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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-21 · N° 43. (21.10.1880) · p. Seite 360

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 43. (21.10.1880)
Date
1880-10-21
Page
Seite 360 (sequence 2)
Language
German
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— 360 — machen, so zeigt der Fall Dahan, daß man sogar die Behörden der Mißhandlung selbst beschuldigen muß. Der Gouverneur von Entiffa befiehlt, daß Jacob Dahan gepeitscht wird und zwar nicht mit dem Stocke, sondern mit Lederriemen, mit einem Ochsenziemer. Früh um 8 Uhr beginnt in Gegenwart des Gouverneurs die Schlägeoperation. Der Gouverneur entfernt sich, überläßt den Soldaten die weitere Ausführung der prügelnden Justiz und geht nach Hause. Dahin läßt er nun alles Eigenthum des I. Dahan schaffen. Die Soldaten schlagen immer weiter, da sie keinen Befehl aufzuhören erhielten, und so vergeht der Vormittag, sie schlagen immer noch, es wird endlich sogar 2 Uhr Nachmittags, da bemerken die pflichtgetreueu Schergen, daß sie keinen Lebenden mehr schlagen, sondern eine Leiche. Nun machen sie dem Gouverneur Mittheilung von dem durchschlagenden Erfolge ihrer Pünktlichkeit und sind erlöst. Der arme Sohn des Gemordeten wendet sich an das französische und italienische Consulat, sie rathen ihm nach Tanger und von da nach Fez zu reisen, um dem Sultan selbst diesen ungeheuerlichen Fall vorzutragen. Aber über einen Monat ist schon vergangen, seit Dahan's Sohn in Fez war, aber noch ist Nichts geschehen; ja wie ein dem Anscheine nach wohlunterrichteter Correspondent des „Jewish World" schreibt, hat Dahan keine Aussicht, den Tod seines Vaters gestraft zu seh§n. So steht es jetzt in dem Marocco, das keinen Consulatschutz den verfolgten Juden zuläßt. Kaum finden wir Worte, um das zu sagen, was uns Thränen bitteren Schmerzes vergießen läßt; sollen wir die ganze Schaale unseres ohnmächtig gen sittlichen Zornes über dieses afrikanische Rumänien ausgießen, sollen wir die Gerechtigkeit des Himmels anrufen, und sagen SpsB'n dt nöpj mpj? Hier fühlen ulir wieder, wie berechtigt eine solche Bitte sein kann und ist, und wie im Hinblick auf der Brüder Elend solche Gebetstellen doch noch nicht ganz veraltet sind; denn was ist in solchen Fällen natürlicher, als das Gebet, daß Gott hier Hilfe schaffe, daß er das vergoffene Bruderblut sühne, welches aus der Erde um Sühne ruft. Kann man es uns verargen, daß wir Angesichts solcher die Menschheit entehrenden Verbrechen Gottes Richteramt anrufen. Aber bleibt uns nur das eine Mittel, die göttliche Gerechtigkeit anzurufen? Haben wir mit Nichts Hoffnung, das Wiederholen solcher Blutgerichte zu verhüten? Wir heben unsere Augen zu den Staaten, doch sie helfen nicht, jeder von ihnen kann und mag sich nicht in die Interna des Landes Marocco einmischen. — a'2'132 invDN Die Politik hilft uns Nichts. Hier müffen wir allein an unsere Glaubensgenoffen in Marocco selbst appelliren. Sie mögen sich prüfen und ihre Lage. Vor Allem müßten sie unter einander sich einigen, der an Geld und Einfluß Reiche für den Armen eintreten, die Gemeinden sich verbinden und gemeinsam gesetzliche Mittel der Abhilfe aufsuchen. Nicht an fremden Schutz, der ja so unzuverläffig ist, an ihre eigene Kraft mögen sie denken. Und wenn sie einig sind, so mögen sie sorgen, daß sie alle Pflichten des StaatsbürgerthumS auf sich nehmen, freudig gern, daß sie für das Wohl ihrer Mitbürger beten, arbeiten und unabläffig dem Staate Treue zeigen und nicht auf das Ausland bauen. Was hat all das lärmende Plaidiren für Rumänien den rumänischen Juden thatsächlich genützt? Nichts! ES giebt hier nur einen Rath: Inneres Verbinden, volle Treue gegen den Staat, Eintritt in die nationale Arbeit, das sind die T h a t e n, welche unser Aller Gebet unterstützen werden und müffen. K r o n e r. Offenes Sendschreiben nn Herrn Julius Rodenberg. Mit vielem Vergnügen habe ich, wie gewiß auch viele Andere, Ihren Aufsatz im Augustheft der „Deutschen Rundschau", betitelt „die Weltliteratur", gelesen, allein zu meinem Bedauern findet sich in demselben eine Stelle, die zu bedenklichen Mißverständnissen Anlaß geben kann, und deren Berichtigung ich daher im Interesse der Wahrheit und der Humanität für durchaus geboten erachte. Auf Seite 281 gedachter Zeitschrift heißt es nämlich: „Aber während die Juden in der durch ihre Lage bedingten und durch ihre Gesetze vorgeschriebenen Jsolirtheit mit Haß auf ihre Nachbaren blickten und täglich beteten: „Schütte deinen Grimm auf die Heiden und auf die Königreiche, die deinen Namen nicht anrufen u. s. w." Abgesehen davon, daß die citirte Stelle kein vorgeschriebenes oder je gebrauchtes tägliches*) Gebet ist, sondern das lyrische Gedicht eines Psalmisten, das, wie jedes Gedicht ähnlicher Art die subjective Herzensergießung des Dichters bei ihn aufregenden Ereignissen, so haben Sie dadurch, daß Sie besagte Stelle aus ihrem Zusammenhang geriffen, dieselbe großen Mißdeutungen preisgegeben. Welch ein schreckliches Bild muß sich nicht ein mit der Bibel wenig Vertrauter nach diesem Citat sowohl von der Bibel als von dem Volke, welches sie als eine göttliche Offenbarung verehrt, machen! Nein! so weit verstieg sich nicht einmal Tacitus in seinen Aeußerungen gegen Christen und Juden. Die Bibel, welche den Juden befahl, selbst die Aegypter, von denen sie gerade keine sehr humane Behandlung erfahren hatten, nicht zu verachten, weil sie längere Zeit in ihrem Lande lebten; die Bivel, die nicht unterlassen hat, den Juden anzubefehlen, das Recht einer heidnischen Kriegsgefangenen zu respectiren. sie mit Rücksicht und Milde zu behandeln und ihre Pietätsgefühle gegen ihre heidnischen Eltern nicht zu verletzen, sie sollte es gutheißen, Gott um Vertilgung sämmtlicher Nichtjuden anzuflehen! Wie ganz anders aber stellt es sich heraus, wenn man diese Stelle (Psalm 79,5) in ihrem Zusammenhang ansieht. Das ganze Capitel ist nur gegen Diejenigen gerichtet, „die Jerusalem in Trümmerhaufen verwandelt, das Blut der friedlichen Juden wie Wasser vergossen, die Leichname derselben den Vögeln und wilden Thieren zum Fräße vorgeworfen", und dann heißt es wörtlich: „Gott möge auf sie seinen Grimm ausschütten, weil sie Jacob vernichtet und seine Wohnung verwüstet haben." Derartige Verwünschungen haben auch wohl die Deutschen in der Jnvasionszeit zu Anfang unseres Jahrhunderts gegen die Franzosen, wie diese wiederum in den Jahren 70/71 gegen die Deutschen gehegt und ausgesprochen. Gedichte beider Nationen in den verschiedenen Zeiten zeigen zur Genüge, wie sich selbst in unserm Jahrhundert der allgemeinen Civilisation siegende und besiegte Völker mittelst gegenseitiger Schmähungen und Verwünschungen Luft machen, was Wunder also, daß man im Alterthume gegen solche, heutzutage kaum mögliche Grausamkeiten sich derartigen Herzensergießungen hingab. Thorn, den 5. Oktober 1880. Isaak Misses. Ein ähnliches Pröbchen von der immer mehr hervortretenden U n w i s s e n h e i t unserer jüdischen Romanciers in jüdischen Dingen hat Karl Emil Franzos geliefert. Und zwar gleich ein saftiges. Im 19. Kapitel seines eben in der „N. F. P." erscheinenden Romanes: „Ein Kampf ums Recht", steht es wörtlich zu lesen: „sondern begnügte sich vom Heiland zu erzählen und an jenes Wort anzuknüpfen, welches der edle *) R. schwebte wahrscheinlich die Seder-Abend-Liturgie vor, in welche die Stelle wohl zur Marannenzeit hineinkam; deshalb auch das Oeffnen der Thüre, um sich zu überzeugen, daß lein Scherge der Inquisition horche. Uebrigens befindet sich in dem R.'schen Aufsatz Seite 282 eine vollständig das Judenthum verläugnende Stelle, die zeigt, daß R. nur dem Namen nach — er heißt bekanntlich Julius Levi aus Rodenburg — noch mit dem Judenthum zusammenhängt. (Red.)

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