebhard das Wort, um in liebenswürdiger Weise Herrn vr. Theodor als jüngeren Collegen zu begrüßen. Er meinte der Vorsitzende Herr Aronsohn habe vom Standpunkte des „Staates" gesprochen; seines Amtes sei es, die „Kirche" zu vertreten und das Jntereffe, das das Judenthum an dem Gedeihen der Schule habe, darzulegen. In einer außerordentlich spannenden und geistreichen Ausführung über Synh. 101a schilderte er, was er Hoffnungsreiches für vr. Th. wünsche. (Vielleicht ist es uns vergönnt, diese geistreiche Ausführung als Ganzes noch nachzulragen.) An den Ausspruch R. Akiba's j'Tid' zuletzt anknüpfend, wendete sich der Herr Rabbiner an die Vertreter der Gemeinde und sprach über alle die Leiden, die das rabbinische Amt ja mit sich bringe, auch über die „Leiden der Liebe", die die Gemeinde dem Rabbiner oft noch ganz besonders zuweise und schloß mit dem Wunsche, daß dem jungen Collegen alle Leiden des Amtes, auch die der Liebe, erspart seien und daß er zum Wähle und zum Heile der Gemeinde wirken möge. Hierauf erwiderte Herr vr. Theodor bescheidentlich den Vergleich mit den großen Männern der Vorzeit ablehnend und hervorhebend, daß Gebhards' relig. Anschauungen dieselben seien, wie die des Breslauer Seminars, der der Redner seine theologische Ausbildung verdanke, denn dort walte der Geist Frankels, der seine Schüler (begreifen) lehrte, wie das Judenthum die edleren Zeiteinflüffe in sich aufnehmen, die unedlen von sich weisen solle, wie es auf die Zeitbedürfniffe eingehe ohne seine Eigenthümlichkeit aufzugeben, wie das Judenthum bei allen Wandlungen und Strömungen der Zeit seinen Glaubenskern bewahre, als die Religion der Väter uns bleibe. Der Redner schloß mit dem Wunsche?, daß es ihm beschieden sein möge, viele Jahre des Glückes neben G. zu wirken zum Wohle der hiesigen Gemeinde und des Judenthums. Cassel, 11. October. Die heutige Nr. der „Heff. Morgenzeitung" bringt folgende Erklärung: Das Vorsteheramt der Israeliten zu Fulda hat den Synagogen-Aeltesten zu Hers« feld unter Strafandrohung aufgegeben, den Gottesdienst in der Synagoge jeden Samstag Morgen schon um 7 Uhr