Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 42. (14.10.1880)
- Date
- 1880-10-14
- Page
- Seite 355 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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v . — 355 — Jom kippur in einer ungenannt gelassenen Gemeinde Frankreichbemerkt hat, begründet den Vorschlag: das Centralconsistorium wolle zu den hohen Festen stellenlose Rabbinen und Zöglinge des Seminars in die Gemeinden senden, die keine Rabbinen haben, damit sie predigen und nach Anordnung des Conststoriums die Liturgie verrichten. (In Deutschland haben viele kleinere Gemeinden schon seit vielen Jahren den löblichen Brauch. Zöglinge der Rabbinerschulen als Festtagsprediger zu berufeu. Eine einheitliche Liturgie dagegen thäte auch uns noth. Red.) Paris. Die Spenden für die religiösen und Wohlthätigkeitsanstalien betrugen in den Monaten August und September 48,700 Frcs. (38,960 M.j — Vor Karzem starb hier Herr Victor Coblence, der Erftnder der Verwendung der Galvanoplastik für den Bachdruck. Früher einfacher Arbeiter, ist Herr C. ein tüchtiger Künstler geworden, dessen Mithülfe alle illustrirten Blätter, besonders das „Magazin Pittoresque", eifrig suchten. (Beweis für den Mangel an Dexterität der Juden!) — Fast gleichzeitig starb in Bellevue Herr Julius v. M ose nt ha l, Bruder des Dichters, 61 Jahre alt. Er war Chef eines bedeutenden Importgeschäftes, das seine Hauptbeziehungen zum Kap der guten Hoffnung hat. (Beweis für die Unfähigkeit der Juden, am Welthandel theilzunehmen!) Aber vollends beweisen Beide, die aus Deutschland stammten, wie auch der Jude nur da seine Fähigkeiten entwickeln kann, wo ihm Licht und Luft und Freiheit gegönnt wird. Rumänien. Bohusch. (Eine N e u j a h r s v i s i o n.) Am ersten Tage des Neujahrsfestes, der Tag begann kaum zu grauen, wurden wir aus dem Schlafe geweckt. „Steht auf jüdische Kinder! Steht auf und eilt in die Synagoge, gehüllt in Bettzeug und Todtenhemd", also lautete die weckende (Stimme, dieser Weckruf war so geheimnißvoll, die Stimme so wehmüthig, divibrirend. Man muß gerade nicht in Rumänien leben, daß wir durch geographische•: Verirrung aus der Nachbarschaft Marocco's in Europa zu liegen kommen, um bei einer solchen plötzlichen Aufstörung aus den sanften Armen des Schlafes von Furcht und Schrecken ersaßt zu werden. Jeder glaubte wie ich, die — von der öffentlichen Meinung — unabhängigen Rumänen habe wieder die Laune angewandelt, eine Scene zu machen, um den Geist dieses Jahrhunderts zu höhnen und Europa seinen Spott fühlen zu lassen. In kaum einer Viertelstunde standen wir in der Synagoge, in Betmantel und Todtenhemd gehüllt, Alle das Gesicht gegen Morgen, die Augen zum Himmel und das Herz zu Gott gewendet. Wir bewegten uns nur geräuschlos, leise, schier geisterhaft, stumm und in sich gekehrt, als sei es die letzte Abrechnung mit der Welt und die letzte Aussöhnung mit Gott. Wir mochten so eine unbeschreibliche Stunde verbracht haben, als der Rebbe Reb Jtzunju die Stufen zur heiligen Lade erstieg, diese weit öffnete. Auch er war weiß, man könnte sagen, im weißesten Weiß gehüllt, und sein blasses, bleiches Gesicht stach nur wenig von seinen Gewändern ab. Bei der ernstesten Miene der Welt, die er zur Schau trug, i konnte man ihn als einen Engel von Eis ansehen. Zum Publikum gewendet, ließ er sich mit langgedehnter, wehmuthsvoller, schauerlich bebender Stimme also vernehmen: „Jüdische Kinder! Diese Nacht hatte ich einen fürchterlichen Traum: Der treue Bote Gottes, der heilige Prophet Eliahu, erschien und überbrachte mir die Schreckensbotschaft: Michael, der Erzengel, unser Snegor, unser Anwalt, habe vor dem Richterstuhle Gottes diesmal betreffs Unserer einen sehr schweren Stand. Jüdische Kinder! — hier klang seine Stimme klagend, weinend — er siehe sogar auf dem Punkte, unsere Sache fallen zu lassen." — „Um Gott des Himmels willen", warf ich ein, „um Gott des Himmels willen! Wie so Das? und warum Das? Haben sich doch die Juden dies Jahr mehr als vorher in ihrem Eifer für die Sache Gottes für's „orthodoxe Judenthum" oder für's sogen. „wahreJudenthum" ausgezeichnet. Die orthodoxen Bestrebungen der deutschen Juden gar > nicht gedenkend, will ich nur das verdienstvolle Gebahren des ehrenwerthen Vereins Machasikeh hadass in Galizien mit ihrem ihrer Centrale in Lemberg, Hinweisen. Und was thaten und thun alle diese Frommen nicht zur größeren Ehre Gottes und zur Verherrlichung des jüdischen Namens, der jüdischen Religion? So s e l b st v e r g e s s e n d, so nichtsschonend sind die Juden für das orthodoxe oder wahre Judenthum noch nie eingetreten." — „Das ist es eben," entgegnete mir der ewige Bote Gottes Eliahu hanabi, „das i|t es eben, was Satanas Semi-el (sernläerw?), der Ankläger und geschworene Widersacher der Juden und des Judenthums vor Gott führte und zum Gegenstand seiner Anklage machte, und das ist es eben, was dem Erzengel seinen Standpunkt als Paraklet, als Vertheidiger, erschwert und ihm ganz den Muth benimmt. Jenes orthodoxe Judenthum und dieses wahre Judenthum, jene orthodoxen Eiferer oder Austrittler und diese fanatischen Glaubenskrückler verzerren das Bild des echten und reinen Judenthums bis zur Parodie und verunstalten die Grundbegriffe der Hellen und erhabenen Lehren der jüdischen Religion bis zur Unkenntlichkeit." — „Aber", fragte ich wieder, „aber warum sie es nicht unfern Erzvätern Abraham, Jsak und Jakob vermeldeten, sie sollen doch vor den Richterstuhl Gottes und für ihre Nachkommen unbedingt e in treten!" — „Ihr erstes charakteristisches Merkmal ist Schamgefühl (DW’S)", entgegnete mir der unsterbliche Tisbite. Und somit schämen sie sich im Angesichte so vieler Myriaden Engelschaaren, die heute vor Gott erscheinen, als die Ahnen dieser bis zur Unkenntlichkeit entstellten und doch als die wahren und orthodoxen Juden sich geberdenden Nachkommen auszugeben. Und in der That, sie laufen ernstlich Gefahr, nach so vielen gefeierten Triumphen und dem ob des israelitischen unbesiegbaren Geistes geernteten Ruhmes wegen Verflachung, Verdummung und Verirrung desselben verlacht und verspottet zu werden. „Nun", schloß Rebbe Reb Jtzuniu seine Erzählung, „nun ist es unsere Aufgabe, unsere Sache selbst zu führen, geloben wir Gott, nicht in jene m Sinne orthodoxe und wahre Juden zu sein, und Gott, der nur Besserung fordert, wird auch diesmal langmüthig und erbarmungsvoll sein." — Nach dieser empfangenen Offenbarung führten wir auch unsere Sache selbst und beteten mit wahrer Inbrunst. Schon aber zum Mussaphgebet hatten wir die Genugthuung zu vernehmen. daß dem Erzengel Michael der Beweis gelungen, daß die ärgsten Judenfeinde — wie es der Verfasser des bekannten Nethiboth-Olam gewiß ist, der sich ja auch als Bekenner des „wahren Judenthums" ausgiebt und doch im Dienste der judenfeindlichsten Religion steht — sich als wahre und orthodoxe Juden auszugeben pflegen; so nahm er mit gewohnter Energie der Sache der Juden, des einig-einzigen Volkes, sich wie bisher wieder an. vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. In der neuesten Nr. des zu Jerusalem erscheinenden hebräischen Blattes „Chawazeleth" lehnt der Rebacteur die Verantwortlichkeit für die Angabe. — daß die C'.aluka 4 Millionen Rubel jährlich eintrage, — die wir ihm entnommen und die „Chronicle" und „World" uns nachgeschrieben hatten, — von sich ab auf seinen Corresponveuten in Boituschan. Der gefch. College in Jerusalem wolle bemerken, daß man ihn in Palästina betreffenden Dingen für unterrichteter zu halten berechtigt ist, als alle andern Redakteure, und wenn er eine solche Angabe in seinem Blatte unbeanstandet abdruckt, dann übernimmt er damit die volle Verantwortlichkeit dafür. Und wenn er weiter sagt, daß dies etwa die Summe des gesammelten, aber bei weitem nicht die des z u r V e r t h e i l u n g gelangenden Geldes angebe, da die Unkosten (die Hälfte bleiben in den Händen der europäischen Sammler) selbst ohne Hinzurechnung des Gestohlenen 2/3 verschlingen, so hat er unsere Angabe und die daraus